Porträt
21 Tabletten pro Tag halten das Virus in Schach

Benj Wöhrle ist seit seiner Geburt HIV-positiv. In den letzten Monaten fehlte ihm die Kraft, sich in der Aids-Prävention zu engagieren. Dennoch schmiedet er wieder Zukunftspläne. Er will die Lehre beenden und eine eigen Wohnung finden.

Karen Schärer
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Eine mehrmonatige Kur soll Benj Wöhrle wieder fit machen.

Eine mehrmonatige Kur soll Benj Wöhrle wieder fit machen.

Als die «Nordwestschweiz» Benj Wöhrle das erste Mal porträtierte, auf den Tag genau vor drei Jahren, stand er an einem verheissungsvollen Punkt in seinem Leben, das vom Tag der Geburt an einer Achterbahnfahrt geglichen hatte. Nach Jahren ohne feste Adresse hatte der 23-Jährige im Herbst 2009 eine eigene Wohnung im Raum Zürich bezogen und eine Lehre als Koch begonnen.

Diese Woche nimmt Benj Wöhrle den Anruf der Journalistin in Oberägeri im Kanton Zug entgegen. Hier ist er seit über zwei Monaten zur Kur. Offen erzählt er, wie es ihm seit dem letzten Gespräch ergangen ist. Sein stabiler Alltag hielt nur etwa zwei Jahre lang: «Als meine Beziehung zerbrach, ist alles wie ein Kartenhaus zusammengefallen», sagt Wöhrle. Er stürzte ab, trank, setzte seine Medikamente ab, verlor nebst der Lehrstelle auch die Wohnung und fand sich im Sommer 2011 im Männerheim der Heilsarmee wieder. «Dort hielt ich es aber nicht lange aus; ich lebte dann eine Weile im Wald», sagt Wöhrle.

In schlechtem Zustand kam er schliesslich ins Spital. Er konnte vor Schmerzen in den Beinen nicht mehr gehen, auch starke Bauchschmerzen plagten ihn. Seit September 2011 sei er quasi nonstop im Spital, sagt der heute 26-Jährige.

Wöhrles Mutter hatte sich in der Zürcher Drogenszene mit HIV angesteckt und starb, als Benj noch ein Baby war. Ihm selbst hatten die Ärzte eine kurze Lebensdauer prophezeit. Nach seinem Befinden gefragt, sagt er: «Jetzt geht es mir eigentlich gut.» Das HI-Virus ist in seinem Blut nicht mehr nachweisbar. Seit einem Jahr hat er keinen Alkohol mehr getrunken. Und dank der Physiotherapie kann er sogar wieder Sport treiben.

Nach der Kur die Lehre beenden

So schmiedet Benj Wöhrle wieder Zukunftspläne. Er will seine Lehre beenden. Sein Lehrmeister sei bereit, ihn für das letzte Lehrjahr nochmals aufzunehmen. Wöhrle hofft, dass er mithilfe seines Beistands auch wieder eine eigene Wohnung findet. Und die Liebe? «Das wäre natürlich schön», sagt Wöhrle. Doch aus seiner Geschichte hat er gelernt: «Die Hauptperson in meinem Leben muss ich selbst sein.»

Seit seiner Geburt hat Wöhrle zig HIV-Therapien ausprobiert. Aktuell muss er morgens 13 verschiedene Tabletten einnehmen, abends je nach Wochentag 6 bis 8. Die Langzeitnebenwirkungen sind dank einer Cortison-Therapie unter Kontrolle. Sobald er genug Kraft hat, will Benj Wöhrle sich wieder in der Aids-Prävention engagieren und vor Schulklassen auftreten. Am heutigen Welt-Aids-Tag lässt er es sich aber nicht nehmen, in Zürich einen Fackelumzug anzuführen.