Das Jahr 1914 war vom Tod geprägt, es begann das Blutbad des Ersten Weltkriegs. 1914 entstand aber auch neues Leben. Es war das Jahr, als David Goodall in England geboren wurde. Wenn er 104 Jahre später in einem Basler Hotelzimmer sitzt und auf seine Kindheit zurückblickt, sind deutsche Bomben kein Thema.

Die Kurzfassung seiner Biografie beginnt er mit einer Aufzählung der Namen von Schulen, die er besuchte. Besonders in Erinnerung ist ihm, dass er Latein lernte. Nur deshalb durfte er später studieren. War das eine glückliche Zeit? Goodall gibt eine für ihn typische Antwort: «Ich war nicht unglücklich.»

Wenn sich Goodall an das Londoner Stadtbild seiner Kindheit erinnert, beginnt er ebenfalls mit einer Aufzählung. Er schildert sein Leben anhand der Verkehrsverbindungen. Freiheit bedeutete für ihn, sich unbeschwert in der Stadt bewegen zu können. Er nennt die Namen der U-Bahn-Stationen, die er benutzte, und jene der Parks, die er auf seinen Schulwegen durchschritt. «Ich habe ziemlich gute Erinnerungen: Ich ging immer durch die Stadtmitte von London.» Er wuchs in Nord-London auf. In South Kensington schrieb er seine Dissertation über den Stoffwechsel von Tomatenpflanzen.

«Ich hatte eine Freundin. Wir lebten zusammen. Das war eine ziemlich glückliche Zeit.»

War es die beste Zeit?

«Ich bin nicht sicher. Das ist schwierig für mich zu sagen.»

Goodall denkt nach. Er ist lebensmüde. Doch wenn er über das Leben nachdenkt, wirkt er wach.

«Die glücklichste Zeit in meinem Leben», sagt er, «begann, als ich nach Australien zog.» Das war im Jahr 1948. Er wurde Dozent für Botanik an der Universität Melbourne. Die frühesten Jahre seines Berufslebens seien seine besten gewesen.

Die Kultur des Sterbens

1914 war auch das Jahr, als erstmals der Begriff Sterbehilfe diskutiert wurde. Nachdem die Wortkreation in einer wissenschaftlichen Zeitschrift in Deutschland als Synonym für Euthanasie und Tötung auf Verlangen Eingang gefunden hatte, erhob ein Sprachforscher Einspruch. Er bezeichnete den Ausdruck als «Vergeudung von Sprachenergie».

In den Jahren danach wurden erste Gesetzesentwürfe für ein Recht auf Sterbehilfe diskutiert. Die Debatte entwickelte sich allerdings in eine problematische Richtung. Es ging nicht nur um das Leid der Kranken, sondern auch um das sogenannte Wohl der Allgemeinheit. Thematisiert wurde zum Beispiel das Töten «idiotischer Kinder». In der Zeit des Nationalsozialismus erlebte die Welt die schreckliche Seite des Begriffs Euthanasie. Mit dem Holocaust im Zweiten Weltkrieg wurde Sterbehilfe zum Tabu.

Die Krankenschwester, die Goodall die Infusion setzen wird, erinnert sich an ihren Berufseinstieg in den 1960er-Jahren. «Wir durften damals mit todkranken Patienten nicht einmal über den Tod sprechen. Wir mussten bis zuletzt so tun, als könnte alles gut kommen.» So tun, als sei die Heilung in Sicht. Wenn sie sich schon nur auf das Bett eines Todkranken setzte und ihn tröstete, sei sie von den Chefärzten dafür gerügt worden. Das war der Schweizer Spitalalltag.

1980 gründete Walter Baechi den Verein Exit. Er war Zürcher Anwalt und Mitglied des Landesrings der Unabhängigen, der Partei von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler. Passive Sterbehilfe war schon zu dieser Zeit eigentlich nicht verboten. Doch jahrzehntelang wog die Moral schwerer als das Gesetz. 1985 führte Exit die erste Sterbebegleitung durch. Heute sind es über 700 pro Jahr.

Nach einem internen Streit bei Exit trat Anwalt Ludwig Minelli aus und gründet 1998 Dignitas. Die Organisation bietet Freitodbegleitungen auch für Ausländer an. Hier kam es ebenfalls zu einem internen Streit: Ärztin Erika Preisig trat aus und gründete 2012 die Organisation Eternal Spirit. Sie will nicht nur ihr Handwerk praktizieren, sondern sich weltweit für eine Legalisierung einsetzen.

