«Oh, sie redend Tüütsch?», fragt Maria Riedi-Monn und zieht die Brauen hoch. Sie sei schon ab und an mal im Unterland gewesen, aber so ganz traue sie sich das nicht zu. Deshalb bleibt die Pflegerin und übersetzt. «Besser so für Sie», sagt Frau Riedi-Monn zum Reporter und lächelt. Sie hat ihr langes Leben fast ausschliesslich in der bündnerischen Surselva verbracht, und hier hat das Herz immer schon auf Romantsch geschlagen.

Sonst aber hat sich viel verändert im Tal, seit Maria Riedi-Monn am 27. August 1916 im Weiler Cumpadials auf die Welt kam. Einen Fernseher zum Beispiel, das gab es damals im ganzen Dorf nicht. Und jetzt hat sie einen eigenen, einen riesigen bei sich im Zimmer des Casa San Martin in Truns, wo sie seit vier Jahren lebt. Vor dem Flachbildschirm steht eine üppig blühende Orchidee. Versperrt die nicht den Blick aufs Weltgeschehen? «Ach, ich habe den Kasten schon lange nicht mehr eingeschaltet», sagt Frau Riedi-Monn. «Meine Augen brennen dann.»

Viel lieber als in die Röhre schaut sie hinaus aus dem Fenster auf die Gegend, in der sie mehr als ein Jahrhundert zugebracht hat. Und fast noch lieber schaut sie hoch an die Zimmerwand zum Foto ihres Mannes Anton, der vor zwei Jahren gestorben ist. «Er war 101, genau wie ich jetzt.» Er habe sich immer gewünscht, ihren 100. Geburtstag mitzuerleben. Es hat knapp nicht gereicht.

Und doch ist Anton auch zwei Jahre nach seinem Tod, der Anker in Maria Riedi-Monns Gedankenwelt. Sie waren 69 Jahre lang verheiratet. «Ein langer, schöner Weg. Stellen Sie sich vor: Die letzten 20 Jahre in unserem Haus in Cumpadials hat er allein den Haushalt gemacht. Die Grosskinder haben immer gesagt: ‹Du machst bessere Capuns als Papa.› Und dieser Papa war Koch von Beruf.»

Maria Riedi-Monn, die Mutter des Kochs, konnte nie eine richtige Berufslehre machen. «Ich war ein Jahr in der Frauenschule in Chur und habe dann dreizehn Jahre als Handarbeitslehrerin gearbeitet.» 35 Mädchen in der Klasse und dann noch die Mithilfe auf dem väterlichen Hof: Streng war ihr Leben schon, bevor die sechs Kinder auf der Welt waren. «Meine Mutter starb, als ich 17 war. Danach musste ich unseren Haushalt machen und dem Vater auf dem Feld helfen.»

Ein hartes Los, aber eben auch ein glückliches. Als sie im Herbst 1944 nämlich mit ihrem Vater zum Markt in Disentis fuhr, um zwei Geissen zu verkaufen, da begegnete sie am Abend beim Tanz Anton. «Er sagte mir, er werde mich von nun an jeden Sonntag besuchen. Und das hat er dann tatsächlich getan.» Sie hätte natürlich auch einen echten Cumpadialser, einen aus dem Dorf, bekommen. «Auch wenn sie zu Hause immer munkelten, die Maria hätte lieber Katzen als Männer», schmunzelt die alte Bündnerin.

Nun, ein echter Cumpadialser war er nicht, der Anton, dafür ein «richtig guter Mann». Und vielleicht sagt nichts so viel über ihre Beziehung aus wie Antons Todesanzeige. «Glücklich sind wir zwei gegangen, immer gleichen Schritts. Was du vom Schicksal hast empfangen, ich empfing es mit», steht da. Viel Schlimmes war da zwar nicht, das ihnen das Schicksal in die Vita gebracht hätte. Eine Blinddarm-Operation bei Anton, irgendwann die schmerzenden Beine bei ihr, die sie heute an den Rollstuhl binden. «Aber eigentlich», sagt Maria Riedi-Monn, «eigentlich gehts mir doch ordentlich gut für meine 101 Jahre.»

Und neben Anton, all die Männer, die die Welt so prägen: Putin und Trump, Burkhalter und Blocher: Die interessieren sie nicht. Nicht mehr. «Dafür bin ich viel zu alt.» So wirklich aus der Surselva rausgekommen sei sie sowieso nie. «Das ist alles so weit weg, die Politik und diese Dinge.» Sie schaut jetzt lieber zurück auf das, was war, statt nach vorne auf das, was wird.

Und was da war, das war gut. Klar wäre sie gerne mal noch auf Reisen, so wie ihre Mutter, die acht Jahre in Paris gelebt hatte. Aber sonst? Einen wirklichen Wunsch hat Maria Riedi-Monn nicht mehr. «Ich glaube, das ist ein Problem Ihrer Generation, dass sie nicht mit wenig zufrieden sein kann. Sie wünscht sich immer mehr, als das, was sie hat.» Und diesen kapitalen Fehler, den will sie jetzt mit 101 nicht mehr begehen.