Jörg Meier

DIE ZUCKERWATTEMASCHINE hat ein Plastikgehäuse und drei Saugfüsse, einen beleuchteten Ein- und Ausschalter, sie ist rosafarben. Ein Messlöffel und ein Reise-Netzadapter werden mitgeliefert, ebenso zehn Holzstäbchen. Die Zuckerwattemaschine kostet 74 Franken und 90 Rappen. Mit ihr kann ich endlich meine eigene Zuckerwatte herstellen. Ein riesiges Vergnügen für Gross und Klein. Jedenfalls steht das so im Prospekt.

ZUCKERWATTE gehört zu jenen Dingen, die es nur unter bestimmten Umständen gibt und sonst nicht. Die nur aus Worten bestehen, aus Bildern, Gerüchen und Erinnerungen. Aber doch nicht wirklich existieren. Und sich schon gar nicht mit einer Maschine herstellen lassen.

ZUCKERWATTE. Sie entsteht am Jahrmarkt aus dem grossen Kupferkessel; aus dessen drehender Mitte unsichtbare Fäden entschweben und am Kesselrand von Zauberhand geleitet am kreisenden Holzstab festkleben und zum luftigen und klebrigen Gebilde geformt werden - eben zur Zuckerwatte. Doch kaum im Mund, ist die Herrlichkeit vorbei: Die Watte löst sich auf, was bleibt, ist der süsse Geschmack, klebrige Hände, ein klebriges Gesicht. Zuckerwatte ist kulinarisch nicht besonders wertvoll. Sie besteht aus gewöhnlichem Haushaltszucker oder Sirup. Aber darum geht es gar nicht. Es geht um das Geheimnis von Werden und Vergehen.

NEIN, ich möchte keine Zuckerwattemaschine. Es gibt Dinge, die sollte man nicht selber herstellen, wenn man sie nicht zerstören will. Der Herbst bringt uns den Jahrmarkt mit der echten Zuckerwatte.

joerg.meier@azag.ch