Sarah Jäggi

Der Polizist, der die Angeklagte an diesem Nachmittag bewacht, kaut unablässig auf seinem Kaugummi. Eine Frau in rotem Pullover hämmert, als ob es um Leben und Tod gehen würde, das Wortprotokoll in die Tastatur – und hat recht, es geht um viel: um den Tod zweier Kinder. Vor ihr die Berufsrichter, neben ihr in zwei Reihen die Geschworenen: drei Männer, sechs Frauen, die einen leger gekleidet, andere tragen Hemden, Jupes, opulenten Schmuck und einer Krawatte. In der Mitte ein Mikrofon, das an diesem Nachmittag zwei Mal benutzt werden wird, wenn eine Geschworene eine Frage stellt. Auf den Tischreihen grüne Mineralwasserflaschen, die später von Hand zu Hand gehen werden. Auch Notizpapier und Schreibwerkzeuge, die rege benutzt werden. Und immer wieder Ellbogen, die abgestützt werden, damit eine Handfläche unter ein Kinn gelegt, ein Kopf gehoben und ein Blick in die Weite gerichtet werden kann. Was mag in ihnen vorgehen, den Geschworenen, die dann zu Richtern ernannt werden, wenn in einem schweren Deliktfall kein Geständnis vorliegt? Was denken sie, wenn sie die Angeklagte, die reglos vor ihnen sitzt, anschauen? Sie dürfen es nicht sagen, sind durch den Eid zum Schweigen verpflichtet.

Das Los entscheidet

Das Zürcher Geschworenengericht ist eines der letzten der Schweiz und wird, wenn 2011 die neue schweizerische Prozessordnung eingeführt wird, Geschichte sein. Die Laienrichter, die im Fall des Zwillingsmordes von Horgen auf der Richterbank sassen, wurden aus den gut 1200 Geschworenen ausgelost, die im Kanton Zürich für sechs Jahre gewählt sind. In mehreren Schritten wurde der Kreis der Personen eingeschränkt, am ersten Prozesstag wurden schliesslich sechs Frauen und drei Männer ausgelost und vereidigt. Dass in Geschworenengerichten oftmals viele Pensionierte sitzen, dürfte mit dem Umstand zusammenhängen, dass es für Berufstätige schwierig ist, mit dem Arbeitgeber eine Lösung für die lange Abwesenheit zu finden.

Im Geschworenenprozess gilt das Unmittelbarkeitsprinzip. Das heisst, die Geschworenen verfügen über keine andere Informationen als über jene, die ihnen durch Medienberichte bekannt sind oder ihnen im Laufe des Prozesses von der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung, den Zeugen und Experten zugetragen werden. Neben dem juristischen Fachwissen zählt das Urteilsvermögen von «freien und rechtschaffenen Menschen», wie es in der Strafprozessordnung heisst. Die Gefahr, dass die Laienrichterinnen und Laienrichter in ihrem Urteil lediglich den Empfehlungen der drei Berufsrichter folgen, besteht laut Gerichtsschreiber Urs Gassman nicht: «Die Erfahrung zeigt, dass die Geschworenen sehr wohl in der Lage sind, ihre Meinung kundzutun.»

Acht Mal dieselbe Meinung

Gestern traf sich das Gericht noch einmal zur Beratung. Wie diese abläuft, ist geheim – wie überhaupt alles, was im Gremium besprochen wird. «Läuft alles nach Plan», so Germann, «wird das Gericht in allen Punkten sein Urteil gefällt haben. Grundsätzlich äussern sich bei Beratung und Abstimmung immer die Geschworenen zuerst, in der Reihenfolge ihrer Auslosung. Danach folgen die beiden Berufsrichter, zuletzt der Gerichtspräsident.» In der Frage, ob die Angeklagte BiancaB. die Täterin war, müssen mindestens acht Personen dieselbe Meinung vertreten. Ist dies nicht der Fall, wird sie freigesprochen.