Atomkraftwerk
2039 ist Schluss mit Atomstrom

Spätestens im Jahr 2039, bei Vertragsablauf mit dem Atomkraftwerk Gösgen, soll der städtische Energieversorger Energie Wasser Bern (EWB) aus dem Atomstrom ausgestiegen sein. Im Gegenzug will die EWB-Besitzerin Stadt Bern mehrere 100 Millionen Franken in erneuerbare Energien investieren.

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Solothurner Zeitung

Bruno Utz

«EWB geht keine neuen Beteiligungen an Atomkraftwerken ein und verlängert bestehende nicht.» Dieser Satz steht in der neuen Eignerstrategie, die der Berner Gemeinderat für «seine wertvollste Beteiligung» (Nause) EWB beschlossen hat. In der Strategie ist auch das späteste Ausstiegsdatum festgehalten: «Innerhalb der Betreibergesellschaft hat sich EWB für eine Stilllegung des Atomkraftwerks Gösgen nach Ablauf der Regelzeit (spätestens 2039) einzusetzen.»
«Der Berner Bär ist schneller als der Zürcher Löwe», sagte gestern vor den Medien der zuständige Gemeinderat Reto Nause (CVP) und schob nach, die Stadt Zürich habe ihren Ausstieg auf 2044 festgelegt.

Versorgungssicherheit bleibt

Dem Atomausstieg gleichgestellt sind in der Strategie die auch für die Kunden bedeutenden Eckwerte wie Versorgungssicherheit und Erhalt der Netzqualität. Und EWB, das Unternehmen befindet sich zu 100 Prozent im Besitz der Stadt Bern, soll sogar seinen Wert steigern. EWB-Verwaltungsratspräsident Daniel Kramer schätzte diesen auf «mehr als eine Milliarde Franken». Kramer lobte die Eignerstrategie: «Es sei wichtig, dass der Ausstieg früh entschieden ist. Die Strategie ist realistisch. Sie macht mir einen sehr guten Eindruck, wenn wir auch bei der Umsetzung stöhnen werden.»

Gemäss Nause und Kramer berücksichtigt der Ausstiegsplan eine jährliche Absatzzunahme von Strom von 0,5 Prozent. Damit die Stromversorgung aus eigener Produktion auch nach 2039 erhalten bleibt, soll EWB in erneuerbare Energien und in das Gas- und Dampfkraftwerk Forsthaus investieren. Letzteres soll 2013 ans Netz gehen und 2032 ersetzt werden, allenfalls durch ein Geothermie-Werk. Die für den Produktionsausbau von durchschnittlich 11 GwH jährlich, das entspricht dem Stromverbrauch von rund 2000 Haushalten, notwendigen «mehrere 100 Millionen Franken» will die Stadt vor allem mit dem Verkauf von überschüssigem Strom finanzieren. «Deshalb, und weil wir kein Gas-Grosskraftwerk wollen, ist auch kein schnellerer Ausstieg machbar. Wir brauchen die Erträge aus dem Verkauf von vergleichsweise günstigem Atomstrom», sagte Nause. EWB ist auch am deutschen Atomkraftwerk Fessenheim beteiligt. Derzeit könne EWB rund ein Viertel seiner Stromproduktion beziehungsweise dem Bezugsanteil aus Beteiligungen im Handel absetzen.

Hohe Verbindlichkeit

Die Tatsache, dass die Ausstiegsstrategie mit hohen Investitionen verbunden ist, «bürgt für deren höchstmögliche Verbindlichkeit», sagte Nause. Die Strategie funktioniere auch bei einem Ja des Schweizer Volks zum Bau neuer Atomkraftwerke. «Wir müssen aber alles daran setzen, mit einer starken Förderung von Strom aus Wind, Sonne Wasser ein mit Atomstrom vergleichbares Preisniveau zu erreichen.» Atomstrom aus neuen Kraftwerken werde aber auch teurer, sagte Kramer. Auch bei einem Scheitern von KWO plus - EWB ist daran beteiligt - sei der Atomausstieg machbar. Und Nause sagte: «So wie er vom Gemeinderat aufgegleist ist, stehe ich auch persönlich hinter dem Ausstieg.»

Grosse unternehmerische Freiheit

Laut Adrian Stiefel, Leiter Amt für Umweltschutz, setzt der Gemeinderat mit dem Atomausstieg um, was dazu in der Gemeindeordnung steht. Die Eignerstrategie berücksichtige die in der Gemeindeordnung festgeschriebenen Forderungen zur Nachhaltigkeit, Effizienz und Ökologie. Innerhalb der vom Gemeinderat gesetzten strategischen Leitplanken verfüge EWB über grosse unternehmerische Freiheiten. Diese Einschätzung von Stiefel bestätigte Kramer. Die geografische Erweiterung des Vertriebsgebietes sei ebenso möglich wie die Zusammenarbeit mit anderen Stromversorgern.

EWB wird nicht verkauft

Einen Teilverkauf von EWB lehnte der Gemeinderat bereits 2007 ab. Der Stadtrat doppelte im November 2008 nach, indem er einen überparteilichen Vorstoss von Bürgerlichen und GFL/EVP mit 38 zu 33 bachab schickte.

EWB versorgt in der Stadt Bern und Umgebung rund 70 000 private Haushalte, 8000 KMU und 100 Grosskunden mit Strom, Erdgas, Fernwärme, Telekommunikation und weiteren Dienstleistungen. 2008 erwirtschaftete EWB einen Umsatz von 416,5 Millionen Franken. Der Gewinn betrug 62,2 Millionen. In die Stadtkasse lieferte EWB 35 Millionen Franken ab.

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