Mutter Zwillinge
Zwillingsmord: Anklagte Mutter berichtet von harter Kindheit

Eine schwierige Kindheit und ein eintöniger Familienalltag haben das Leben der Frau geprägt, die des Mordes an ihren 7-jährigen Zwilligen angeklagt ist. Vor dem Zürcher Geschworenengericht begann am Mittwoch der Prozess zum aufsehenerregenden Tötungsdelikt von 2007 in Horgen ZH.

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Zwillinge in Horgen getötet

Zwillinge in Horgen getötet

Keystone

Zum Prozessauftakt wurde die 36-jährige Angeklagte zu ihrem persönlichen Leben befragt. Aufgewachsen war sie in Österreich in einem Tiroler Dorf mit einem gewalttätigen Alkoholiker als Vater und einer machtlosen, meist wegen Arbeit abwesenden Mutter.

Mit 22 Jahren heiratete sie einen Schweizer. Heute ist das Paar geschieden. Die Angeklagte hat keinen Beruf erlernt. Sie war Mutter und Hausfrau und half ihrem Mann in dessen Kleinbetrieb. Abwechslung gab es nach ihren Schilderungen kaum in ihrem Leben.

Einfache junge Frau von nebenan

Die Angeklagte erschien am Mittwochmorgen in einer roten Kapuzenjacke, einem weissen T-Shirt und Jeans - eine einfache junge «Frau von nebenan». Sie gab ruhig und klar Antwort auf die Fragen von Gerichtspräsident Pierre Martin. Nichts in ihrem Erscheinen und Auftreten liess erahnen, um welch tragische Tat es beim Prozess geht.

Das Interesse am Prozess ist riesig. Wegen der beschränkten Platzverhältnisse im Obergericht wird der Mordprozess per Videoschaltung auf Grossleinwand in einen Saal im Zürcher Hallenstadion übertragen. Ein ehemaliger Nachbar der Familie sagte gegenüber «Tagesanzeiger.ch»: «Der Fall hat mich damals ausserordentlich betroffen gemacht, jetzt möchte ich wissen, was damals wirklich passiert ist und wie die Verhandlung läuft.»

Anklage lautet auf Mord

Die Anklage lautet auf mehrfachen Mord. Gemäss Staatsanwaltschaft Markus Oertle habe die Frau «heimtückisch», aber auch «schnell, überraschend und mit grosser Entschiedenheit» gehandelt. Über das genaue Motiv gibt es derzeit noch keine Klarheit.

Staatsanwalt Oertle setzt in der Anklageschrift die Tat in Zusammenhang mit «sich zuspitzenden Belastungen» im Privatleben der Angeklagten. Einerseits habe sie gesundheitliche Probleme gehabt. Andererseits habe sie befürchtet, dass ihre zwei ausserehelichen Beziehungen auffliegen könnten. Einen Strafantrag will er erst nach den Befragungen im Geschworenengericht stellen.

Was sich in der Nacht auf Heiligabend ereignete...

Bianca B. stand in der Nacht auf den 24. Dezember 2007 unbemerkt auf und ging in die Zimmer ihrer Zwillinge Céline und Mario. Die beiden schliefen in ihren Betten. In welches Zimmer die Mutter zuerst ging, ist unklar. Gemäss Anklageschrift habe die Frau «in Tötungsabsicht mit einem Kissen oder mit einem anderen weichen Gegenstand während einiger Minuten mit massiver Gewalt auf Oberkörper, Hals und Atemwege der schlafenden Kinder gedrückt.»

Nach der Tat versuchte die Mutter einen Einbruch vorzutäuschen. Am Morgen riefen die Eltern die Polizei an und meldeten, dass ihre Kinder umgebracht worden seien. Der Verdacht fiel jedoch schnell auf die Eltern selbst. Sie beschuldigten sich in der Folge gegenseitig. Im Laufe der Untersuchungen kristallisierte sich jedoch heraus, dass der Vater Franz B. nichts mit der Tat zu tun hatte.

Die Mutter ist nicht geständig. Gemäss Markus Bischoff, dem Anwalt des Vaters, habe die Mutter aber erwähnt, dass es möglich sei, dass sie etwas getan habe.

Es gab keinerlei Anzeichen

Nach den Weihnachtsferien blieben die beiden Pulte der Primarschüler Céline und Mario leer. Die Präsidentin der Schulpflege in Horgen sagte gegenüber 10vor10: «Es gab keinerlei Anzeichen, einfach überhaupt keine.»

Ganz im Gegenteil: Die Mutter galt gemäss Markus Bischoff, Anwalt des Vaters als äussert fürsorglich. Eventuell gar etwas zu beschützend und gegenüber der Umwelt zu abschotttend. Doch ist dies ein Anzeichen?

«Massive Abschottung kann ein Anzeichen sein, ist aber derart unspezifisch, dass nicht aufgrund dessen in das Familienleben eingegriffen werden kann», sagte Ulrich Lips von der Kinderschutzgruppe des Kinderspitals Zürich zu 10vor10.

Die Plädoyers der Parteien sind auf den 23. März vorgesehen. Das Urteil des Zürcher Geschworenengerichts wird voraussichtlich am 26. März eröffnet. (sda/skh)