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Gut untersuchte Geodaten helfen der alternden Gesellschaft

Die Wissenschaftlerin Susanne Bleisch neben einer ganz speziellen Karte: Der Stadtplan ist mit farbigen Punkten überlagert. Diese zeigen verschiedene Lebensräume und beinhalten Informationen über die Versorgungsqualität für ältere Menschen.

Die Wissenschaftlerin Susanne Bleisch neben einer ganz speziellen Karte: Der Stadtplan ist mit farbigen Punkten überlagert. Diese zeigen verschiedene Lebensräume und beinhalten Informationen über die Versorgungsqualität für ältere Menschen.

Forschende der Fachhochschule Nordwestschweiz wollen Schweizer Gemeinden helfen, langfristig altersgerechte Lebensräume zu schaffen. Dafür haben sie digitale Karten entwickelt, die neben geografischen Daten auch altersrelevante Informationen enthalten.

Wo leben ältere Leute? Wie weit sind öffentliche Verkehrsmittel von ihrer Wohnung entfernt? Und gibt es in ihrer Nähe Raum zur Erholung? «Um solche komplexen Fragen zu beantworten, reicht es nicht, einfach auf eine Kar­te zu schauen oder eine Datenbank zu durchsuchen», findet die Wissen­schaftlerin Susanne Bleisch von der Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik FHNW in Muttenz. Deshalb arbeitet sie im Rahmen der Strategi­schen Initiative Alternde Gesellschaft der FHNW gemeinsam mit ihrem Team an einer Methode, Lebensräume älte­rer Menschen mithilfe von Geodaten näher zu beschreiben und auf Karten grafisch darzustellen. Geodaten – da­runter versteht man digitale Informa­tionen, denen eine räumliche Position zugeordnet werden kann. Diese wer­den entweder am Boden oder aus der Luft erfasst und sind häufig öffentlich zugänglich, wie beispielsweise die Geo­datenportale der Kantone. Doch mit den geografischen Daten allein kön­nen Personen oder Gemeinden noch nicht viel anfangen. Deshalb haben die FHNW­-Forschenden die Daten in fünf Themenbereiche eingeteilt, die für älte­re Menschen wichtig sind: Versorgung, Kontakt und Kooperation, Lernen und Erfahren, Mobilität sowie Regenera­tion. Zum Bereich Versorgung beispiels­weise gehören Einkaufsmöglichkeiten, die Gesundheitsversorgung durch Ärz­te und Apotheken sowie Poststellen, Bankomaten oder Reinigungen.

Über kurze Distanz erreichbar
Für ihre ersten Analysen haben Bleisch und ihr Team drei verschiedene Schwei­zer Orte untersucht: die Stadt Olten, das Quartier St. Fiden in St. Gallen und die Aargauer Gemeinde Frick. Da äl­tere Menschen im Fokus des Projekts stehen, interessierte die Forschenden, wie gut deren Versorgung ist, wenn man einen Bewegungsradius von nur wenigen hundert Metern zugrunde legt. Dementsprechend haben sie die Karten der drei Lebensräume mit ei­nem zweidimensionalen Netzwerk von Punkten überlagert und für jeden Punkt bestimmt, wie viele Objekte aus den fünf Themenbereichen – unter anderem Geschäfte oder Bushaltestellen – innerhalb von 400 Metern Gehdis­tanz erreichbar sind. Aufgrund der An­zahl Objekte wurden die Lebensräume in verschiedene Kategorien eingeteilt: zum Beispiel Zentrum, Hauptachsen oder Wohnlage in der Nähe von Erho­lungsraum. Im Zentrum – so auch in der Altstadt von Olten – ist die Dich­te aller fünf Versorgungsbereiche sehr hoch. Eine gute Wohnlage enthält, je nach persönlichem Anspruch, un­ter anderem einen hohen Anteil der Bereiche Regeneration und Mobilität sowie allenfalls einen niedrigeren An­teil an Versorgung und Kontakt und Kooperation. «Basierend auf unseren Auswertungen können wir nun sagen, welche Lagen in den drei ausgewähl­ten Orten für ältere Menschen mit bestimmten Ansprüchen mehr oder weniger gut als Lebensraum geeignet sind», resümiert Bleisch.

