Das Reden der Männer über Männer und von Frauen über Männer hat eine gewisse Undurchdringlichkeit bekommen. Die Verwirrung ist zum Teil der Logik geschuldet («nicht alle Männer sind oder haben oder machen …»), zum Teil aber auch anderen Vorurteilen («Warum soll jetzt alles schlecht geredet werden …?»).

Vielleicht hilft es, wenn wir versuchen, Kategorienfehler zu identifizieren. Wir haben eine Diskussion angefangen, die mit der Gender-Unterscheidung operiert. Und diese geht über das Sprachliche hinaus. «Gender» ist gewissermassen ein zweites Geschlecht. Wir kennen das biologische Geschlecht, hier «Sex» genannt, das die Menschheit in weiblich und männlich unterteilt. Genetisch ist es eine Frage eines vorhandenen oder nicht vorhandenen Y-Chromosoms. Die Menschheit (und noch einige andere Tierarten, aber nicht alle) haben eine XX/XY-Differenzierung entwickelt. Die XY-Variante entspricht dem männlichen Phänotyp. Man spricht dann von primären, sekundären und tertiären Geschlechtsmerkmalen, welche dieses Y-Chromosom ausprägt. Beim Menschen sind Weiblein und Männlein phänotypisch meist gut unterscheidbar.

Weniger Muskeln = schwach?

Die Gender-Differenz tritt nun zur Sex-Differenz hinzu. Am Beispiel der Redewendung vom «schwachen Geschlecht» (womit das weiblich gemeint ist) lässt sich das gut zeigen. In der Sex-Kategorisierung ist meist unbestritten, dass männliche Exemplare einen grösseren Anteil von Muskelmasse am Körpergewicht aufweisen. Das ist hormonell gesteuert und kann auffallender oder weniger auffallend der Fall sein. Die Gender-Kategorie sieht das mit dem «schwachen Geschlecht» anders. Sozial ist daraus eine Diskriminierung geworden, indem eine «Frauenrolle» in die Unterscheidung hineininterpretiert wird: «schutzbedürftig», «sanft», «passiv» etc. seien die Frauen gegenüber den Männern. Und die Männer sind dann «dominant», «stark», «durchsetzungsfähig und –willig» usw. Die Rollenverteilung folgt dann dem Ernährer-/Aufzieher-Muster. Die Gender-Unterscheidung legt den Finger auf den Skandal, dass vorgegeben wird, dass die Differenz «von Natur aus» und damit unabänderlich und dauerhaft angelegt sei. Dabei spielen historisch gut identifizierbare soziale Merkmale eine entscheidende Rolle. Die Ernährer-Story ist leicht auf die beginnende Industrialisierung, wo dem Mann die Lohnarbeit zugemutet wurde, zurückzuführen.

Frauen werden durch die sozialen Strukturen (das «Patriarchat»?) auf bestimmte Rollenstereotypien festgelegt. Allenfalls biologisch vorhandene (oder auch nicht) Merkmale werden sozial umgedeutet. Da Frauen die Kinder bekommen und ihre ersten Kontakt- und Bezugspersonen sind, werden sie auf die Aufzieh-Fürsorge-Rolle festgelegt. (Dass man dann argumentiert, das vertrage sich gar nicht mit dem Stimm- und Wahlrecht, ist zum Glück nicht mehr üblich.) Vielleicht waren es wirklich die Männer, welche in den Steinzeitgesellschaften auf die (Grosswild-)Jagd gingen; aber wie mit dieser Stereotypie hantiert wird, braucht man nicht mehr auszuführen. Und die Perpetuierung des Krieges, wo «männliche» Attribute wie Körperkraft, Leidensfähigkeit oder Grausamkeit gefragt sind, dürfte ebenfalls eine «männliche» Obsession sein. Schliesslich lässt sich damit ziemlich viel Gender-Diskriminierendes rechtfertigen.

Unsere Gesellschaft ist – oder war – «männlich» geprägt. Das zeigt sich, indem bei der männlichen Variante Sex und Gender einigermassen deckungsgleich sind oder sich mindestens gut vertragen. Männer müssen stark sein und dürfen nicht weinen und müssen auf die Zähne beissen und sich durchsetzen … und … und … und … Männer brauchten bis jetzt keine Gender-Differenz (obwohl es sie natürlich auch gibt), wenigstens empfanden sie in dieser Beziehung keinen Skandal. Ihre soziale Rolle entsprach genau dem, was sie als «biologisch gegeben» von sich hielten: Das «starke Geschlecht» halt.

Mann und Gender - das vierte Feld

Aber jetzt wird endlich dieses vierte Feld der Konstellation aufgedeckt. Auch bei den Männern fällt die Sex- und Gender-Kategorisierung auseinander. Aber den Männern wird die Gender-Differenz anders bewusst als den Frauen. Sie erleben sie als Demontage. Sie hielten es für etwas, was ihnen «von Natur aus» zukam, jetzt wird es ihnen als obsolet vorgehalten. Die moderne Gesellschaft braucht kein «starkes Geschlecht», sie braucht keine «Krieger» mehr, die ganze Familie mit der männlich dominanten Rolle drin hat sich erledigt. «Ernährer» können in der postindustriellen Gesellschaft auch Frauen sein.

Sozial werden die Männer ihre Privilegien mit Klauen und Zähnen verteidigen. Die Sitze in den Vorstandsetagen und Verwaltungsräten werden sie nur auf Quotendruck hin räumen. Das betrifft natürlich auch hier nicht «die Männer» in ihrer Gesamtheit, aber die Exemplare, die es betrifft, werden sich genau so verhalten.

Puppen für Buben, Bagger für Mädchen?

Und wie geht es jetzt weiter? Vielleicht hängt es auch davon ab, auf welcher begrifflichen und ideologischen Basis die Unterscheidungen getroffen wurden. Man kann es als Wachtablösung interpretieren, als zweite Runde in der «Battle of the sexes». So scheint im Moment die Debatte zu laufen. Man kann aber auch versuchen, es als Emanzipation in Richtung «Mensch» zu sehen. Dass wir eine gesellschaftliche Entwicklungsstufe erreicht haben, in der die Gender-Sex-Unterscheidung selbst obsolet wird. Dass es keinen Sinn mehr macht, vermeintlich «biologische» Differenzen in die Gesellschaft hinein zu tragen. Wird es davon abhängen, ob Buben mit Puppen spielen und Mädchen mit Baggern? Vielleicht ist das ebenso überzeichnet wie die biblische Prophezeihung, dass die Lämmer bei den Löwen liegen würden. Aber als Vision nicht ganz untauglich.