Antibiotika

25'000 Tote pro Jahr wegen Resistenzen: Überlebenskampf gegen Superkeime

Weil Bauchoperationen häufig zu Infektionen führen, wird Antibiotika präventiv verabreicht. Nicht in jedem Fall ist das sinnvoll.

Weil Bauchoperationen häufig zu Infektionen führen, wird Antibiotika präventiv verabreicht. Nicht in jedem Fall ist das sinnvoll.

In Europa sterben jedes Jahr tausende Menschen, weil kein Antibiotikum mehr wirkt. Die Fälle von Resistenzen gegen Superkeime nehmen auch in der Schweiz zu. Die Politik bewegt sich nur langsam.

Es ist eine Bedrohung für unsere Gesundheit, eine mit Ansage: Der häufige und unsachgemässe Gebrauch von Antibiotika fördert die Resistenzbildung. Bakterien haben sich zu Superkeimen entwickelt, die gegen immer mehr Antibiotika resistent sind. In Südostasien stirbt alle fünf Minuten ein Kind an einer Infektion, weil kein Antibiotikum mehr anschlägt. In Europa sind es geschätzte 25'000 Todesfälle pro Jahr.

Für die Schweiz gibt es dazu keine Zahlen. Von mehreren hundert Todesfällen geht die Eidgenössische Fachkommission für biologische Sicherheit (EFBS) aus. Belegt ist das nicht. Denn das Zentrum für Antibiotikaresistenzen (Anresis) misst lediglich das Auftreten multiresistenter Keime. Zwar fällt auf, dass die Zahl der Personen mit Keimen, bei denen auch die neueste Generation Antibiotika (Carbapeneme) keine Wirkung mehr zeigt, sich von 2013 bis 2016 auf fast 150 Fälle mehr als verdoppelt hat. Ein Todesurteil sei dies nicht, sagt Markus Hilty von Anresis. Er spricht von «schlechteren Karten» für eine erfolgreiche Behandlung. Es gebe immer noch zwei bis drei Reserve-Antibiotika.

Resistenzen entstehen überall

Trotzdem bezeichnet die EFBS Antibiotikaresistenzen als «grösste Bedrohung für die Gesundheit in der Schweiz». Nur ist es schwierig, die Resistenzen zu verringern, weil sie ganz unterschiedlich entstehen. Da wären der übermässige Einsatz in der Tiermast, die antibiotika-haltigen Abwässer in den Kläranlagen sowie der unsachgemässe Verbrauch durch Patienten: Bis heute verschreiben viele Ärzte Antibiotika, wenn der Patient erkältet ist. Dies, obwohl Erkältungen fast immer virale Ursachen haben – und ein Antibiotikum also schlicht nichts nützt.

Schliesslich fördern auch Reisen (vor allem nach Asien) das Risiko, multiresistente Keime einzuschleppen, weil diese dort stärker verbreitet sind. Das bedeutet: Die Gefahr zunehmender Resistenzen ist global und kann nicht in der Schweiz alleine bekämpft werden.

Nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits zur Jahrtausendwende auf die Risiken aufmerksam gemacht hatte, begann sich auch die hiesige Politik langsam zu bewegen. Zehn Jahre später entwarf der Bundesrat eine Strategie, seit 2016 wird sie umgesetzt. Aufbauend auf der komplexen Ausgangslage hat er acht Handlungsfelder definiert, die nicht nur bei Ärzten und Patienten ansetzen, sondern auch bei Bauern und Tierärzten.

Ende Woche zieht der Bund eine erste Bilanz, am nächsten Montag startet die Antibiotika-Awareness-Woche, um die Gesellschaft zu sensibilisieren.

Und ja, Fortschritte werden sichtbar. Etwa in der Diagnostik: Nicht jedes Antibiotikum bekämpft jeden Käfer gleich effizient. Ziel ist, die stärkeren Mittel möglichst selten einzusetzen. Denn je mehr sie verwendet werden, umso eher bilden sich Resistenzen. Um zu wissen, welches Antibiotikum wann angewendet wird, dienen nicht nur theoretische Vorgaben und die Erfahrung des Arztes. Neu können innert relativ kurzer Zeit die Resistenzen eines Bakteriums in einem Labor getestet und das richtige Antibiotikum gefunden werden. Das erfordert vom Arzt einen Mehraufwand und vom Patienten, der rasch geheilt werden will, Geduld. Um die Wirksamkeit der Antibiotika zu erhalten, ist es aber wichtig.

Offene Baustellen

Obwohl der Antibiotika-Verbrauch in der Tiermast zurückgeht, ist die Situation laut SP-Nationalrätin Bea Heim (SO) unbefriedigend. Sie will über einen Vorstoss erreichen, dass Bauern den Einsatz weiter minimieren. Entweder indem die Tiere mit besserer Haltung oder mit Impfungen vor Infektionen geschützt werden. Das Problem: Antibiotika ist meist günstiger. Sie schlägt deshalb vor, beim Preis anzusetzen.

Parteikollegin Martina Munz (SH) fordert hingegen, dass der Bundesrat international intervenieren soll, weil die billige und lasch kontrollierte Antibiotika-Produktion im Ausland (etwa in Indien) die Bildung neuer Supererreger fördert. In Europa werden kaum mehr Antibiotika hergestellt, weil der Verkauf den Aufwand für die Produktion nicht deckt. Auch die Erforschung eines neuen Antibiotikums lohnt sich nicht: Das neue Mittel wäre ein Lebensretter, würde aber nur äusserst sparsam eingesetzt, um Resistenzen zu verhindern. Denn: Wenn sich ein Medikament kaum verkaufen lässt, lässt sich der Aufwand für die Forschung nicht finanzieren.

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