Von Sidonia Küpfer

Frau Hegglin, Sie organisieren mit dem zweiten internationalen schwullesbischen Tanzturnier einen der Anlässe, die im Rahmen der Europride über die Bühne gehen. Wer tanzt denn hier mit wem?

Ursula Hegglin: Es ist ein Turnier für gleichgeschlechtliche Paare. Es tanzen also zwei Frauen oder zwei Männer miteinander. Getanzt werden Standard und Latin.

Machen Sie selbst am Turnier mit?

Hegglin: Ich nehme mit meiner Partnerin teil. Leider haben wir in unserer Kategorie aber bislang noch keine weiteren Anmeldungen erhalten, wir hoffen, dass sich noch mehr Paare melden.

Haben Sie schon früher an solchen Turnieren teilgenommen?

Hegglin: Wir gehen in der Regel einmal pro Jahr an einen Grossanlass. Das gleichgeschlechtliche Tanzen ist in der Schweiz eine sehr kleine Szene, und es gibt keine Turniere. Dadurch kommen wir auch in der Welt herum: 2002 waren wir in Sidney an den Gaygames.

Wie kamen Sie zum gleichgeschlechtlichen Tanzen?

Hegglin: Erstmals kam ich an den Eurogames 2000 in Zürich - den schwullesbischen Europameisterschaften - mit dieser Sportart in Kontakt. Getanzt habe ich schon immer, und ich habe in London auch eine Tanzausbildung absolviert. Das gleichgeschlechtliche Tanzturnier an den Eurogames war für mich so etwas wie eine Initialzündung, und ich fand, dass ich da auch mitmachen möchte. Darauf besuchte ich einen Kurs für Frauenpaare in Zürich. Dort lernte ich meine Partnerin Loredana kennen, die diesen Kurs schon lange besuchte.

Nun sind beim Tanzen die Geschlechterrollen ganz traditionell verteilt. Ist demnach das gleichgeschlechtliche Tanzen ein besonderer «Tabubruch»?

Loredana Conte: Wenn wir zusammen tanzen gehen, schauen die Leute kurz - damit hat es sich. Was sie denken, weiss ich aber nicht, ich habe noch nie gefragt.
Hegglin: Frauenpärchen erregen weniger Aufmerksamkeit, das sieht man eher einmal. Aber bei den Männern ist das schon etwas anders.

Treten bei solchen Turnieren auch Frauenpärchen gegen Männerduos an?

Hegglin: Das gab es auch schon. Aber es ist schwierig zu vergleichen: Männer haben eine andere Körperspannung als Frauen und einen anderen Körperbau. Deshalb sind Frauen fast ein wenig benachteiligt, wenn es beispielsweise um schnelle Bewegungen geht.

Tanzen Sie auch mit Männern?

Conte: (lacht) Ursula tanzt mit allen.

Hegglin: Das stimmt, ich tanze wirklich gern. Aber weil wir zusammen wöchentliche Tanzstunden nehmen, bin ich schon auf Loredana fixiert. Zudem üben wir vor allem unsere Programme ein und vergessen darüber fast ein wenig die Grundschritte. Dann stehe ich den Männern auf die Füsse, obwohl ich eigentlich gut tanzen kann.

Denken Sie, dass der Funke des Grossanlasses Europride von Zürich bis ins Limmattal springt?

Hegglin: Da bin ich eher skeptisch. Je mehr man auf dem Dorf lebt, umso weniger offen lebt man als Lesbe oder Schwuler.

Sie wohnen in Oetwil - auch in einem Dorf. Heisst das, dass Sie dort nicht händchenhaltend spazieren gehen?

Hegglin: Doch das tun wir schon, aber halt nicht so oft. In der Stadt ist es eher so, dass man sich beim Turteln in der Öffentlichkeit auch wohl fühlt.

Ist das Limmattal ein gutes Pflaster für schwullesbische Paare?

Hegglin: Wir haben keine schlechten Erfahrungen gemacht, aber es gibt kaum Veranstaltungen, die sich an ein homosexuelles Publikum richten. Deshalb zieht es uns eher nach Zürich. Aber das ist bei heterosexuellen Paaren wohl auch so, dass die Städte eine grössere Anziehung haben.

Wie wichtig ist bei der Europride der politische Faktor?

