Die Balearen werden von Touristen überrannt. 2016 kamen knapp 15 Millionen. Unter den Besuchern waren auch knapp eine halbe Million Schweizer. Dieses Jahr wird diese Zahl wohl noch übertroffen. Schon bevor im Juni die Hochsaison losging, besuchten über 137'000 Schweizer eine der Inseln Formentera, Ibiza, Menorca oder Mallorca.

Viele wählen die Inseln, weil sie in anderen Ferienregionen wie der Türkei oder Tunesien Terror fürchten. Jetzt wird es aber auch in Teilen Spaniens ungemütlich. Besonders auf den Balearen und in Katalonien radikalisieren sich Proteste gegen den Massentourismus. Auf Mallorca sorgt zurzeit ein Video für Aufregung. Darin nebeln Aktivisten im Hafen von Palma Luxusjachten mit Pyro-Fackeln ein und bewerfen Touristen in einem Restaurant mit Konfetti.

Die Aktion wäre an sich harmlos, stünde sie nicht im Zusammenhang mit Vorfällen auf dem nahen Festland. In der katalonischen Hauptstadt Barcelona attackierten Aktivisten der gleichen Gruppe letzte Woche einen der roten Doppeldeckerbusse, welche Touristen von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten bringen. Sie besprühten den Bus mit dem Slogan «El turisme mata els barris», was so viel heisst wie: Der Tourismus zerstört die Wohnquartiere.

Die Aktion versetzte einen englischen Touristen in Angst und Schrecken. Gegenüber der Zeitung «Daily Mail» sagte er, er habe sich zunächst in einer Terrorattacke gewähnt und sei schliesslich froh gewesen, dass die Angreifer nur die Reifen des Touristenbusses zerstachen. Das gleiche Schicksal ereilte kurze Zeit später Velos eines bei Touristen beliebten Fahrradverleihs.

EDA hat Kenntnis vom Vorfall

Bisher ist noch kein Schweizer Opfer der Proteste bekannt. Bruno Ryff, Schweizer Generalkonsul in Barcelona, sagt auf Anfrage, er könne nicht ausschliessen, dass auch Schweizer im attackierten Bus sassen. Bei ihm habe sich aber niemand gemeldet. Beim Aussendepartement EDA heisst es, man habe vom Vorfall Kenntnis, die aktuellen Reisehinweise genügten aber vorerst. Darin wird vor Demonstrationen gewarnt.

Hinter den Aktionen stehen Sympathisanten der sozialistischen katalanischen Unabhängigkeitsbewegung «Arran». Sie kritisieren unter anderem, der Massentourismus treibe (via Airbnb) die Mieten in die Höhe.

Massen wie am Morgenstreich

In Mallorca fürchtet man nun, dass auch hier die Aktivisten rabiater werden. Indes wird es auch Schweizer Einwanderern auf Mallorca zu viel. «An manchen Tagen geht es in Palma zu und her wie am Morgenstreich an der Basler Fasnacht», sagt Fridolin Wyss (70). Er ist Präsident des Schweizerclubs Balearen und lebt seit 24 Jahren auf der Insel.

Der Ärger kommt in ihm hoch, wenn er im Stau steht. Etwas, das es früher gar nicht gegeben habe. Er zeigt Verständnis für die Proteste, wenn auch nicht für deren militante Form. «Es kann nicht sein, dass jedes Jahr mehr kommen.» Wyss fordert eine Touristenobergrenze: «Mehr als zwölf Millionen Touristen pro Jahr verträgt die Insel nicht.» Man müsse vor allem im Sommer ein Limit einführen. Für Ärger sorgen laut Wyss vor allem Kreuzfahrtschiffe. Sie lassen Tausende Reisende gleichzeitig auf die Insel los.

Am 1. August diskutierte auch der Schweizerclub in Barcelona über die Anti-Tourismus-Proteste. Präsident Bruno Wiget bringt wenig Verständnis für die Aktionen auf. Der Tourismus sei der Motor der katalanischen Wirtschaft, sagt er. «Zuerst hat man viel Geld ausgegeben, um Touristen anzulocken. Jetzt sind die Touristen da und es ist auch wieder nicht recht.» Als Mittel gegen den Ansturm sieht er einzig eine höhere Tourismussteuer. Er gibt aber zu bedenken: Sie würde vor allem innerspanische Touristen und solche mit kleinerem Budget treffen.