Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Einwohnerinnen und Einwohner von Uitikon, des schönen Dorfes am Fusse des Uetlibergs.

Ich fühle mich als FDP Kantonsrätin und als Ortsparteipräsidentin der FDP Schlieren sehr geehrt, hier bei Ihnen in Uitikon die 1. August Ansprache halten zu dürfen, und bedanke mich ganz herzlich für die Einladung.

Mit mir auf dem Podium haben Sie aber keine waschechte Zürcherin engagiert. Ich lebe zwar schon seit rund 40 Jahren im Kanton Zürich, und zwar immer im Limmattal, Aufgewachsen bin ich jedoch im Aargau, nämlich in Aarburg.

Aarburg, wo die Aare eine sogenannte Waage macht, wo es aber auch eine Gemeinsamkeit mit Uitikon gibt, nämlich die Jugendstrafanstalt in der mittelalterlichen Festung. In meiner Kinderzeit war dies ein unheimlich beeindruckender Ort. Hiess es doch immer: „Wenn du nicht gehorchst, musst du auf die Festung!" Und ausgebüchst sind die Bewohner dort auch, mittels zum Seil zusammengeknoteten Leintüchern.

Ich habe mit Interesse drei Ihrer Weihnachtskuriere gelesen und bin beeindruckt über die Geschichte von Uitikon und der Jugendstrafanstalt. Obwohl ich nun schon so lange in dieser Umgebung lebe, habe ich die Geschichte rund um die Strafanstalt nicht genau gekannt. Sie zeigt den Wandel im Strafvollzug von der Korrektionsanstalt für liederliche, auffällige und arbeitsscheue Personen bis hin zum heutigen Massnahmenzentrum.

Die mit dem Wandel einhergehenden Entwicklungen und die zum Teil schlimmen Auseinandersetzungen - vor allem zwischen dem Anstaltsdirektor und Gemeindepräsidenten Fritz Gerber und dem Pfarrer Hans Freimüller - sind Zeitzeugen für eine stetige Entwicklung im Jugendstrafvollzug. Auch wenn dieser Weg steinig war. Uitikon kann mit Recht stolz darauf sein, hier einen Dienst für die Gesellschaft geleistet zu haben und noch immer leistet. Die sehr gute Integration dieser Institution im Dorf ist der beste Beweis.

Infolge der Verschärfung des Jugendstrafrechts sowie der immer jünger werdenden Kriminellen wird das Massnahmenzentrum nun mit einem geschlossenen Anstaltsteil erweitert. Das weiss ich aus dem Kantonsrat. Vergangene Woche war dies sogar ein Thema im Schweizer Fernsehen.

Wenn man eingeladen wird, eine 1. August Rede zu halten, so fragt man sich Wochen vorher, was möchten die Zuhörerinnen und Zuhörer an einem so wunderschönen Nationalfeiertag von einer Politikerin hören? Ich habe mich für das Thema Werte entschieden.

Ihre Geschichte, die Geschichte von Uitikon hat mir den Einstieg dazu einfach gemacht. Sie zeigt in wunderbarer Art und Weise auf, dass Werte nicht auf den Bäumen wachsen, und sie spriessen auch nicht jeden Frühling neu. Diese Werte müssen immer wieder im Miteinander ausgehandelt werden. Die Auseinandersetzung mit der Strafanstalt, dem heutigen Massnahmenzentrum, zeigt, was aber möglich ist, wenn trotz aller Schwierigkeiten und Probleme die Bevölkerung fest auf dem Boden steht. Wenn es immer wieder Kräfte gibt, die Ihre eigenen Werte kennen, und mit viel Vernunft und Fingerspitzengefühl eine Entwicklung voran treiben, welche letztlich einen Mehrwert und einen Fortschritt bedeuten.

Wir sind heute mit der Tatsache konfrontiert, dass der Werteverlust uns Erwachsenen Angst macht, weil es ohne Werte keinen Respekt gibt und ohne Respekt man sich an keine Regeln hält. Die zunehmende Jugendgewalt hat ihren Ursprung genau darin. Die Jugendlichen haben oft keine Vorbilder mehr, welche ihnen diese Werte vorleben. Den Jugendlichen aufzeigen, dass man seinen Mitmenschen mit Achtung begegnen muss, will man selber geachtet werden. Werte geben dem Leben Sinn. Und genau das müssen die Jugendlichen lernen und einsehen, sonst fallen Therapie und Massnahme nicht auf fruchtbaren Boden. Das Massnahmenzentrum von Uitikon hat die grosse Aufgabe in der Nacherziehung der jugendlichen Insassen und dem Vermitteln eben dieser Werte. Das gute Verhältnis der Gemeinde zu dieser Institution macht die schwierige Arbeit für die Betreuerinnen und Betreuer einfacher, und das wirkt sich auf die jungen Insassen aus. Wir dürfen auch nie vergessen: Die Jugendlichen sind Teil unserer Gesellschaft und sind eines Tages wieder auf freiem Fuss.

