Weichenstellung

Der Ausstieg aus der Atomenergie soll langfristig geplant werden

Im Bild der Rhonegletscher oberhalb von Gletsch.

Schwindende Gletscher führen auch zu schwindenden Erträgen aus der Wasserkraft.

Im Bild der Rhonegletscher oberhalb von Gletsch.

Die Schweiz steht vor einer energiepolitischen Weichenstellung. Soll sie weiter auf die bis anhin als sicher geltende Kernenergie setzen oder zeichnet sich in der Schweizer Bevölkerung eine Mehrheit für den Ausstieg ab?

Fukushima hat die Welt verändert. Unabhängig davon, ob ein Super-GAU noch abgewendet werden kann oder ob uns das zerstörte Kernkraftwerk noch lange in Atem halten wird mit negativen Schlagzeilen und anhaltender radioaktiver Verseuchung – die Atomkatastrophe in Japan stellt eine Zäsur dar.

Das Undenkbare ist möglich geworden, das Unwahrscheinliche hat stattgefunden. Die Welt nach Fukushima ist eine andere als die Welt vor Fukushima.

Bisher glaubten wir in der Schweiz, Kernkraftwerke seien sicher und die nukleare Technologie beherrschbar. Wohl bestand ein statistisches Restrisiko, wonach alle 10000 Jahre ein GAU passieren könne.

Aber fast jedermann nahm an, das sei ein verschwindend kleines Risiko. Heute wissen wir: Das Restrisiko kann schon morgen eintreten.

Anders als in Tschernobyl, wo man mit Recht die Havarie im Atomkraftwerk mit sowjetischer Schlamperei in Verbindung brachte, reicht Schlamperei als Erklärung für den Atomunfall im Hochtechnologie-Land Japan nicht mehr aus, obwohl auch da Schlamperei eine Rolle spielte. Noch mehr fiel die Unterschätzung, das Herunterspielen der Erdbebengefahr in Kombination mit einem Tsunami ins Gewicht.

Aufwändige Sicherheit kostet

Hinzu kommt ein ökonomisches Motiv. Je sicherer ein Atomkraftwerk ist, desto aufwändiger. Für jede Betreibergesellschaft ist das ein Zielkonflikt: Je mehr sie in die Sicherheit investiert, desto teurer wird der Strom. Dass man in Japan darauf verzichtet hat, das Kernkraftwerk Fukushima auf eine höhere Erdbebenskala auszurichten und eine Tsunami-Schutzmauer von 15 Meter Höhe zu bauen, hat zweifelsohne mit den hohen Kosten zu tun, die man sich ersparen wollte, aber auch mit der Absicht des Betreibers, konkurrenzfähigen und gewinnbringenden Strom zu liefern.

Könnte es sein, dass auch bei uns die Atomkraftwerke nicht ganz so sicher sind, wie die AKW-Betreiber behaupten? Halten sie einem Erdbeben der Skalengrösse 10 stand? Sind sie genügend geschützt bei einem Flugzeugabsturz? Bei einer Terrorattacke? Bei einem Cyber-Angriff? Sind die Kühlsysteme genügend redundant ausgelegt?

Das sind alles Fragen, auf die wir gerne eine Antwort haben möchten. Natürlich sind das unwahrscheinliche Szenarien, aber seit Fukushima wissen wir: Das Unwahrscheinliche kann eintreten und es gibt keine 100%ige Sicherheit.

Die frühere Gewissheit, wonach die Atomtechnologie beherrschbar sei und ein solcher Unfall bei uns bestimmt nicht passieren kann, ist weggeschmolzen. Das ist der Fukushima-Effekt.

Entsprechend richtig hat Energieministerin Doris Leuthard reagiert mit der Sistierung der Rahmenbewilligungsverfahren für neue Atomkraftwerke. Jetzt geht es zunächst darum, die bestehenden Kernkraftwerke im Lichte höherer Sicherheitsanforderungen zu überprüfen. Am anfälligsten ist dabei das Atomkraftwerk Mühleberg.

Sollte sich erweisen, dass es erhöhten Sicherheitsanforderungen nicht standhält, muss es vom Netz genommen werden. Die anderen AKW müssen wo nötig sicherheitstechnisch nachgerüstet werden, um das Restrisiko so klein wie möglich zu halten. Das schuldet die Energiewirtschaft der Bevölkerung.

Abhängig vom billigen Atomstrom

Ein sofortiger Ausstieg aus der Atomenergie ist nicht machbar, zu sehr ist die Schweiz in Abhängigkeit des billigen Atomstroms geraten.

