Ur-Dörfli
Zügelstress für das «Ur-Dörfli»

Mit Sack und Pack zog Pfarrer Siebers «Ur-Dörfli» gestern von seinem Standort im Urdorfer Industriegebiet weg: Eine Veränderung, die gemischte Gefühle auslöste.

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Ur-Dörfli

Limmattaler Zeitung

Bettina Hamilton-Irvine

Umzüge sind so nervenaufreibend, dass sie von Psychologen auf der Liste der kritischen Lebensereignisse gleich nach Trennungen oder Todesfällen eingestuft werden. Das mussten die Bewohner und Betreuer der Auffangeinrichtung «Ur-Dörfli» gestern am eigenen Leib erfahren: Nach mehr als 15 Jahren am Standort im Urdorfer Industriegebiet hiess es Kisten und Koffer packen und nach Pfäffikon ZH umziehen. Mark Wiedmer, der Kommunikationsbeauftragte der Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS), fasste die Belastung folgendermassen zusammen: «Man stelle sich den Zügelstress beim Umzug eines Zweipersonenhaushalts vor und rechne das Ganze mal 15, plus noch 20 Betreuer dazu - dann sieht man in etwa den Aufwand.»

Schwierige Suche nach neuem Standort

Zu tun gab es allerdings Einiges: Denn nebst den Einrichtungen der Wohnhäuser, die 29 suchtkranken Menschen ein vorübergehendes Zuhause bieten, mussten auch Administrationsräume, Kücheneinrichtungen sowie Arbeitsateliers mit einer Schreinerei und einer Töpferei nach Pfäffikon umgesiedelt werden.

Doch trotz Zügelstress und strömendem Regen war die Stimmung beim gestrigen Umzug überraschend gelassen. «Wir freuen uns, dass wir in Pfäffikon ein neues Zuhause gefunden haben», meinte Wiedmer und fügte an: «Die Suche nach einem neuen Standort für diese Einrichtung war sehr schwierig.» Denn: Obwohl die Wichtigkeit des «Ur-Dörflis» generell anerkannt werde, wollten dann halt doch viele die Einrichtung lieber nicht in ihrer eigenen Gemeinde haben, so Wiedmer.

«Dieser Ort ist uns lieb geworden»

Das «Ur-Dörfli»

1993 öffnete das «Ur-Dörfli» der Sozialwerke Pfarrer Sieber seine Türen im Urdorfer Industriegebiet. Die Auffangeinrichtung hat die soziale und gesundheitliche Stabilisierung drogenabhängiger und häufig psychisch kranker Menschen in gesicherten Tagesstrukturen zum Ziel. Da die Gemeinde Urdorf nun das Land anderweitig braucht, operiert das «Ur-Dörfli» seit heute in Pfäffikon ZH. (BHI)

Völlig zu Unrecht, findet der Kommunikationsbeauftragte: «Von unseren Leuten geht keinerlei Gefahr aus.» Man habe in all den Jahren, seit 1993, am Urdorfer Standort niemals die geringsten Probleme mit Behörden, anderen Institutionen oder Nachbarn gehabt, betont Wiedmer: «Wir sind sicher, dass dies auch in Pfäffikon nicht anders sein wird.»

Nicht von Anfang an habe man jedoch das Gefühl gehabt, dass man in Pfäffikon willkommen sei, erzählt Wiedmer. Denn eine Weile lang hätte man gerade in Leserbriefen immer wieder Ablehnung gegen den Umzug des «Ur-Dörflis» in das ehemalige Hotel Bahnof in Pfäffikon gespürt. Doch zum Glück habe sich die Stimmung nun gewendet, so Wiedmer: «Wir haben viele positive Signale aus der Bevölkerung erhalten.» So hätten sich Leute direkt an die Sozialwerke Pfarrer Sieber gewendet, um Unterstützung auszudrücken oder hätten sogar schon Geschenke wie Socken geschickt.

Diese Bestätigung, dass man willkommen sei, sei schön und wichtig für die Bewohnerinnen und Bewohner, so Wiedmer, und erleichtere auch den Abschied von Urdorf. Denn: «Dieser Ort ist uns lieb geworden.» Auch habe man sich stets sehr gut unterstützt gefühlt von den Urdorfer Behörden: «Sie waren immer sehr kulant.»

Immer noch eine Urdorfer Notschlafstelle

Auch nachdem es klar wurde, dass das «Ur-Dörfli» aufgrund anderweitiger Nutzungsabsichten für das Grundstück umziehen muss, setzte sich die Gemeinde Urdorf für die Institution ein: So ermöglichte sie den SWS-Verantwortlichen, am gleichen Standort noch bis zum Ende des Winters eine provisorische Notschlafstelle zu führen. Ursprünglich hätte die bisherige Notschlafstelle zusammen mit dem «Ur-Dörfli» nach Pfäffikon ziehen sollen. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch am lokalen Widerstand.

Heute öffnet die provisorische Notschlafstelle «Nachtliecht» am alten Standort ihre Türen. Sie bietet Übernachtungsmöglichkeiten für bis zu 15 Personen pro Nacht. Als einzige Notschlafstelle auf Zürcher Kantonsgebiet ausserhalb der Stadt Zürich deckt sie laut Wiedmer ein echtes Bedürfnis ab: «Wir waren bisher immer zum Brechen voll.»