Johannes Reichen

Wenn junge Oberaargauerinnen und Oberaargauer am Wochenende mal wieder auf den Putz hauen wollen, dann können sie in der Gegend bleiben. Wahrscheinlich ist dann aber nicht allzuviel los in Langenthal oder sonstwo. Also müssen sie losziehen. Nach Bern vielleicht? Hier hänge «ein drohender Hammer über dem Nachtleben», sagt Stadtrat Manuel C. Widmer (GFL). Oder nach Thun? «Weit davon entfernt, eine attraktive Ausgehstadt zu sein», sagt Lukas Lanzrein, Mitglied des Kommitees «Thun rockt!». Solothurn? Eher nicht, da will die Stadt erreichen, dass die Clubs schon um 2 Uhr schliessen müssen.

Die Diskussionen und die konkreten Probleme unterscheiden sich von Stadt zu Stadt, doch letztlich geht es überall um die gleiche Frage: Nachtleben oder Nachtruhe? «Es ist eine Gratwanderung», sagt Widmer, der zudem findet, dass sich das Berner Nachtleben in den letzten zehn Jahren zum Guten entwickelt hat.

Nur sehen es er und andere jetzt wieder in Gefahr und haben eine Interpellation eingereicht. Seit einiger Zeit spürten die Clubs eine «härtere Gangart», sagt Widmer. Bei der Erteilung von Überzeitbewilligungen bis 5 Uhr würden Auflagen gemacht, die kleine Clubs kaum erfüllen könnten.

Stadt soll mehr mitreden

Die Kritik zielte bisher vor allem auf Regula Mader, bis vor zwei Tagen war sie Berns Regierungsstatthalterin. An ihrem letzten Arbeitstag am Mittwoch hat sie noch fünf Bewilligungen erteilt (siehe Kasten). Denn die aktuellen sind «aufgrund fehlender Erfahrungswerte» nur bis Ende Oktober gültig. Zuerst musste noch der Nachtlärm in der Stadt gemessen werden.

Die Interpellanten möchten nun, dass die Stadt stärker mitreden kann. Demnächst soll dazu auch eine Petition lanciert werden. Rechtlich befinde sich das Nachtleben «in einem Schwebezustand», sagt Widmer. «Bis jetzt hat sich niemand wirklich Gedanken gemacht.» Weder die Stadt noch der Kanton habe jemals eine Planung gemacht. Dabei müsse man doch Bereiche festlegen, in denen die Nacht gelebt werden könne. Zwar sei einst die obere Altstadt vorgesehen gewesen, doch auch da würden Clubs behindert.

Junge fordern Repression

In Thun wurde eine Nachtschwärmer-Petition schon vor einem Jahr der Stadt übergeben. 3000 Unterzeichnende forderten, dass die Anliegen der Jugendlichen stärker berücksichtigt werden. Nur, geändert habe sich seither nicht viel, sagt Lanzrein. Zwar hätten ein paar Clubs eine Überzeitbewilligung erhalten, auch wurden einige wenige Lokale neu eröffnet.

Seit der Schliessung des Selve-Areals aber habe Thun nicht mehr viel zu bieten, und das habe zu Konflikten geführt. Die Innenstadt ist seither der Place to be in Thun, allerdings sind dort die Klagen wegen Nachtlärm und Vandalismus beinahe lauter als der Lärm selbst.

Auch Lanzrein ist sich dieser Probleme bewusst. «Die Jugendlichen leiden darunter, weil sich eine Minderheit nicht anständig verhält. Die Forderungen, die das Kommitee nun erhoben hat, erstaunen selbst den Sicherheitsdirektor der Stadt Thun, Peter Siegenthaler (SP). Mehr Polizei und Bussen gegen Littering fordern die Jungen, aber auch «Videoüberwachung an neuralgischen Orten». Ein bisschen Prävention ist auch noch dabei. Damit wollen sie den Weg für mehr Ausgangslokale frei machen.

«Bei aller Sympathie für diese Anliegen», sagt Siegenthaler, «je mehr Angebote man schafft, desto grösser werden auch die Probleme». Doch in der Innenstadt hätten sie durch das veränderte Konsumverhalten schon eine Schwelle erreicht, die kaum zu akzeptieren sei. Hauptursache dafür sei der Alkohol. Siegenthaler ist deshalb für eine Verteilung des Angebots und eine Ausbreitung in die Quartiere.

Keine Geisterstadt

Dieser Gedanke ist auch den jungen Thunern nicht fremd, nur fodern sie die Stadt auf, auch etwas dafür zu tun. «Und ein gewisses Mass an Nachtlärm», sagt Lukas Lanzrein, müsse einer Stadt wie Thun zugemutet werden. «Die Innenstadt soll doch nicht zu einer Geisterstadt verkommen.»

Ähnliches sagt der Manuel C. Widmer, der selbst als DJ aktiv ist: «Leben macht Lärm.» Und in der Hauptstadt, sagt er, dürfe es davon doch etwas mehr geben als anderswo.