Gemeinden können sich austauschen
Neben der Charakterisierung der Le­bensräume interessierte die Forschen­den auch deren Vergleichbarkeit. «Wenn man Städte oder Quartiere hat, die hinsichtlich der Bevölkerung, Infra­struktur und anderer Bereiche ähnlich sind, kann man dann auch gewisse städteplanerische Erkenntnisse über­tragen?», fragte sich Bleisch und fand heraus, dass dies nur zu einem gewis­sen Teil möglich ist. Denn nie sind alle Szenarien und Einflüsse gleich. Trotz­dem sieht sie bereits in der teilweisen Vergleichbarkeit der Lebensraumcha­rakteristik einen grossen Vorteil für die Gemeinden: «Sozialraumanaly­sen sind aufwändig und zeitintensiv. Wenn sich zwei ähnliche Gemeinden diesbezüglich austauschen können, spart das Ressourcen.» Anhand sol­cher Analysen können Gemeinden künftige Investitionen so planen, dass sie der  alternden Gesellschaft gerecht werden. Sabine Goldhahn

Strategische Initiative Alternde Gesellschaft

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Das Quartier als Kraftressource, Begegnungsort und sicherer Lebensraum

Wie soll das nahe Wohnumfeld gestaltet sein, damit ältere Frauen selbstständig leben können? Forschende der FHNW begaben sich mit Seniorinnen aus Olten auf Erkundungstour. 

Zu Hause alt werden – das ist der sehnliche Wunsch der meisten älteren Menschen in der Schweiz. Selbststän­diges Wohnen im Alter ist auch poli­tisch erwünscht, um vorzeitige Pflegeheimeintritte zu verhindern. Dafür braucht es nicht nur altersgerechten Wohnraum, sondern auch Quartiere, in denen die Betagten sich wohlfühlen. «Mit zunehmender Fragilität im Alter reduziert sich der Bewegungsradius», stellt Nicole Bachmann fest, Dozentin am Institut für Soziale Arbeit der Fach­hochschule Nordwestschweiz (FHNW). Der Gestaltung des nahen Umfelds komme deshalb grosse Bedeutung zu.

Frauen fühlen sich  häufiger gefährdet
Besonders körperliche Aktivität und soziale Kontakte sollten gewährleistet sein. Denn das sind erwiesenermas­sen wesentliche Voraussetzungen für gesundes Altern und Lebensquali­tät. «Mangelnde Unterstützung und Einsamkeit erhöhen das Krankheits­risiko», so Bachmann. Sie und ihr Forschungsteam richteten das Augen­merk in der Pilotstudie erstmals auf die älteren Frauen – mit gutem Grund. Mehr als 60 Prozent der über 75-­jähri­gen Frauen in der Schweiz leben allein. Zum Vergleich: Bei den Männern sind es nur 16 Prozent. Zudem fühlen sich Frauen im öffentlichen Raum häufiger gefährdet als Männer.

Ausgerüstet mit Kamera und Tonband, begleiteten die Forschenden Seniorin­nen aus Olten auf ihren alltäglichen Gängen durch das Hagmatt­/Schön­grund-­Quartier. Die Auswertung der Daten zeigt: Im hohen Alter werden steile Fusswege zu unüberwindlichen Hindernissen und Sitzbänke ohne Seitenlehnen zu Fallen. Schlecht be­leuchtete Fusswege lösen Angst vor Gewalt und Stürzen aus. «Ein Sturz kann im hohen Alter weitreichende Folgen haben», erklärt Bachmann. Ein Stress sind Fussgängerstreifen mit Am­peln und zu kurzen Grünphasen. Auch Begegnungszonen mit Mischverkehr – vielenorts zur Verkehrsberuhigung eingeführt – können Seniorinnen ver­unsichern.

Mit dem Quartier emotional verbundenGleich wichtig wie bauliche Mass­nahmen sind Faktoren, die Kontakte ermöglichen. Schliesst der Quartierla­den, fällt für Ältere nicht nur eine gut erreichbare Einkaufsmöglichkeit weg, sondern auch ein Ort, um Menschen zu treffen. Besonders beeindruckte die Forscherin, wie stark die oft alteinge­sessenen Frauen mit ihrem Quartier emotional verbunden sind: «Sie su­chen gezielt Orte auf, die positive Er­innerungen wecken.» Das Quartier als Kraftressource, Begegnungsort und sicherer Lebensraum, der ein selbst­ständiges Leben trotz altersbedingter Einschränkungen ermöglicht – wich­tige Inputs für Stadtentwicklung und Raumplanung in der alternden Gesell­schaft. Susanne Wenger

Die Pilotstudie über die Umfeldgestaltung für ältere Frauen war Thema in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens (ab Minute 6:00).

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