Wir sind aber auch sonst in der schönen Schweiz gefordert, den Werten wieder vermehrt ganz bewusst Sorge zu tragen. Zu viel ist in der letzten Zeit geschehen. Werte wurden mit Füssen getreten, die Spielräume der Freiheit wurden nicht genutzt sondern ausgenutzt.

Die Finanzkrise war nichts anderes als ein Werteverlust, nämlich der Verlust jeglicher Bodenhaftung und Realität. Die schweizerische Finanzindustrie wurde zum Sklaven eines amerikanischen Werteverständnisses und hat die eigene Überzeugung und unsere Werte vergessen.

Fleiss, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Qualität, Anstand und Diskretion mit dem Menschen im Zentrum. Das mag altmodisch klingen und doch sind wir mit diesen Werten Jahrzehnte lang gut gefahren. Auf das müssen wir uns wieder besinnen.

Ich hege grosse Bewunderung für den verstorbenen Unternehmer Nicolas Hayek. Er setzte sich während seiner ganzen Karriere für den Wert des Werkplatzes Schweiz ein. Seine Ideen und Visionen, seinen Mut, aus eigener Kraft Ziele zu erreichen, sollten wir uns zum Vorbild nehmen. Er zeigte uns in der Finanzkrise, dass wir wieder vermehrt dem Werkplatz Schweiz Sorge tragen sollten. Wir haben in unserem Land sehr viele gute KMU's mit zahlreichen Arbeits- und Ausbildungsplätzen. KMU's, die sehr innovativ und kreativ sind. Mit einer Kultur, welche sich noch immer nach den bereits genannten Werten ausrichtet. Diese Kultur dürfen wir nicht zerstören.

Die Schweiz ist auf beides angewiesen. Auf einen sauberen Finanzplatz, wo mit vernünftigen Augenmass gehandelt wird und auf einen innovativen Werkplatz.

Wir sollten auch wieder selbstbewusster auftreten und dem gesunden Menschenverstand vertrauen.
Uns fehlt oft das Gefühl, mit einem persönlichen Engagement etwas bewirken zu können. Deshalb ist es wichtig, sich und die eigenen Wertvorstellungen zu kennen. Nur so kann man Ziele für die Zukunft setzen und verwirklichen.

Wir Schweizerinnen und Schweizer haben es selber in der Hand, verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen und wieder Vorbild für andere Länder zu sein. Wir müssen lernen, in den Spiegel zu schauen und uns bei jeder Tat, jeder Aktion zu fragen: „Wie hoch ist der Preis? Hat es für mich diesen Wert. Was sind meine Werte überhaupt?"

Eine kritische Auseinandersetzung, auch mit Vater Staat, prägt Werte. Das geht aber nur, wenn man seine eigenen Wertvorstellungen genau kennt. Eine offene Auseinandersetzung um Werte steht für Fortschritt und niemals für Rückschritt.

Werte müssen aktiv von uns gelebt und an die nächste Generation weiter vermittelt werden. Das ist unter dem Einfluss der hohen Mobilität und Globalisierung nicht ganz einfach. Wir stehen vor einer ständig wechselnden Wirklichkeit, deren wir offen begegnen müssen, ohne unsere schweizerischen Traditionen und Werte zu vergessen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass wir nun wieder in einer Europadiskussion stecken, und der 1992 hoch abgelehnte EWR-Beitritt plötzlich wieder eine Option wird. Welche Wirklichkeit hat sich denn nun hier verschoben? Ist es eine gute Diskussion für das Sommerloch? Will die EU mit uns den bilateralen Weg nicht mehr weiter ausdehnen? Oder um was geht es nun genau? Zwischen der Denkfabrik Avenir Suisse und dem Wirtschaftsverband Economiesuisse ist eine Auseinandersetzung im Gang, welche Lösung nun für die Schweiz besser wäre.

