11. September
Als sogar der Verleger an die Sitzung kam: So erlebte ich als Journalist den Katastrophenherbst 2001

Alles begann mit dem 11. September. Dann folgte eine Katastrophe nach der anderen. Sie brachten vor 20 Jahren Redaktionen an den Anschlag. Ein persönlicher Rückblick.

Othmar von Matt
Othmar von Matt
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Die Titelseiten der heutigen CH Media Titel vom 12. September 2001.

Die Titelseiten der heutigen CH Media Titel vom 12. September 2001.

Bild: CH Media

Ich wollte das Telefoninterview um 14.50 Uhr gerade beginnen. Es sollte der Hauptartikel auf «Thema» werden. Das war in der Zeitung die Seite 3, auf der jeweils die wichtigste Tagesaktualität oder die wichtigste Recherche stattfand.

Doch dann waren auf dem Gang erregte Stimmen zu hören. Dort starrten die Kolleginnen und Kollegen gebannt auf den Redaktionsfernseher, auf dem CNN lief. Der US-Sender war seit dem Golfkrieg um Kuwait 1990 das Nonplusultra des politischen Krisenjournalismus. Und immer wieder fiel das Wort «World Trade Center».

World Trade Center? Das sagte mir nichts

World Trade Center? Das sagte mir nichts. Meine Intuition warnte mich aber: Da passiert Grosses. Ich brach das Gespräch ab. Auf CNN sah ich dann live, wie das zweite Flugzeug in die Twin Towers donnerte. Irgendwann sagte die Auslandredaktorin: «Ich hole mal Zigaretten. Das wird ein langer Abend.» Ich fragte, ob sie mir auch welche mitbringen könne.

Seit 2001 sind erst 20 Jahre vergangen. Doch nicht nur politisch, auch journalistisch war die Welt eine andere. In den Räumen der Redaktion durfte man noch rauchen. Social Media existierten nicht, bis zum iPhone sollte es noch sieben Jahre gehen. Online-Berichte spielten erst eine marginale Rolle. Tageszeitungen waren von zentraler Bedeutung.

Schnell wich die Konsternation der Professionalität

Ungläubiges Staunen, Fassungs- und Ratlosigkeit herrschten auf der Redaktion: Was hatte das zu bedeuten? Bald war klar, dass es sich um einen Angriff auf die westliche Demokratie handeln musste. Und ebenso schnell wich die Konsternation der Professionalität und wir waren uns einig: Wir räumen den ganzen ersten Bund aus. 13 Seiten produzierten wir bis Mitternacht.

An jenem 11. September 2001 tauchte Verleger Peter Wanner persönlich in der Redaktionssitzung auf, was er zuvor erst ein Mal getan hatte: 1986 bei der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Er warnte vor einem Dritten Weltkrieg. Das unterstrich die Bedeutung des Tages.

Die Medienstelle des Verteidigungsministeriums wusste von nichts

Noch vor der Redaktionssitzung hatte ich das Verteidigungsministerium für ein Interview mit dem Generalstabschef angefragt. Die Medienstelle wusste nichts von der Katastrophe. Ich bekam dann trotzdem Luftwaffenchef Hansrudolf Fehrlin ans Telefon.

Die Schlagzeilen der britischen Medien am 12. September 2001.

Die Schlagzeilen der britischen Medien am 12. September 2001.

Bild: Keystone

Der 11. September war erst der Beginn des Katastrophenherbstes. An einem Donnerstagmorgen um 10.31 Uhr klingelte mein Nokia-Handy. «Hier wird gerade auf Regierungs­räte geschossen», sagte eine aufgeregte Stimme. Ich hörte im Hintergrund Schüsse und fragte mich, ob das tatsächlich ein Anruf aus der Schweiz war. Er schien mir surreal.

Einer der verletzten Journalisten hatte mit mir das Büro geteilt

Es war der 27. September – und Friedrich Leib­acher brachte im Zuger Kantonsparlament gerade 14 Politiker um, bevor er sich selbst richtete. Das Attentat ging mir nahe. Auf einem Bild, das den Presseaward gewann, waren verletzte Personen zu sehen. Einer der Journalistenkollegen hatte einst mit mir in Luzern das Büro geteilt.

Fünf Tage später folgte das Grounding der Swissair: Am 2. Oktober standen alle Flugzeuge der Airline still. Journalistisch war das der schwierigste Fall. Er beherrschte monatelang die Schlagzeilen – und auf der Redaktion fehlte das nötige Wirtschaftsnetzwerk.

Dank einer Zusammenarbeit mit der Westschweizer Zeitung «Le Temps» kamen wir immerhin an ein Exklusivinterview mit dem Genfer Bankier und Swissair-Vizepräsidenten Bénédict Hentsch. Mein Teamkollege übersetzte die vier Seiten an einem Tag und kürzte sie auf 1,5 Seiten.

«Muss ich wirklich einen Aufruf im ‹Blick› machen?»

Ich selbst konnte Ende Oktober – mitten in der Swissair-Krise – mit Bundespräsident Moritz Leuenberger nach Italien fliegen. Er erhielt dort den Ehrendoktor. Der «Blick» versuchte, ihn von einem öffentlichen Hilferuf an die Wirtschaft zu überzeugen. «Muss ich das wirklich?», fragte mich Leuenberger im Bundesratsjet.

Er tat es nicht. Als später in Bassersdorf auch noch eine Crossair-Maschine abstürzte, fragte er: «Ja hört das denn nie auf?» Das dachte sich auch unser vierköpfiges «Thema»-Team. Es war das Querschnittsressort, auf dessen Pult alle Katastrophen landeten, die journalistisch zu begleiten waren. Das Team stiess an emotionale wie körperliche Grenzen.

Noch heute habe ich die Originalausgaben der wichtigsten Zeitungen aus dem deutschsprachigen Raum vom 12. September zu Hause – von «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» über NZZ – bis zu zwei Ausgaben der «Aargauer Zeitung». Was ich aber beim besten Willen nicht mehr weiss: Mit wem habe ich am 11. September das Telefongespräch beendet? Diese Erinnerung ist wie ausradiert.

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