Christoph Mörgeli
«Zu teuer, hässlich und unnötig»

Beinahe hätte er – ganz Historiker – die Welt und den Gesprächstermin ob seiner Arbeit im Archiv vergessen. Dann aber erklärte Nationalrat Christoph Mörgeli (SVP), weshalb er und seine Mitstreiter das Referendum gegen den Erweiterungsbau des Landesmuseums lancieren.

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Martin Reichlin

Herr Mörgeli, wann waren Sie letztmals im Landesmuseum?

Christoph Mörgeli: Vor zwei Wochen, mit meinen Kindern.

Dabei hatten Sie den Eindruck, das Museum sei gross genug?

Mörgeli: Eindeutig. Ein Teil ist derzeit abgesperrt und leer, daneben findet eine sehr ausgedehnte Sonderausstellung über den «Nebelspalter» statt - und trotzdem hat man nie das Gefühl von Enge.

Das Landesmuseum ist bei den Schweizern sehr beliebt. Seine Erweiterung mit neuen Räumen für Wechselausstellungen würde diesem Umstand Rechnung tragen.

Mörgeli: Das Museum hat gut 200 000 Besucher pro Jahr. Das ist recht, aber nicht umwerfend. Rechnet man die 111 Millionen Franken für den Neubau und die 55 Millionen für die abgeschlossene Sanierung dagegen auf, ergibt sich eine stolze Rechnung pro Besucher. Und 1200 Franken pro Kubikmeter beim Neubau - ein Wahnsinn! Ein Betrag, den sich weder der Bund, noch Kanton oder Stadt Zürich leisten können. Und wer berechnet die Folgekosten? Die öffentliche Hand in der Schweiz hat 250 Milliarden Franken Schulden. Und wir gehen trotzdem fröhlich mit der Kreditkarte unserer Kinder weiter einkaufen. Da gilt es zu sagen: Stopp!

Hinter dem Erweiterungsplan steckt doch aber eine Strategie für die weitere Entwicklung dieser Institution. Ein Studienzentrum soll entstehen, ein Auditorium, ein Restaurant ...

Mörgeli: Man will sich in Richtung Events und Spass entwickeln und das ist das falsche Konzept. Das Landesmuseum soll Geschichte und Kultur unseres Landes vermitteln mit den Objekten, die es in seiner Sammlung hat. Übrigens ein grossartiger Bestand, dem man mit dem Ausbau des ehemaligen Zeughauses in Affoltern aufs luxuriöseste Rechnung getragen hat.

Kurz: Ihrer Meinung nach braucht es keine Museumserweiterung?

Mörgeli: Richtig, und zwar aus genau drei Gründen: Sie ist zu teuer, sie ist hässlich, sie ist unnötig.

Wenn es keinen Neubau braucht, weshalb schreibt das Referendumskomitee, das Museum solle restauriert und durch einen «qualitätsvollen Neubau auf einem benachbarten Areal» erweitert werden?

Mörgeli: Es ist die Meinung des Komitees, dass eine Ergänzung des Museums - wenn überhaupt - auf dem Areal des heutigen Busparkplatzes zu stehen kommen sollte. Dort könnte man einen Bau errichten, ohne das Stadtbild empfindlich zu stören. Aber wie gesagt, es braucht diese Erweiterung gar nicht. Nicht am anderen Sihlufer und schon gar nicht auf dem Platzspitz. Übrigens zählen sich alle Mitglieder des Referendumskomitees zu den Freunden des Landesmuseums. Wir besuchen es regelmässig, arbeiten mit ihm zusammen - und dennoch empfinden wir den Erweiterungsbau, auch in der heute geplanten, redimensionierten Form, als monströs.

Was genau stört Sie? Der Neubau sei hässlich, ist doch nichts weiter als ein Geschmacksurteil.

Mörgeli: Einverstanden. Ich bin jedoch überzeugt, dass es Geschmacksurteile gibt, die von einer Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen werden. Denken Sie nur an die Weihnachtsbeleuchtung in der Bahnhofstrasse.