Gemäss neuester Statistik stammen 56,5 Prozent des Stroms aus Wasserkraft, 38,1 Prozent aus Atomkraft. Es rächt sich jetzt, dass die Risikokosten und die Endlagerungskosten im Strompreis nicht internalisiert worden sind.

Denn der grosse Vorzug des Atomstroms bestand bisher darin, weltweit günstig und konkurrenzfähig zu sein. Das hielt die Wirtschaft auch in unserem Land am Laufen, bescherte Wohlstand und Wachstum.

Es ist ja nicht so, dass die Elektrizitätsgesellschaften und die Betreiber von Atomkraftwerken mit Blindheit beschlagen wären. Vielmehr hatten sie den Auftrag, das Land mit günstigem Strom zu versorgen. Das war die Erwartung von Politik und Wirtschaft, von Industrie, Gewerbe und privaten Haushalten.

Trotzdem ist ein Ausstieg aus der Atomenergie langfristig machbar und planbar, wenn man das politisch will. «Atomkraft, nein danke» ist allerdings einfacher gesagt als getan, denn ein Ausstieg ist mit zusätzlichen Kosten verbunden und mit vielen Wenn und Aber behaftet.

Gratis ist das nicht zu haben und man tut gut daran, dem Volk klaren Wein einzuschenken. Es braucht auch eine Verzichtplanung.

Rohstoff Wasserkraft

Die Schweiz ist insofern in einer glücklichen und komfortablen Lage, als sie mit der Wasserkraft eine wichtige und ausgiebige erneuerbare Energiequelle besitzt.

Sie hockt buchstäblich auf einem wunderbaren Wasserschloss (welches allerdings mit zunehmender Klimaerwärmung und dadurch verbundener Gletscherschmelze gefährdet sein könnte).

Sie kann sich deshalb langfristig einen Atomausstieg leisten, ohne eine gravierende Wohlstandseinbusse zu gewärtigen oder eine Rosskur für die Wirtschaft in Kauf zu nehmen.

Machen wir uns nichts vor: Andere Länder wie Frankreich, China oder Indien können sich einen Ausstieg aus dieser zwar kostengünstigen und CO2 freien, aber risikobehafteten Energieart gar nicht leisten.

Vielleicht gewinnen diese Länder sogar langfristig einen Wettbewerbsvorteil, dann nämlich, wenn eine neue Generation von kleineren Kernreaktoren inhärent sicherer ist und eine Kernschmelze nicht mehr stattfinden kann. Aber das lässt sich noch nicht voraussehen.

In Deutschland ist die Diskussion derart emotionalisiert, dass man die Atomkraft möglichst bald durch Kohlekraft wird ersetzen müssen, denn die erneuerbaren Energien reichen bei weitem nicht aus, um die Lücke und den steigenden Strombedarf eines Industrielandes zu decken.

Ob die Verbrennung von Kohle angesichts der Klimaerwärmung mit einer sich langfristig anbahnenden Katastrophe gescheiter ist, muss allerdings stark bezweifelt werden.

Wer trägt das Restrisiko?

Ein langfristig zu planender Atomausstieg muss in der Schweiz, dem Land der direkten Demokratie, allein schon deshalb ernsthaft ins Auge gefasst werden, weil im Lichte der Japan-Erfahrung eine Bevölkerungsmehrheit kaum mehr bereit sein wird, dieses «Restrisiko» zu tragen.

Und solange keine Versicherungsgesellschaft bereit ist, dieses mit Schadenersatzfolgen zu übernehmen, bleibt es eben an der Bevölkerung hängen.

Wir Bewohner des Mittellands sind davon besonders betroffen, weil in unserem Einzugsgebiet gleich drei Kernkraftwerke betrieben werden: Beznau, Gösgen, Leibstadt.

Weil die drei KKW bis jetzt tadellos funktioniert haben, hat sich die Bevölkerung damit arrangiert.

Aber die Frage ist: Wollen wir das auch in Zukunft, ab 2040 oder 2050? Wollen wir neue Atommeiler, die zwar sicherer sind, aber immer noch ein Restrisiko beinhalten?

