Andrea Trueb

Unmenschliche Arbeitsbedingungen für Prostituierte und eine Zumutung für die Bevölkerung: Seit ein bis zwei Jahren nimmt das Zürcher Sexgewerbe in zunehmendem Masse besorgniserregende Formen an. Ein neuer Strichplan und eine Prostitutionsverordnung sollen den Negativ-Trend nun stoppen. «Eine riesige Herausforderung», sagt Rolf Vieli, Leiter der beiden Projekte «Langstrasse plus» und «Projekt Rotlicht» beim Stadtzürcher Polizeidepartement: «Wenn ich nicht erlebt hätte, dass eine scheinbar ausweglose Situation wie das Drogenelend am Letten gestoppt werden konnte, würde ich nicht glauben, dass wir die Lage rund ums Sexgewerbe in den Griff bekommen.»

Herrschende Doppelmoral

«In den Griff bekommen» bedeutet, dass die Prostituierten unter möglichst gesunden und sicheren Bedingungen arbeiten können und die Lebensqualität der Bevölkerung nicht beeinträchtigt wird – zwei Vorgaben, die sich nur schwer unter einen Hut bringen lassen. So ist ein Grossteil der Bevölkerung zwar der Überzeugung, dass es Prostitution geben muss, dabei gilt aber: Bitte nicht vor der eigenen Haustür. «Das ist ein Dilemma und zeugt von einer Doppelmoral», so Vieli. Wird das Sexgewerbe aus den Wohnquartieren verdrängt, nimmt zwar die Belastung der Bevölkerung ab, gleichzeitig fällt die Sozialkontrolle und damit die Sicherheit für die Prostituierten weg.

Wie der neue Strichplan mit diesem Dilemma umgeht, wird sich zeigen. Fest steht gemäss Bundesgerichtsurteil, dass der Strassenstrich nicht einfach verboten werden kann, wie dies Leser gegenüber «tagesanzeiger.ch» vorschlugen. Hingegen hält ein weiteres Urteil fest, dass das Sexgewerbe auf Zonen beschränkt werden darf. Welche Zonen dies sein werden, soll noch in diesem Jahr festgelegt werden.

Der Vorwurf eines Cabaretbesitzers, wonach rigide Polizeikontrollen in Bordellen am Salonsterben und der Verdrängung der Prostituierten auf die Strasse schuld sind, lässt Vieli nicht gelten. Die Abwanderung von Etablissements in Aussenquartiere passiere vielmehr aus Platz- beziehungsweise Kostengründen: «Ein Etablissement wie die Bumsalp in Dübendorf mit zig verschiedenen Themen-Räumen und Event-Charakter braucht Platz und lässt sich ausserhalb der Stadt viel profitabler umsetzen.»

Zuhälter erobern Gebiete

Für Vieli ist denn auch nicht der Strassenstrich allein das Problem. Die Prostitution insgesamt habe beängstigende Ausmasse angenommen. Laut Vieli verdienen in Zürich mehr Frauen ihr Geld mit Sex als in Städten wie München oder Hamburg. Der Verdrängungskampf sei brutal – was nicht nur an der grossen Anzahl Prostituierten liege. Vielmehr habe der enorme Zustrom von Sexarbeiterinnen aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn zur Brutalisierung der Szene beigetragen. Rund die Hälfte aller Neueinsteigerinnen stammen zurzeit seit Inkrafttreten des Personenfreizügigkeitsabkommens aus diesen Ländern.

Man beobachte, dass Zuhälter Gebiete für sich beanspruchten und diese brutal verteidigten. Gleichzeitig stünden die aus armen Verhältnissen stammenden Frauen unter enormem Druck, möglichst viel Geld zu verdienen, was das Verhältnis der Prostituierten untereinander verschlechtere und dazu führe, dass Preise gedrückt und gesundheitsschädliche Praktiken wie Sex ohne Gummi angeboten würden. Die Frauen würden wiederholt in andere Städte umplatziert; eine Integration, also eine Zusammenarbeit zum Beispiel mit der Polizei oder Mitarbeitenden der aufsuchenden Sozialarbeit werde damit verunmöglicht und die Abhängigkeit der Betroffenen vergrössert.

Die Fragestellungen, die der neuen Zürcher Prostitutionsverordnung zugrunde liegen, sind komplex. Allen Interessen übergeordnet ist die Achtung der Menschenwürde, gestützt auf Quartierverträglichkeit, Gesundheitsschutz und Selbstbestimmung. Welche Vorgaben der Erlass schliesslich beinhalten wird, kann Vieli zurzeit nicht sagen. Dies hänge nicht zuletzt von der neuen Zusammensetzung des Zürcher Stadtrats ab, die am 7. März entschieden wird.

«Bussensystem genügt nicht»

Diskutiert werden eine Meldepflicht für Prostituierte und eine Bewilligungspflicht für Bordellbetreiber. Vieli hält ausserdem fest, dass ein Gesetz fehlt, wonach Bordelle kontrolliert werden dürften. Zurzeit basiere dies grösstenteils auf Freiwilligkeit, während Städte wie München ein Zugangsrecht haben. Handlungsbedarf sieht Vieli auch bei den Möglichkeiten, wie Prostituierte von illegalen Zonen ferngehalten werden können. Das bisherige Bussensystem sei ungenügend.

Auch wenn Westschweizer Kantone und der Kanton Tessin bereits über ein Prostitutionsgesetz verfügten, betritt die Stadt Zürich Neuland. Dies, weil die Stadt Zürich im Gegensatz zu den Kantonen kein Gesetz erlassen kann. Ausserdem hätten die genannten Kantone noch zu wenig Erfahrung, um davon umfassend profitieren zu können. Langfristig, so Vieli, muss sich darum auch der Kanton Zürich mit dem Thema befassen. Dies nicht zuletzt, «weil sich die Probleme mit dem Sexgewerbe garantiert auf die anderen Städte ausweiten.»