Nun wissen wir aber genau, dass sich die Schweiz mit den bilateralen Verträgen einen auf uns zugeschnittenen Weg erkämpft hat. Niemand hätte nach dem „Nein" zum EWR Vertrag gedacht, dass wir damit so weit kommen. Hier müssen wir anerkennen, dass die europäischen Staaten Rücksicht auf die schweizerischen Werte und Traditionen genommen haben. Wie das jedoch in Zukunft aussieht, wissen wir nicht! Wahrscheinlich werden wir uns einer neuen Diskussion stellen müssen. Es gibt keinen Weg im Leben, der nicht von Zeit zu Zeit überprüft werden muss.

Wichtig dabei ist nur herauszufinden, welches Ziel man erreichen will. Und dieses Ziel sollte dann konsequent verfolgt werden. Dabei muss der Bundesrat in die Pflicht genommen werden. Es kann nicht sein, dass man in Bern von einem Bein aufs andere steht, die Diskussion den Parteien überlässt und nachher einzeln im Ausland seine eigene Meinung verbreitet. Unsere Vertreterinnen und Vertreter vergessen oft, dass sie die Schweiz als Gesamtes vertreten und nicht sich selber.

Wir Bürgerinnen und Bürger sind darauf angewiesen, dass die Bundesrätinnen und Bundesräte unsere Werte kennen und sie solidarisch vertreten. Nie darf man als gewählte Politikerin oder als gewählter Politiker die Achtung vor dem Volk verlieren. Wir sind Volksvertreter und vertreten somit auch dessen Willen und nicht unseren eigenen.

Klar können wir nicht stehen bleiben, müssen uns laufend einer Diskussion stellen, unsere Werte und Ziele überprüfen und mit grösster Wahrscheinlichkeit auch Korrekturen vornehmen. Jedoch dürfen wir das ganz selbstbewusst selber an die Hand nehmen, ohne Druck von aussen. In letzter Zeit hat man manchmal das Gefühl, die Geschichte läuft genau andersrum: Die Regierung diskutiert im Ausland, was eigentlich zuerst im Land selber hätte diskutiert werden müssen. Sorgen wir dafür, dass das mit einer erneuten EU Debatte nicht wieder der Fall ist. Da nützt auch das Malen eines gemeinsamen Bildes unter Ausschluss der Presse nichts, wenn man Tag für Tag der Bevölkerung ein zerrissenes Bild zeigt.

Wir sind auch keine Insel, von der man seelenruhig zuschaut, was rund um sie bzw. uns passiert.

Die Finanzkrise, die weltweite Verschmutzung der Meere durch Öl, der spekulative Handel mit Rohstoffen zu Lasten der Dritten Welt, die Diskussion um genügend Strom mit oder ohne Atomkraftwerke oder ein sich abzeichnender Mangel an sauberem Wasser, welches man gerade zum Menschrecht erhoben hat , zeigt, dass wir gefordert sind, auch international Verantwortung zu übernehmen.

Warum?

Weil wir in der Lage sind, mit unserem Hintergrund aktiv einen Beitrag zu leisten.

Das ist jedoch zugegebenermassen nicht ganz so einfach. Es bedeutet: Verzicht, Zivilcourage und eine selbst auferlegte Einschränkung der grenzenlosen Freiheit. Es kann bedeuten, unangenehme Entscheidungen zu fällen, unbeliebte Massnahmen zu treffen. Kurz und gut: Man gewinnt keine Lorbeeren, und trotzdem ist es richtig. Was heisst das nun in der Realität?

Stromlücken schliessen heisst, die vorhandenen Energiequellen nachhaltig sichern, was nur möglich ist, wenn die Umwelt gesund und stabil gehalten werden kann. Und wir nicht zuletzt auch Energie, sprich Strom, sparen. Verzicht auf Öl und Einschränkung des Verbrauchs von Rohstoffen bedeutet ebenfalls sparen, sparen.

Die Erkenntnis aus der weltweiten Finanzkrise bedeutet, nicht mehr nur für sein eigenes Portemonnaie zu schauen, sondern weitsichtig und nachhaltig Geldanlagen zu tätigen und dem Schweizer Finanzplatz wieder einen guten, zuverlässigen Ruf in der ganzen Welt zu verschaffen.

Zeigen, dass uns auch im Finanzwesen Werte wichtig sind! Nur so kommt das Vertrauen wieder zurück. Die UBS übt sich schon kräftig darin.

