Die Swiss-Piloten kritisieren die neue Regel, wonach immer zwei Besatzungsmitglieder im Cockpit sitzen müssen. Eingeführt wurde sie wegen des absichtlichen Germanwings-Absturzes vor einem Jahr. Doch gemäss Aeropers, dem Pilotenverband der Swiss, führt die Regel nicht zu mehr, sondern zu weniger Sicherheit. Konkret wird bemängelt, dass durch den Abtausch die Cockpit-Tür länger geöffnet bleibe.

Auch Christoph Regli, Aviatik-Dozent der ZHAW, zieht knapp ein Jahr nach Einführung der Regel eine eher durchzogene Bilanz. Die etwas länger geöffnete Cockpit-Tür scheint dabei noch das kleineste Problem. Im Interview erklärt der Pilot und ehemalige Sicherheitsinspektor beim Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL), welche neuen Risiken in der Praxis entstehen können.

Teilen Sie den Unmut Ihrer Berufskollegen über die Zwei-Personen-Regel?

Christoph Regli: Zunächst würde ich sagen, dass man eine Massnahme wie diese fast einführen musste, um allenfalls das Vertrauen verängstigter Passagiere wieder herzustellen. Damit signalisierten die Airlines, dass sie das Problem ernst nehmen. Auf der anderen Seite stellt sich in solchen Fällen immer die Frage, ob nicht auch neue Risiken ins System eingeführt werden. 

An welche Risiken denken Sie?

Am wichtigsten scheint mir die Erkenntnis, dass Mitglieder des Kabinenpersonals nicht fürs Cockpit ausgebildet sind. Sie wissen nicht wie intervenieren, sollte der Pilot einen Sinkflug einleiten. Ebenso wissen sie in der Regel nicht, wann ein Sinkflug von der Flugsicherung angeordnet wurde.

Der eine oder andere verfügt wohl über Grundkenntnisse. 

Eine spontane Intervention von jemandem, der vielleicht ein bisschen über die Fliegerei Bescheid weiss, könnte gefährlich werden. Auch eine Ablenkung des Piloten ist denkbar, wenn er versucht, das Cockpit zu erklären. Daneben gibt es einen weiteren Aspekt, der gerne vergessen geht.

Welchen Aspekt meinen Sie?

​Wenn ein Mitglied der Kabinenbesatzung im Cockpit sitzt, fehlt es gleichzeitig hinten. Und zwar nicht nur im Service, sondern auch für die sicherheitsrelevanten Aufgaben. Ausserdem verursacht es einen organisatorischen Aufwand, jemanden kurzfristig ins Cockpit zu bestellen. Das Kabinenpersonal ist ein eingespieltes Team, wenn da plötzlich jemand hinausgerissen wird, ist das eine Herausforderung. 

Handelt es sich dabei immer um die Maître de Cabines?

​Das kommt auf die Airline an. Grundsätzlich ist es sinnvoll, die Person mit der grössten Erfahrung ins Cockpit zu schicken. Aber eben: Kommt es ausgerechnet in diesem Augenblick zu einer brenzligen Situation in der Kabine, dann fehlt diese Erfahrung. Auch ein anderes Risiko betrifft das Kabinenpersonal, aber darüber reden die Airlines nicht gern.

Welches Risiko?

​Die Eintrittshürde, Pilot zu werden, ist ungleich höher als für Flugbegleiter. Sollte eine terroristische Organisation versuchen, eine Person in das Aviatik-System einzuschleusen, wäre das für einen Piloten schwieriger. Die Selektion ist strenger, die Ausbildung dauert länger. Verstehen Sie mich nicht falsch, Flugbegleiter ist ein anspruchsvoller Job, aber die Eintrittshürde bei den Piloten ist höher. Ist eine Person mit terroristischen Absichten erst einmal im Cockpit, ist es ein Leichtes, den Piloten ausser Gefecht zu setzen.

Was ist Ihr Eindruck, bleibt die Zwei-Personen-Regel bestehen?

​Ich denke, vorerst schon. Die Entscheidung liegt nicht nur bei den Behörden, sondern auch bei den Airlines. Es ist nicht zuletzt eine Kulturfrage. In den USA galt die Regel schon vor der Germanwings-Tragödie. 

Gibt es überhaupt Alternativen?

Der Leiter der deutschen Flugsicherung (DFS) schlug nach der Germanwings-Tragödie vor, die Flugsicherung müsste in solchen Fällen vom Boden aus die Kontrolle über das Flugzeug übernehmen. Ohne viel Fantasie ist klar, dass Terroristen dadurch eine neue Türe aufgemacht würde. Toiletten im Cockpit sind physisch, eine Aufstockung auf drei Piloten wirtschaftlich unrealistisch. Es gibt keine einfache Lösung und in diesem Sinn leider keine hundertprozentige Sicherheit.

Relaunch: Watson Box (JSON Feed)