Der Diskurs ums Epidemiengesetz, über das am 22. September abgestimmt wird, dreht sich hauptsächlich um die Frage, ob es einen Impfzwang beinhaltet oder nicht. Wesentliche Aspekte des Gesetzes gehen in der Diskussion unter. Denn das übergeordnete Ziel der Vorlage ist es, die Bevölkerung vor übertragbaren Krankheiten besser zu schützen – Impfen ist dabei nur eine von vielen möglichen Massnahmen.

Das Epidemiengesetz nimmt sich auch der Bakterien in den Spitälern an. Pro Jahr sterben rund 2000 Menschen an Infektionen, die sie im Spital eingefangen haben – so schreibt es die Bundeskanzlei im aktuellen Abstimmungsbüchlein. Die «Weltwoche» macht diese Zahl zum Politikum: Die Wochenzeitschrift unterstellt Bundesrat Alain Berset, er hantiere mit falschen Zahlen, bezeichnet die «Propaganda-Toten» als «geschmacklose behördliche Lüge». Die Expertengruppe Swissnoso, welche die Spitalinfektionen untersucht hat, hält an den Zahlen fest, wie sie in einer Medienmitteilung schreibt.

Hugo Sax, Leiter Spitalhygiene am Universitätsspital Zürich und Mitverfasser der Studien, erklärt: «Die Zahlen zu im Spital erworbenen Infektionen sind alle hochgerechnet.» Es gebe heute keine Programme in der Schweiz, um Infektionen flächendeckend zu erheben. Die Zahl der 2000 tödlichen Infektionen stamme aus Erhebungen, an denen Spitäler freiwillig teilnahmen. Gemäss Swissnoso erfolgte die Hochrechnung «konservativ». Das heisst, «die tatsächlichen Zahlen könnten höher liegen».

Swissnoso geht davon aus, dass rund 30 Prozent der Infektionen durch Prävention verhindert werden könnten. Ein Teil entstehe bei schwierigen Operationen, durch Venen- oder Urinkatheter oder mangelhafte Hygiene bei deren Handhabung, sagt Sax. «Ob es zu einer Infektion kommt und wie die Infektion verläuft, hängt dann aber auch vom Gesundheitszustand eines Patienten ab.» Von rund einer Million Menschen, die sich jährlich in einem Schweizer Spital aufhalten, erleiden nach Hochrechnung von Sax fünf bis zehn Prozent eine Infektion. Das sind etwa 70 000 Patienten pro Jahr – rund 2000 davon sterben.

Das Epidemiengesetz sei wertvoll, sagt Sax. Dank der finanziellen Mittel des Bundes könne ein nationales Programm auf die Beine gestellt werden, um die Ursachen der Infektionen genauer zu erforschen. «Das kommt am Ende einer Million Schweizern zugute, die jährlich hospitalisiert werden», sagt Sax. Ziel sei es, die hohe Infektionsrate weiter zu senken.

Neben der Ursache der Infektion soll auch die Herkunft der Bakterien untersucht werden. Meist bringen die Patienten die Keime selbst ins Spital. Jeder Mensch trägt 1,5 Kilogramm Keime in sich. Zu den gefährlichsten gehören dabei jene, die mit Antibiotika nicht behandelt werden können. Bakterien, die Antibiotikaresistenzen gebildet haben. Allerdings ist die Forschung auch hier blockiert, weil es bis heute keine Meldepflicht gibt, wenn neue Resistenzen auftauchen.

Die Schweiz als «weisser Fleck»

Hansjakob Furrer, Chefarzt der Universitätsklinik für Infektiologie am Inselspital Bern, sagt: «In Europa ist die Schweiz weitgehend ein weisser Fleck, was das Wissen über die Ausbreitung von Resistenzen angeht.» Wie Antibiotikaresistenzen genau entstehen und wie sie sich innerhalb unserer Gesellschaft ausbreiten, müsse untersucht werden, damit diese gefährliche Epidemie eingedämmt werden könne.

Mit dem neuen Gesetz können Labors verpflichtet werden, neu auftretende resistente Bakterien nicht nur zu melden, sondern diese auch mit den neuesten Technologien zu untersuchen. Was, wenn das Gesetz abgelehnt wird? Daniel Koch, Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit, sagt, dass Massnahmen gegen Antibiotikaresistenzen aufgegleist seien. Allerdings könnten diese bei einem Nein nicht wie gewünscht umgesetzt werden.