Josefine Winkler hätte nicht gedacht, dass sie den wogenden Ahorn vor dem Fenster noch einmal sehen würde. Ihre Augen waren seit langem trüb, der graue Star versperrte ihr den Blick auf die Welt. Und mit 100, fand sie, sei es zu spät, sich dagegen zu wehren. Dann aber motivierte sie ihre Schwiegertochter doch noch zur Operation bei einem Spezialisten in Bad Zurzach. Sie fuhr hin, legte sich unters Messer – und tatsächlich: Das Augenlicht kam zurück. «Zuletzt gabs also noch ein Geschenk für mich», sagt die alte Frau. Sie nippt an ihrem Kaffee, vor sich ein aufgeschlagenes «Horizonte»-Magazin, im Hintergrund seichte Ländler-Musik und draussen vor dem Fenster der wogende Ahorn.

Die Operation war letztes Jahr. Jetzt ist Josefine Winkler 101 und sagt: «Da gibts kein Geheimnis. Ich hatte doch einfach Glück.» Glück vielleicht, aber auch ein hartes Los. Josefine Winkler – den Namen mag sie nicht sonderlich, Josefine, nach ihrem Vater Josef, «nicht sehr originell» – kam am 19. März 1916 gleich ännet der Grenze im deutschen Birkingen auf die Welt. «s’esch ned so guet gange als Chind», erzählt die 101-Jährige. Der Vater kam krank aus dem Krieg nach Hause auf den Hof und starb, als sie zehn Jahre alt war. Nach seinem Tod gab es noch mehr Arbeit auf dem Feld, noch mehr zu tun im Haus, «wies halt so goht».

Eine Lehre lag nicht drin. Die junge Josefine blieb nach der obligatorischen Schulzeit eine Weile zu Hause. Dann verunfallte ihre Schwester, die im aargauischen Leuggern in der «Sonne» als Küchenhilfe arbeitete. «Ich ging an ihrer Stelle dahin und blieb für fast vier Jahre.» Die Küche verlassen durfte sie während der Arbeitszeit nicht. «Als Deutsche hatte ich im Service nichts verloren. Man wollte ja nicht, dass die Ausländer auch noch Trinkgeld abbekommen.»

Abbekommen hat sie dann dafür Siegfried, der immer mal wieder in der «Sonne» vorbeischaute. «Ob er wegen mir kam oder wegen des Essens, da bin ich mir nicht sicher», sagt Josefine Winkler und zwinkert über den dicken Brillenrand. Auf jeden Fall haben sie dann geheiratet, sind nach Fehrental gezogen, haben vier Kinder durchgebracht. (Inzwischen hat sie 15 Enkel. «Urenkel habe ich auch, aber keine Ahnung, wie viele».) Ihr Leben hat sie so gelebt, wie man das halt so machte: viel Arbeit, wenig Freizeit, immer wieder Vorwürfe. «Als älteste Tochter hätte ich eigentlich zu Hause bleiben sollen. Meine Mutter hätte mich gebraucht. Aber äbe…»

Vor fünf Jahren zog sie von Fehrental in eine Dreier-WG in das Pflegeheim des Spitals Leuggern. Was draussen passiert, hinter dem Ahorn und ausserhalb des Spitalgeländes, das interessiere sie schon. Sie lese die «Aargauer Zeitung» regelmässig. «Das macht mir dann manchmal zu schaffen.» Was denn? «Na, die Zunahme der Überfälle auf die Leute. Und der Egoismus, die Lust, anderen zu Leide zu werken.» Und die Politik? «Das ist Männersache!», sagt Frau Winkler. «Auch früher habe ich vor den Abstimmungen immer zuerst meinen Mann gefragt.» In ihrem Alter aber interessiere sie sowieso vor allem das, was in ihrer direkten Umgebung passiert. Die Politik, all dieses ferne Zeug, das habe sie «abgschaltet». «Sie können jetzt schon sagen, ich sei altmödisch. Bin ich ja auch. Mit 101 darf man das.»