Andreas Maurer

«Wir werden bis am Schluss verbissen weiter kämpfen», ruft Bea Fünfschilling in den Saal. Nicht nur die Präsidentin des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland (LVB) ist wütend. Die Teilnehmer der Delegierten- und Mitgliederversammlung stehen geschlossen hinter ihr.

Diskussionslos und einstimmig unterstützen sie die vom Vorstand erarbeitete Resolution. Mit dieser wehren sich die Lehrer gegen Mehrarbeit, die sie durch die bevorstehenden Reformen HarmoS, Sonderpädagogik, Frühfremdsprachen und Bildungsraum Nordwestschweiz befürchten. In der Resolution heisst es dazu klipp und klar: «Das Gelingen von Schulreformen und der erwünschte Mehrwert für die Schülerinnen und Schüler hängen von der Überzeugung und vom Einsatz der Lehrpersonen ab. Diese Voraussetzungen sind unter den gegebenen Umständen nicht erfüllt.» Mit der Resolution probt der Lehrerverein den Aufstand. Er droht damit, dass die Lehrer reformbedingte Mehrarbeit verweigern werden.

Der Unmut des Lehrervereins ist gross. Angestachelt wurde er durch Aussagen von Bildungsdirektor Urs Wüthrich in der bz. Eine Umfrage des nationalen Dachverbands der Lehrer kommt zum Schluss, dass ein Berufskollege im Durchschnitt 3,3 Wochen unbezahlte Überstunden pro Jahr leistet. Das wäre etwas mehr als eine halbe Stunde pro Tag. Wüthrich zweifelte in der bz die Seriosität dieser Rechnung in Bezug auf das Baselbiet an. Diese Reaktion bezeichnet Fünfschilling vor ihren Mitgliedern als extrem.

Auch mit seiner Ankündigung einer eigenen Erhebung fürs Baselbiet kann Wüthrich die kampfeslustige FDP-Landrätin nicht zufrieden stellen. Denn die Erhebung kommt für sie viel zu spät. «Trotz eines parlamentarischen Postulats und wiederholten Anfragen des LVB ist die Arbeitszeit der Lehrpersonen des Kantons Baselland bisher nicht ausgewertet worden. Somit sind keine belegten Resultate zur Arbeitszeit in die Reformvorlagen eingeflossen», kritisiert Fünfschilling. Eine zwei Jahre alte Umfrage zur Arbeitszufriedenheit des Staatspersonals soll im September 2010 ausgewertet werden. «Ebenfalls zu spät, um in die Planung der Reformen einzufliessen», ärgert sich Fünfschilling. Aus Sicht des Lehrervereins plant der Kanton Bildungsreformen, ohne den aktuellen Zustand zu kennen. Dies begründet der Verein dadurch, dass Evaluationen fehlen. Was diese Evaluationen zeigen würden, ist für Fünfschilling und ihren Verein jedoch einfach vorhersehbar: Es fehle an Geld und Personal, um die Reformen sinnvoll umzusetzen. Um die düsteren Prognosen zu untermauern, hat Fünfschilling zwei Zürcher Lehrer an die Vereinsversammlung eingeladen. «Sie haben das erlebt, vor dem ich immer warne», sagt die Binninger Seklehrerin. So berichtet der Zürcher Seklehrer Hanspeter Amstutz, dass die Auflösung der Kleinklassen grosse Unruhen in bereits vorbelastete Regelklassen bringe. Bei den Anfragen für Heimeinweisungen würden in Zürich deshalb Rekordwerte erreicht. Der Zürcher Primarlehrer Jules Fickler kritisiert die Einführung von zwei Frühfremdsprachen. Viele Kinder seien damit überfordert: «Weshalb muss man alles in die frühkindliche Phase drücken? Später im Leben hat man immer noch genug Zeit, um Sprachen zu lernen.»
Beide Lehrer betonen, dass die Bildungsreformen in Zürich unkontrolliert umgesetzt wurden und für Lehrer und Schüler vor allem Nachteile und Mehrarbeit bringen. Die beiden Zürcher geben den Baselbietern einen Ratschlag mit auf den Weg: «Die Lehrer müssen kämpferischer werden!» Das ist Musik in den Ohren von Bea Fünfschilling.