Zürcher Polizei ohne Augenmass?

Eigentlich wollte sich die Stadtpolizei Respekt auf der Langstrasse verschaffen. Doch mit dem Einsatz, über den das TV-Magazin «10 vor 10» am Mittwoch berichtete, löste sie vielerorts nur Kopfschütteln aus.

Merken
Drucken
Teilen
stapo.jpg

stapo.jpg

Martin Reichlin

Ein friedlicher, wenn auch falsch fahrender Velofahrer, touchiert ein Polizeiauto, wird von einem Polizisten am Kragen gepackt, gegen die Wand geschubst und in Handschellen gelegt.

Update

«Massnahmen gegen Respektlosigkeit und Gewalt» nannte die Polizei die Aktion, mit der sie im Oktober und November auf die wachsende Aggression gegen Beamte reagierte. «Der Respekt soll hergestellt und das Bewusstsein verstärkt werden, dass Angriffe gegen Einsatzkräfte keine Bagatelldelikte sind. Wer Polizisten angreift, muss sofort mit Konsequenzen rechnen.» (MRE)

Ein angetrunkener FCZ-Fan mit losem Mundwerk schnippt eine Zigarette in Richtung Polizei, wird deshalb von mehreren Beamten in einen Kastenwagen verfrachtet und muss die Nacht in einer Zelle verbringen.

Ein Jurist aus der Romandie, der die Hand nicht aus seiner Hosentasche nehmen will, wird von Stadtpolizisten zu Boden geworfen und ebenfalls in Richtung Arrestzelle abtransportiert.

Möchtegern-Rambos . . .

Die Bilder, die «10 vor 10» vor drei Tagen von der Polizeiaktion «Respekt» auf der nächtlichen Langstrasse zeigte, haben viele Fernsehzuschauer aufgeschreckt - und prompt zu heftigen Reaktionen geführt. Von «Möchtegern-Rambos» war beispielsweise auf «Tagesanzeiger.ch» die Rede und davon, dass die Polizei mit solch unverhältnismässigem Vorgehen nicht das Vertrauen der Bevölkerung gewinne. Ein Leser von «Blick.ch» beklagte gar, Polizeikommandant Philip Hotzenköcherle habe seinen Beamten eine «License to kill» ausgestellt. Aber: «Gewalt führt nicht zu Respekt, sondern zu Hass.»

. . . oder nötige Härte?

Dem stehen die Befürworter der polizeilichen Null-Toleranz-Strategie gegenüber. «Wo Anstand und Sitten fehlen in der Gesellschaft, müssen mit «Law and Order» gewisse Regeln durchgesetzt werden», heisst es etwa in einem Eintrag bei «Tagesanzeiger.ch».

Aber auch Politiker, Vertreter des «Chreis Cheib» und die Verantwortlichen der Stadtpolizei nehmen die Beamten in Schutz. Polizeikommandant Hotzenköcherle hielt gegenüber «10 vor 10» den Einsatz für angemessen und berichtete von positiven Rückmeldungen aus dem Quartier. Polizeisprecher Marco Cortesi nannte das Vorgehen der Polizisten «hart an der Grenze, aber korrekt und offenbar nötig».

Rolf Vieli wiederum, Projektleiter «Langstrasse plus», sagt zum Thema: «Eine Mehrheit im Quartier findet, die Polizei müsse härter durchgreifen. Dazu gehört auch, dass sich die Polizisten nicht alles gefallen lassen.» SVP-Gemeinderat Mauro Tuena schliesslich meinte: «Für Ruhe und Ordnung zu sorgen, ist vor allem an den Wochenenden kein Zuckerschlecken und dafür muss man auch ein gewisses Verständnis aufbringen.»

Gratwanderung zu mehr Respekt

Und was sagt man in der Direktion des Polizeidepartements zum Eindruck, den die Polizisten am TV hinterliessen? Sprecher Robert Soós: «Der Haken an den Szenen, wie sie im Fernsehen gezeigt wurden, ist, dass nur die polizeilichen Handlungen zu sehen sind, nicht aber was vorher geschah oder wie sich die Situation abseits der Kamera darstellte.» Es sei daher unzulässig, gestützt allein auf die TV-Bilder ein Urteil über den Polizeieinsatz zu fällen. Soós: «Fest steht, dass die Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit und der Verhältnismässigkeit bei allen Aktionen der Stadtpolizei gewahrt werden müssen.»

Die öffentliche Diskussion spiegle, so Soós, die Arbeit der Polizei wider: «Ein Teil der Bevölkerung plädiert für mehr Härte, ein anderer Teil wirft uns übertriebene Gewaltanwendung vor und eine dritte Gruppe plädiert für eine differenzierte Sichtweise. Uns ist natürlich bewusst, dass die Aktion ‹Respekt› auch eine Gratwanderung ist. Andererseits können wir unseren Beamten nicht zumuten, dass sie die zunehmenden Respektlosigkeiten ihnen und ihrer Arbeit gegenüber einfach hinnehmen müssen.»