Wobei mir auch klar ist, dass es naiv ist zu glauben, so etwas wie der gerade überstandene Crash komme nie wieder! Der Mensch hat die Angewohnheit, schlechte Geschichten ganz schnell wieder zu vergessen. In Zukunft zählt hier allein die Frage: Wollen wir hier nachhaltig etwas ändern?

In der Schweiz haben wir die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Wir können Jahr für Jahr beim Gang an die Urne bei Abstimmungen auf staatstragende Entscheidungen einwirken.

Nutzen wir hier diese Möglichkeiten auch genügend?

Der Wert dieses Einflusses ist, schaut man die Stimmbeteiligung der letzten Jahre an, leider zunehmend verloren gegangen.

Wir leben in einem Rechtsstaat und haben die Freiheit mitzubestimmen, wie dieser Staat funktionieren soll. Die Auseinandersetzung mit Libyen hat gezeigt, dass es Staaten gibt, die gar nicht wissen, was ein Rechtsstaat ist und was ihn auszeichnet. Dort herrscht „Recht by Willkür"!

Unser Rechtsstaat setzt klare Grenzen. Jedoch genau diese Grenzen geben uns die nötige Bewegungsfreiheit. Wir wissen, dass wir uns auf die Rechtssicherheit verlassen können.

Die Schweiz wurde von Libyen für seine Zivilcourage zu Unrecht abgestraft.

In unserem Land gelten Regeln und Werte im Umgang mit Menschen. Diese gilt es einzuhalten, ungeachtet, ob es sich um Dienstboten handelt, die geschützt werden müssen, oder um prügelnde Wüstensöhne.

Zu Recht dürfen wir auf die von uns geschaffenen Institutionen stolz sein. Sie sind auf uns zugeschnitten, und wir leben gut damit.

Unser ambivalentes Verhältnis und der Umgang mit unseren ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ist genau dann ein Problem, wenn diese sich nicht an unsere Regeln und Gepflogenheiten halten. Wir Schweizerinnen und Schweizer haben eine lange Tradition, uns mit anderen Völkern und anderen Ethnien auseinanderzusetzen. Wir sind den Umgang damit gewohnt. Aber wir verlangen von ihnen auch etwas. Auch sie leben hier in Sicherheit und in Freiheit. Das gibt es aber nicht gratis. Unsere Werte und Gesetze gilt es einzuhalten. Diese Forderung dürfen und müssen wir stellen, zur Sicherheit von uns allen und als Garantie für ein friedliches Zusammenleben.


Die Schweiz hat heute Geburtstag. Freuen wir uns doch einfach in aller Bescheidenheit über das, was wir haben. Wir können und dürfen über die Zukunft unseres Landes nachdenken, Visionen entwickeln, uns frei äussern.

Heute dürfen wir uns ruhig auch mal zurücklehnen und uns einfach an unserem Land freuen. Wir leben hier in Frieden, Freiheit und Sicherheit. Damit das so bleibt, müssen wir uns mit genau dieser heutigen Schweiz identifizieren und uns für unseren Staat und seine Werte einsetzen.

Wir alle sind gefordert, unsere Fähigkeiten und Talente in einem gewissen Mass freiwillig unserem Land und unserer Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Jede und jeder kann einen sinnvollen Einsatz leisten, so wie es seinen Fähigkeiten entspricht.

Wie heisst es doch in der Verfassung, im Artikel 6, so schön:

„Jede Person nimmt Verantwortung für sich selbst wahr und trägt nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben des Staates bei. Wenn alle davon überzeugt und zur Mitwirkung bereit sind, dann wird der Weg leicht!"

Wir leben in einem schönen, vielfältigen und interessanten Land. Unsere Freiheit ist ein kostbares Gut, tragen wir ihr Sorge und seien wir dankbar dafür.

Liebe Einwohnerinnen und Einwohner von Uitikon. Wir feiern heute den 719. Geburtstag der Schweiz. Geniessen wir hier alle zusammen dieses Fest.

Ich danke Ihnen nochmals ganz herzlich für die Ehre, die Sie mir erwiesen haben, heute Ihre 1. August Rednerin sein zu dürfen. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen einen ganz schönen Tag.

Bleiben Sie gesund und munter und tragen sie alle unserer Schweiz Sorge.

Ich danke Ihnen!

Barbara Angelsberger