Würde man heute die Bevölkerung fragen, hiesse die Antwort: Wir wollen nicht mehr. Die Parteien der bürgerlichen Mitte, FDP und CVP, sind deshalb mit Recht am Überlegen, welchen energiepolitischen Weg sie in Zukunft einschlagen wollen, nachdem die Grünliberalen und die BDP mit diesem einzigen Unterscheidungsmerkmal («gegen Atomkraft») bei den Wahlen auf Kosten von FDP und CVP abgeräumt haben und höchstwahrscheinlich weiter Wähleranteile gewinnen werden.

Wie wäre denn ein Atomausstieg zu bewerkstelligen? Die Schweiz könnte sich als reiches Land die damit verbundenen höheren Kosten leisten und könnte auch eine Pionierrolle übernehmen.

Nur: Vor Blauäugigkeit ist zu warnen. So einfach, wie sich das viele Umweltschützer und Grüne vorstellen, geht es nicht. Die privaten Haushalte und die Steuerzahler sind nicht beliebig belastbar, und auf Kosten der produzierenden Wirtschaft und des Werkplatzes Schweiz sollte es auch nicht gehen, denn dann wären Arbeitsplätze gefährdet.

Die 4×10-Prozent-Formel

Wir schlagen hier die Formel «4×10 Prozent» vor. Gehen wir davon aus, dass derzeit knapp 40% des Strombedarfs in der Schweiz aus Atomkraft gedeckt werden, so ist die Substitution des Atomstroms mit folgenden Energieträgern sowie Spar- und Effizienzmassnahmen denk- und machbar:

10% bringt ein weiterer rigoroser Ausbau der Wasserkraft, vor allem der Pumpspeicherkraftwerke. Hier müssen aber manche Umweltschützer über ihren Schatten springen, denn man kann nicht beides haben: Verzicht auf neue Atomkraftwerke und Verzicht auf den Ausbau von Wasserkraft.

Ein Ausbau des Pumpspeicherkraftwerks Grimsel ist aus heutiger Sicht unabdingbar und wird ein erster Prüfstein sein;

10% kommen von Gas-Kombikraftwerken. Strom aus Gas ist zwar wegen der CO2-Bilanz problematisch, ist aber als Übergangsenergie und als Pufferenergie unvermeidlich. Diese Energieform ist als Ersatz für Kernenergie in Kauf zu nehmen, mindestens vorübergehend, bis sich eine bessere Lösung abzeichnet;

10% sollen die erneuerbaren Energiearten beitragen: Sonne, Wind, Biomasse, Erdwärme. Ökofreaks werden einwenden, das sei viel zu wenig. Wir aber sagen, das ist schon recht anspruchsvoll und soll zuerst einmal erreicht werden. Der Tatbeweis geht vor. Wenn es dann mehr ist: tant mieux.

10% bringen Sparmassnahmen und Effizienzsteigerungen. Auch dieses Ziel ist sehr anspruchsvoll, aber nicht unmöglich. Warum müssen beispielsweise in der Nacht überall Lichtreklamen brennen?

Das ist Luxus pur und reine Verschwendung. Überdies, um ein weiteres Beispiel zu nennen, werden von den Stromlieferanten völlig falsche Anreize geschaffen: Belohnt werden jene mit Rabatt, die viel Strom verbrauchen, und nicht jene, die sparen.

Energieszenarien auf dem Prüfstand

Jetzt sind die Politik, die Energiewirtschaft und das Departement Leuthard gefordert. In verschiedenen Energieszenarien müssen nun die Anteile von Wasserkraft, Gaskraftwerken, erneuerbaren Energien und griffigen Effizienz- und Sparmassnahmen im Detail berechnet werden.

Dazu mag auch ein Szenario mit Kernenergie gehören, um die Varianten im Vergleich, die Vor- und Nachteile und die Kosten diskutieren zu können. Hineinfliessen in diese Szenarien müssen die Komponenten Wirtschaftswachstum, Einwanderung und Bevölkerungswachstum.

Unsere 4×10%-Formel soll lediglich als Faustregel dienen, als Richtschnur, weil ein Ausstieg ohne diesen Mix nach unserer Auffassung gar nicht machbar ist.

Das heisst, eine Energiezukunft muss gesucht und gefunden werden – jenseits von Illusionen und Luftschlössern, aber auch jenseits von unkalkulierbaren und nicht beherrschbaren Restrisiken.

Und zu guter Letzt noch dies: Vielleicht tun unsere grossen Elektrizitätsunternehmen gut daran, sich in der Sahara grosse Landreserven zu sichern (bevor es die Chinesen tun), von wo dereinst Strom aus grossen Sonnenkraftwerken nach Europa fliessen wird.

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