Conte: Ich glaube, es ist immer noch ein wichtiger Anlass. Bis jetzt ging es immer etwas vorwärts mit der Gleichstellung der Lesben und Schwulen. Seit 2007 können wir heiraten, das war ein grosser Erfolg. Aber in letzter Zeit habe ich den Eindruck, dass wieder mehr Widerstand spürbar wird.

Hegglin: In Krisenzeiten bekommen traditionelle Werte und Lebensformen wieder Aufwind, da wächst auch die Kritik an anderen Lebensformen.

Wie gehen Sie mit der Kritik um, die meist von religiöser Seite laut wird?

Conte: Ich finde es traurig. In der Kirche sollte doch jeder willkommen sein, egal, ob schwul, lesbisch oder transsexuell. Für mich war es einer der Gründe, weshalb ich aus der Kirche ausgetreten bin. Aber mich trifft es nicht mehr.

Hegglin: Es ist bei mir auch nicht so, dass es mich trifft, denn ich bin überzeugt davon, dass ich «normal» bin. Ich denke einfach an all die Jungen, die erst einmal mit ihren Gefühlen nicht zurechtkommen, wenn sie entdecken, dass sie homosexuell sind. Für sie ist es bestimmt schwierig, immer wieder zu hören, wie falsch sie angeblich fühlen.

In vielen Punkten sind Homosexuelle heute gleichberechtigt. Wo besteht für Sie noch Nachholbedarf?

Hegglin: Die rechtliche Gleichstellung ist noch nicht in allen Punkten Realität, ich denke da an die Adoption von Kindern. Der grösste Nachholbedarf scheint mir aber im Bereich der Schule und der Lehrmittel zu liegen: In Schulbüchern sieht man nur die traditionelle Rollenverteilung: ein Knabe mit einem Mädchen. Ich finde, dass verschiedene Formen von Freundschaften abgebildet sein sollten. So fördert man von klein auf die Akzeptanz für gleichgeschlechtliche Beziehungen.

Wie wichtig sind solche Events, die sich explizit an die schwullesbische Community richten?

Hegglin: Es sind solche Anlässe, an denen ich mich zuhause fühle. Dann bin ich für einmal so wie die Mehrheit. Das gibt mir ein Gefühl von Familie. Als ich erkannte, dass ich lesbisch bin, fühlte ich mich das erste Mal in meinem Leben richtig wohl.

Vom Christopher-Street-Day her kennt man vor allem die «bunten Vögel» der schwullesbischen Szene. Schadet dieses Image manchmal den politischen Anliegen des Events?

Hegglin: Wir interessieren uns sicher mehr für die politische Seite. Die bunten Vögel gehören dazu, das ist auch gut so. Problematisch wird es nur, wenn sie missinterpretiert werden. Uns ist wichtig, an solchen Anlässen für die heterosexuelle Bevölkerung sichtbar zu sein, um Vorurteile abzubauen.

Eignet sich Zürich für die Europride?

Hegglin: Zürich ist für Lesben und Schwule eine gute Stadt, eine der gay-freundlichsten meiner Meinung nach. Man ist tolerant, und es leben viele Homosexuelle hier. Es gibt ein attraktives kulturelles Angebot, das auf uns zugeschnitten ist. Deshalb finde ich es schön, dass Zürich diesen Grossanlass zugesprochen bekommen hat.

Nun hat Zürich während der Europride mit Corine Mauch erstmals eine Frau als Stadtpräsidentin - dazu noch eine lesbische. Freuen Sie sich darüber?

Hegglin: Das hat uns sehr gefreut. Weil wir als Oetwilerinnen nicht wählen durften, haben wir umso mehr mitgefiebert. Es ist auch ein Grund, warum wir uns schon Premierentickets für das schwullesbische Filmfestival «Pink Apple» gesichert haben. Corine Mauch wird dort eine Ansprache halten.

Corine Mauch hat ihre sexuelle Ausrichtung im Wahlkampf selbst kaum thematisiert. Hätten Sie sich gewünscht, dass sie dies stärker tut?

Hegglin: Nein, das ist meiner Meinung nach völlig in Ordnung und ein positives Zeichen. Es zeigt, dass es mittlerweile wirklich eine Selbstverständlichkeit und die Akzeptanz sehr hoch ist. Das ist für mich typisch für Zürich.