Professor auf der Theaterbühne

David Goodall war zu dieser Zeit schon seit über dreissig Jahren im Ruhestand. Doch er arbeitete weiter. Er verbrachte viel Zeit in seinem Büro der Universität von Perth und dachte über die Ökosysteme der Welt nach. Hat er mit seiner Arbeit etwas bewirkt? Wieder eine typische Goodall-Antwort: «Ich weiss es nicht.» Was er weiss: «Es ist ziemlich klar, dass der Einfluss der Menschen auf die Welt schlecht ist. Die menschliche Population ist grösser, als es die Welt ertragen kann.»

Goodall hatte auch ein Leben neben der Arbeit: Er liebte sein Hobby, das Theaterspielen. Er pflegte es bis ins hohe Alter. Bis er nicht mehr Auto fahren durfte. Die Proben fanden abends statt, zu Zeiten, in denen der öffentliche Verkehr in Westaustralien ruhte.

Der traurige Teil von Goodalls Leben begann. Er erinnert sich: «Ich durfte am Abend nicht mehr raus. Das war in den 1990er-Jahren. Am besten hätte ich mich in dieser Zeit umgebracht.» Mit dem öV konnte er immerhin noch zur Universität fahren. Als auch das nicht mehr möglich war, bestellte sich Goodall ein Buch: The Peaceful Pill, die friedliche Pille. In 22 Kapiteln wird beschrieben, wie man sich das Leben nehmen kann. Skizzen illustrieren den Vorgang. Manche sehen aus wie eine Montageanleitung von Ikea. Goodall testete Kapitel 6, Tod durch Kohlenmonoxid. Irgendetwas ging schief. Professor Goodall ärgerte sich, dass er es nicht schaffte.

Doch er war nicht mehr der Jüngste. Mit der Unterstützung von Angehörigen nahm er Kontakt mit den Buchautoren auf: Philip Nitschke und Fiona Stewart. Das Ehepaar leitet die Sterbehilfeorganisation Exit International mit Sitz in Australien, die nichts mit Exit Schweiz zu tun hat.

Goodall interessierte sich für Kapitel 23, «the Swiss Options». Wenn man die Anleitungen der vorderen Kapitel nicht umsetzen will oder kann, reist man in die Schweiz. Es ist das einzige Land, in dem Sterbehilfe für Ausländer legal ist. Exit International arbeitet hier mit Eternal Spirit zusammen. Danach kommt nur noch ein Kapitel: Schlussbetrachtungen. Wie schreibt man einen Abschiedsbrief?

David Goodalls letzte Worte richten sich an die ganze Welt. Jedes Land solle die Schweizer Option einführen, fordert er. Vor ihm sind schon Dutzende Australier in die Schweiz geflogen. Sie starben im Stillen. Goodall macht es mit Getöse.

Er mobilisiert seine letzten Kräfte, um zu demonstrieren, dass man vor dem Tod keine Angst haben muss. Als er an seiner letzten Medienkonferenz nach seinem Lieblingslied gefragt wird, singt er ein Ständchen: «Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium! Wir betreten feuertrunken, Himmlische, Dein Heiligtum.» Es ist der Schlusssatz von Beethovens 9. Sinfonie.

Das Lied erklingt auch gestern an Auffahrt aus einem Lautsprecher im Sterbezimmer in Liestal. Draussen ist es grau, ein Gewerbegebiet. Drinnen ist es hell, ein lichtdurchfluteter Raum. Goodall kann sogar in den letzten Minuten seines Lebens auch das Positive sehen. Er setzt sich zu seinen Angehörigen an einen Tisch und berichtet von seinem letzten Abendmahl: Fish and Chips. Er lacht.

David Goodall: Bis fast zuletzt wollte er die Medien dabeihaben

David Goodall: Bis fast zuletzt wollte er die Medien dabeihaben

   

Worauf warten wir?

Um den Tisch stehen Journalisten der globalen Medienszene. Eine Frau von «Sky News» aus London wagt es als einzige, das Wort zu ergreifen. Sie tritt an den Tisch und fragt: «Sind Sie immer noch davon überzeugt, dass das die richtige Entscheidung ist?»

«Oh, ja, sicher. Mein Leben war in den letzten Jahren eher armselig. Ich bin sehr glücklich, es zu beenden.»

Dann beginnt die Bürokratie des Todes. Der Arzt füllt Formulare aus.
Sind Sie in guter geistiger Verfassung?

«Ich denke es, ja.»

Haben Sie eine unheilbare Krankheit?

«Nein.»

Haben Sie unaushaltbare Schmerzen?

«Nein.»

Sind Sie pflegebedürftig?

«Nein.»

Leiden sie an Depressionen?

«Nein.»

Beeinflussen andere die Entscheidung?

«Nein.»

Goodall hat auch noch ein paar Fragen. Sind seine Unkosten gedeckt? Wurde das Geld einbezahlt? Er möchte keine Altlasten hinterlassen. Für seine Familie ist der Abschied schwieriger als für ihn. Er fragt in die Runde: «Worauf warten wir noch?»