Die nationale Politik stand diese Woche im Zeichen von Europa. Am Mittwoch entschied der Bundesrat, dass Staatssekretär Yves Rossier ab sofort alle Verhandlungen mit der EU koordiniert. Er soll mit der EU Lösungen in allen offenen Fragen finden, also eine Art Bilaterale III aushandeln. Dafür gibt es von allen Seiten Lob. Denn inzwischen ist es Common Sense: Die Schweiz wird der EU nicht beitreten. Ebenso wenig aber kann sie sich abkapseln.

Diese Woche starteten auch die Kampagnen für und gegen die Masseneinwanderungsinitiative, über die wir am 9. Februar abstimmen.

Da herrscht Einigkeit nur in einem Punkt: dass sie wegweisend ist. CVP-Präsident Christophe Darbellay nennt sie gar «die wichtigste Abstimmung der Legislatur», weil es für die Wirtschaft um den Zugang zum EU-Markt mit seinen 500 Millionen Bürgerinnen und Bürgern gehe.

Und trotzdem: Die Initiative hat intakte Chancen. Die SVP kämpft einmal mehr allein gegen alle anderen - und einmal mehr hat sie einen Nerv getroffen. Im Empfinden vieler Schweizer wandern zu viele Ausländer ein, und fast jeder weiss von irgendeinem Erlebnis zu berichten, das diese These stützt.

Die jüngere Vergangenheit hat gezeigt: Wenn ein Thema brodelt und die Stimmbürger sich erstmals dazu äussern können, dann ist alles möglich - siehe Anti-Minarett-, siehe «Abzocker»-Initiative.

In den vergangenen Jahren wanderten netto jedes Jahr rund 80 000 Menschen ein, der Ausländeranteil liegt heute bei über 23 Prozent. 2014 können sich die Stimmbürger erstmals seit langem zur Einwanderung äussern - zuerst im Februar, ein zweites Mal im Herbst zur grünen Ecopop-Initiative, die die Einwanderung stark beschränken will.

Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Sonntag», hatte recht, als er bereits vor Wochen in seinem Editorial schrieb: «Die SVP-Initiative wird unterschätzt.» Daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil.

Der Wirtschaft ist es noch nicht gelungen darzulegen, wie eminent wichtig die Personenfreizügigkeit für die Unternehmen und letztlich für unseren Wohlstand ist. Und der Bundesrat hat es bis jetzt unterlassen, aufzuzeigen, dass er das Unbehagen vieler Menschen ernst nimmt. Und dass er beispielsweise nach Wegen sucht, um den Zugang zu den Schweizer Sozialwerken zu erschweren.

Derzeit scheint es so, als sei nach den engagierten, aufwendigen Abstimmungskämpfen gegen die «Abzocker»- und gegen die 1:12-Initiative die Luft draussen. Und ausgerechnet jetzt befindet sich Economiesuisse nicht in bester Verfassung: Der designierte Direktor tritt sein Amt nicht an, die Kampagnenchefin tritt zurück, wie diese Woche bekannt wurde.

Die Wirtschaft ist aber derzeit auch deshalb im Dilemma, weil sie bereits bei den beiden anderen wirtschaftspolitischen Initiativen vor Jobverlust, Firmenexodus und Wohlstandsminderung warnte. Irgendwann wetzt sich die Angstkeule ab.

Und so könnte es sein, dass die Geschichte dieses Mal endet wie die Fabel vom Hirtenjungen und vom Wolf: In dieser Geschichte brüllt der Junge laut «Der Wolf!», doch als die Dorfbewohner zu Hilfe eilen, finden sie heraus, dass falscher Alarm geschlagen wurde. Als der Junge kurz darauf wirklich dem Wolf begegnet, nehmen die Dorfbewohner die Hilferufe nicht mehr ernst - und der Wolf frisst die ganze Herde auf.

Das Ja zu Minders «Abzocker»-Initiative hat die Schweiz nicht untergehen lassen. Sollten die bilateralen Verträge jedoch tatsächlich aufgekündet werden oder sollten Schweizer Unternehmen ihre Mitarbeiter künftig nicht mehr problemlos im Ausland rekrutieren können: Dann wäre das Desaster vergleichbar mit dem Wolf mitten in der Schafherde.