Zu den Leuchtröhren haben sich seit dem ersten Tag unzählige Zürcher negativ geäussert. Wo bleibt der Proteststurm der Bevölkerung gegen die Museumserweiterung? Ihr Komitee spricht vom «wachsenden Unmut der Bevölkerung».

Mörgeli: Alle Leute, denen wir die Dimensionen und das Aussehen des Projektes aufgezeigt haben, waren entsetzt. Aber sie haben natürlich insofern recht, dass die Zürcherinnen und Zürcher noch gar nicht wissen, was da für ein Ungetüm auf sie zukommt. Wie stark das Limmatufer verändert und der heute offene Zugang vom Platzspitz zum Museum verstellt wird. Das sind gravierende Eingriffe in den einzigen ausgedehnten Park, welcher der Bevölkerung im Stadtzentrum zur Verfügung steht. Zürich ist nicht reich an Parkanlagen wie etwa Paris oder London. Umso wichtiger ist der Platzspitzpark als Erholungsraum für die Leute in der Stadt oder die Touristen, die am Hauptbahnhof ankommen.

Nun ist das Landesmuseum, so pittoresk es wirken mag, ein Allerlei der Architekturstile ...

Mörgeli: Nein, es bildet eine stilistische Einheit. Ein bedeutendes nationales Denkmal des Historismus, das frühere heimische Baustile nachempfinden soll. Aber in sich ist es ein stimmiger Wurf des Architekten Gustav Gull, bei dem die Elemente zusammenpassen und Sinn machen. Einen modernen Betonriegel vor dieses Gebäude hinzuklotzen wäre ein Schildbürgerstreich, wie er nur in Zürich stattfinden kann.

Dennoch: In diesem Gebäude treffen Stile aus verschiedensten Perioden und Richtungen zusammen: Mittelalter, Gotik, Renaissance, französischer Park und englischer Garten. Weshalb soll ein moderner Teil, der das 21. Jahrhundert repräsentiert, nicht zu dieser Versammlung der Stile passen?

Mörgeli: Er passt deshalb nicht dazu, weil Gustav Gull ein Konzept hatte, in dem er die Architekturstile einer klar abgegrenzten Zeitspanne von etwa 200 Jahren vereinte. Darüber hinaus schuf er mit dem Gebäude ein Denkmal für die architektonische, nationale, politische und historische Haltung im ausgehenden 19. Jahrhundert. Wenn nun im Jahr 2009 ein Kasten dazu «gepflatscht» wird, hat das nichts mit einer organischen Weiterentwicklung von Gulls Idee zu tun.

Woher kommt das Geld für das Referendum und wie gross ist das Budget?

Mörgeli: Sie können davon ausgehen, dass das Budget relativ klein ist. Es wird von den beteiligten Organisationen getragen sowie von den einzelnen Exponenten des Komitees.

Was auffällt ist, dass sich das Referendum ausgerechnet gegen den kleinsten Beitrag an das Erweiterungsprojekt richtet. Wie kommt das?

Mörgeli: Der Beitrag des Bundes über 76 Millionen Franken wurde von den eidgenössischen Räten mit dem zivilen Bauprogramm 2008 bewilligt und war nicht referendumsfähig. Der Zürcher Kantonsrat wiederum hat den 20-Millionen-Beitrag des Kantons dem Referendum auf skandalöse Weise entzogen, indem das Geld statutenwidrig dem Lotteriefonds entnommen wurde.

Aber weder im Kantons- noch im Gemeinderat gab es von bürgerlicher Seite Widerstand gegen das Projekt oder die Finanzierung. Nur die Grünen und die Alternative Liste wehrten sich gegen den Bau.

Mörgeli: Ich weiss natürlich nicht, was sich die Kantons- und Gemeinderäte im Einzelnen überlegt haben und ob sie mit den Details des Projekts vertraut waren. Es mag ein gewisser Egoismus mitgespielt haben und die Idee, dass Zürich mit dem Neubau mehr Investitionen erhält, als es selber zahlen muss. Es kann aber auch der Gedanke an Bauvolumen und Bauaufträge den Ausschlag gegeben haben.

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