Verlust von 200 Millionen Franken für den Bund wegen zwölf unrentabler Hochseeschiffe? Dafür hat der Mann am anderen Ende der Telefonleitung nur ein müdes Lächeln übrig. «Sie haben Probleme! Unsere Reeder kosten den Staat und die Steuerzahler etwa 16 Milliarden Euro», sagt der deutsche Schiffsmakler. «Die Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein mussten ihre Banken vor der Pleite retten, weil sie die Schiffskredite garantiert haben.»

Derzeit versuchen Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP) und Finanzminister Ueli Maurer (SVP) zwölf bundesverbürgte Hochseeschiffe einer Zürcher Reederei zu verkaufen, die einem Berner Oberländer gehört (die «Nordwestschweiz» berichtete). Riesige Verluste drohen wegen der Misswirtschaft. Eine Art Trost mag da sein: Im Vergleich zu Deutschland kommt die Schweiz wohl noch mit einem blauen Auge davon.

«Vaterlandslose Gesellen»

Der deutsche «Stern» rechnete im März mit der Branche ab. Unter dem Titel: «Vaterlandslose Gesellen – Wie gierige Reeder die Staatskasse ruinierten». Was unsere Nachbarn besonders sauer macht: Für die Verluste haften die Steuerzahler, die Reeder haben ihr Privatvermögen gerettet und protzen weiter.

Einer von ihnen ging nach einem Schuldenerlass jüngst auf Einkaufstour: «Ein Freund hatte ihm eine Segeljacht angeboten. Ein Schnäppchen, knapp 40 Meter lang, Teakdeck, fünf Kabinen, Heimkino, Sofalounge. Kaufpreis laut Makler: 8,75 Millionen Euro», so der «Stern».

Hamburg und Schleswig-Holstein sitzen nicht auf zwölf, sondern auf 250 Hochseeschiffen. «Eine Geisterflotte fast schrottreifer Schiffe», nennt es der «Stern».

Die Politiker in den betroffenen Bundesländern gehen zwischenzeitlich auf Distanz, versteht sich. In der Schweiz, wo sich das Gleiche in kleinerem Massstab abspielt, ist es verdächtig ruhig. Kritische Politikerstimmen hört man fast keine. Der Bundesrat versuchte, die Krise unter dem Deckel zu halten und erklärte sie zur Geheimsache. Was schiefging, weil die «Nordwestschweiz» das Ganze publik machte.

Ob in Deutschland oder der Schweiz: Lange verdienten sich Reeder und Investoren dumm und dämlich mit den Schiffen. Irgendwer schwatzte dem Bund auf, immer mehr Bürgschaften für immer mehr Schiffe auszustellen. Aus 20 verbürgten Schiffen wurden rasch mal doppelt so viele. Das Parlament spielt brav mit. Gegen wirtschaftliche Landesversorgung im Krisenfall kann ja keiner sein. Banken gaben die Kredite nur zu gerne. Im Fall des Krisen-Reeders waren es UBS, CS und Postfinance.

Dem «Stern» sagte ein deutscher Makler, wie es in Deutschland zuging: Die Reeder hätten sich gegenseitig zum Bau neuer Ozeanriesen angestachelt. «Wer nicht das grösste Schiff hatte, war nicht der grösste Kerl.» Die Reeder hätten «damals so viel Geld verdient, die wussten gar nicht, wohin damit.»

Auch in der Schweiz war das nicht anders. Ehemalige Seeleute berichten von arroganten Reedern mit protzigen Villen und protzigem Auftritt. Aber jetzt, in der Krise, schweigt die Reederbranche nur zu gerne. Anfragen werden unter Hinweis auf einen Ukas aus Bern nicht beantwortet.

Das dicke Ende kommt erst noch. Der Bund hat die zwölf Krisen-Schiffe mit über 230 Millionen verbürgt. In der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass Wirtschafts- und Finanzdepartement immer noch krampfhaft versuchen, die Schiffe zu verkaufen.

Doch die Preise sind am Boden. Wenn es hoch kommt, sind für die acht Frachter und vier Tanker total 80 Millionen zu lösen. Die Zeit drängt, denn pro Monat legt der Bund eine Million für den unrentablen Betrieb der Schiffe drauf.

Ein Problem: Unterschiedliche Interessen kommen sich in die Quere. Noch immer träumt Bern davon, die Schiffe en bloc zu verkaufen. Der Krisen-Reeder will seine Reederei retten. Kaufinteressenten gibt es, aber viele gelten als unseriös, sie wollen das schnelle Schnäppchen. Bei einigen weiss man nicht, aus welchen Quellen das Geld kommt. Geld, das teilweise schon in Schweizer Reedereien steckt.

Verkauf an Schweizer Reeder?

Es gibt auch Interessenten, die die Zürcher Reederei samt den Arbeitsplätzen übernehmen wollen. Eine Lösung, die das Wirtschaftsdepartement gerne hätte: Verkauf an die Schweizer Reederei ABC Maritime. Das wäre ein Deal unter Freunden.

Bei ABC sitzt der Ex-CVP-Nationalrat und Ex-Nationalbank-Präsident Anwalt Hansueli Raggenbass im Verwaltungsrat. ABC-Eigentümer Hans Tanner will auf Anfrage nicht zum möglichen Handel Stellung nehmen.