Gesundheit

«Was Digitalisierung in der Medizin angeht, ist die Schweiz ein Drittweltland»

Schon normale PCs können die Diagnose erleichtern. Die künstliche Intelligenz des IBM-Computersystems hebt diese Hilfeleistung auf ein neues Niveau.Thinkstock

Schon normale PCs können die Diagnose erleichtern. Die künstliche Intelligenz des IBM-Computersystems hebt diese Hilfeleistung auf ein neues Niveau.Thinkstock

In den USA übertrumpft ein Computer Krebs-Spezialisten. Hierzulande streiten wir noch über Datenschutz und kämpfen mit dem Föderalismus. Es ist nicht ganz einfach, zwei Dutzend kantonale Gesundheitsgesetze und über 300 Spitäler miteinander zu vernetzen.

Computer schlägt Mensch: Erstmals hat das IBM-Computersystem Watson laut indischen und japanischen Medien bei einer 60-jährigen Frau eine spezielle Art von Blutkrebs diagnostiziert, die Mediziner zuvor nicht erkannt hatten.

Mit konventionellen Methoden war zuvor eine falsche Diagnose gestellt worden, weshalb die Patientin auf die verschriebenen Medikamente auch nicht angesprochen hatte. Auch Chemotherapie verpuffte wirkungslos. Ärzte des Medizinischen Institutes der Universität Tokio beschlossen sodann, künstliche Intelligenz zurate zu ziehen.

Das Computersystem Watson verglich die genetischen Informationen der Frau mit genetischen Daten von 20 Millionen klinischen Krebsstudien und kam zum Schluss, die Patientin leide unter einer extrem seltenen Form der Leukämie. Besonders verrückt: Watson brauchte dafür bloss zehn Minuten. Die daraufhin angepasste Behandlung schlug an, die Japanerin wurde wieder gesund. Professor Satoru Miyano wurde mit den euphorischen Worten zitiert, dieses
Ergebnis sei ein Beleg dafür, dass künstliche Intelligenz das Potenzial habe, in den kommenden Jahren «die Welt zu verändern».

«Endgültiger Durchbruch»

Begeisterung ist auch Urs Meyer anzuhören, dem emeritierten Professor für Pharmakologie am Biozentrum der Universität Basel. Die Leistung Watsons wertet er als «Meilenstein» und «endgültigen Durchbruch von ‹Big Data›». Kein Ärzteteam der Welt könne in so kurzer Zeit so viele Daten verarbeiten und mit dem zu behandelnden Fall vergleichen, sagt der 78-Jährige. «Computer sind eine immense Hilfe.» Letztlich entscheide freilich immer noch der Arzt, ob er den Ratschlägen des künstlichen Gehirns folgen und welche Medikamente er einsetzen wolle.

Habe sich «Big Data» erst mal weltweit durchgesetzt, werde man Krebs am Kantonsspital Glarus gleich gut diagnostizieren können wie an auf Onkologie spezialisierten Krankenhäusern in Heidelberg oder New York, ist Meyer überzeugt. Allerdings: Vom Durchbruch von «Big
Data» ist die Schweiz gegenwärtig meilenweit entfernt. «Der Rückstand ist riesig», sagt der Experte. «Was Digitalisierung in der Medizin angeht, ist die Schweiz ein Drittweltland.»

Ausschlaggebend dafür, sagt Meyer, seien weniger durchaus ernstzunehmende Datenschutzbedenken als der Schweizer Föderalismus. Zwei Dutzend kantonale Gesundheitsgesetze und über 300 Spitäler miteinander zu vernetzen, sei nicht ganz einfach. «Erst recht bei so stark ausgeprägtem Kantönligeist.»

Die St. Galler Gynäkologin Yvonne Gilli, die bis letzten Oktober für die Grünen im Nationalrat sass, widerspricht nicht. «Vor fünf Monaten erst hat die Schweiz das nationale Krebsregister verabschiedet», ruft sie in Erinnerung. «Wir liegen bei der Digitalisierung tatsächlich Jahrzehnte im Rückstand.» Allerdings müsse es kein Nachteil sein, nicht bei den Ersten zu sein – «wenn man dann dafür sichere und nachhaltige Lösungen hat.»

Freiwilliger Datenaustausch

Eine solch gute Lösung, hofft Gilli, stelle das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier dar, auf welches sich die Politik nach jahrelangem Ringen im Juni 2015 einigte und das 2017 in Kraft treten wird. Ab dann soll jede Person in der Schweiz die Möglichkeit erhalten, ihre medizinischen Daten über ein virtuelles Dossier jederzeit und überall Fachärzten zugänglich zu machen.

Spitäler müssen nach einer Übergangsfrist von drei Jahren am System teilnehmen, Pflegeheime nach fünf Jahren. Freiwillig hingegen bleibt die Teilnahme für Hausärzte, niedergelassene Spezialisten und Therapeuten, was den Digitalisierungsprozess verzögert.

Vehement wehrte sich der Berufsverband der Schweizer Ärzte (FMH), bei dem Gilli für Digitalisierung und eHealth zuständig ist, im Vorfeld der damaligen Parlamentsdebatte gegen die Verbindlichkeitserklärung für den gesamten Gesundheitsbereich. «Weil weder Infrastruktur- noch Betriebskosten tarifarisch abgegolten worden wären», so Gilli.

Helfen werde ein Generationenwechsel. «Die freischaffenden Ärzte sind überaltert, sie gehören mehrheitlich nicht der digitalen Generation an. Doch bald wird Digitalisierung zur Selbstverständlichkeit.»

Bleibt die Frage, ob es sich die Schweiz leisten will, sich einen noch grösseren Rückstand einzuhandeln.

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