Herr Maurer, die Leitungen, welche die Schweiz mit Wasser versorgen, sind für Sie ein Sanierungsfall. Weshalb?

Viele Anlagen wurden in den 1970er-, 80er-Jahren gebaut. Sie kommen allmählich in ein Alter, in dem etwas gemacht werden muss. Es ist wie bei einem Haus. Irgendwann muss man das Dach flicken oder die Fenster ersetzen.

Haben die Besitzer der Leitungen das verschlafen?

Das ist sehr unterschiedlich. Etwa die Hälfte der Leitungen gehört den Gemeinden. Dort gibt es Musterknaben, die sehr umsichtig sind. Aber eben auch Sorgenkinder. Gerade für kleinere Gemeinden ist das Management dieser Infrastrukturen eine anspruchsvolle Aufgabe. Und dann gibt es Leitungen, die den Liegenschaftsbesitzern gehören. Auch dort liegt einiges im Argen. Teilweise wissen sie nicht einmal, wo die Leitungen sind. Vielleicht liegt eine unter dem Rosenbeet. Oder unter der inzwischen zubetonierten Garageneinfahrt. Da muss etwas passieren.

Max Maurer ist Professor für Siedlungswasserwirtschaft an der ETH Zürich und Abteilungsleiter am Wasserforschungsinstitut Eawag in Dübendorf.

Max Maurer ist Professor für Siedlungswasserwirtschaft an der ETH Zürich und Abteilungsleiter am Wasserforschungsinstitut Eawag in Dübendorf.

Was geschieht, wenn eine Leitung nicht mehr in Ordnung ist?

Abwasserleitungen verlieren verschmutztes Wasser. Es sickert in den Untergrund, statt in die Kläranlage zu fliessen. Möglicherweise verunreinigt es sogar die Wasserversorgung. Und die Leitungen können bei starken Niederschlägen, wie sie wegen des Klimawandels häufiger werden, nicht mehr gleich gut vor Überschwemmungen schützen. Wenn eine Trinkwasserleitung bricht, füllt sie Keller, unterbricht den Strassenverkehr - so, wie es diese Woche in Oerlikon passiert ist.

Die Leitungen für Ab- und Trinkwasser sind 200'000 Kilometer lang. Was kommen da für Sanierungskosten auf uns zu?

In den nächsten 30 Jahren rechnen wir mit 130 Milliarden Franken.

Das ist eine gewaltige Summe.

Ja, das ist richtig, aber wir reden auch von einer der wichtigsten Infrastrukturen des Landes, vergleichbar mit dem Strassennetz - nur halt weniger sichtbar. Und eines darf man nicht vergessen: Eine gute Wasser-Infrastruktur ist die beste Gesundheitsvorsorge. Länder, die das nicht haben, kämpfen mit Krankheiten wie Cholera oder Typhus. Bei uns sind die längst verschwunden.

Sind die Gemeinden gerüstet für diese Sanierungen, ist das Geld dazu überhaupt vorhanden?

Viele nehmen es, wie es kommt - das gilt für die Sanierungen und auch für das Geld. Saniert wird nur, wenn ein Schaden vorliegt. Und vielerorts sind die Gebühren, über welche die Wasserinfrastruktur finanziert wird, zu tief. Man zehrt von Investitionen, die früher getätigt wurden. Die Anlagen sind abgeschrieben, die Gebühren deshalb tief. In den Kantonen Bern oder Solothurn hat man deshalb - künftige Investitionen vor den Augen - das System umgestellt. Dort mussten nach der Umstellung ein Teil der tiefen Gebühren verdoppelt werden. Das Bild ist auch hier sehr vielfältig. In den einen Gemeinden bleibt alles beim Alten. In anderen kommen sichere höhere Rechnungen auf die Leute zu.

Viele Gemeinden haben ihre Wasserinfrastruktur nicht so im Griff, wie sie das sollten. Braucht es einen Systemwechsel?

Wir müssen die Gemeinden zwingen, stärker in die Zukunft zu schauen. Das fehlt im Moment. Man flickt, was anfällt, aber nur ganz wenige schauen, was sie in den nächsten 10 bis 15 Jahren angehen müssen. Das ist kein gutes, modernes Infrastrukturmanagement.

Wie ändern wir das?

Am einfachsten wäre es, wenn man auf Bundesebene das Gesetz ergänzt - und sagt, ihr müsst eine vorausschauende Gebühren- oder Infrastrukturplanung machen. Dann behalten die Gemeinden auch den Zustand ihrer Leitungen besser im Blick. Es wird eher vorwärts geplant. Und das braucht es. Denn der Druck auf bestehende Infrastrukturen wird noch wachsen. Etwa wegen der angestrebten Verdichtung nach innen. Oder eben wegen des Klimawandels. Deshalb sollte der Bund mit einem Impulsprogramm Akzente setzen - und so innovative Lösungen fördern.