Zu Besuch beim «richtigen Weihnachtsmann»

In Santa Claus im Mittleren Westen Amerikas ist das ganze Jahr über Weihnachten. Das Dorf, gegründet von deutschen und schweizerischen Einwanderern, hat sich seit hundert Jahren ganz dem Samichlaus verschrieben – und damit das Fundament für eine der ältesten Tourismusdestinationen des Landes gelegt.

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Der echte Samichlaus
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Santa Claus Land
Santa Claus Museum

Der echte Samichlaus

Renzo Ruf, Santa Claus (Indiana)

Seit 1914 sind hier Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Briefen eingetroffen - allesamt adressiert an den Weihnachtsmann, der in der Vorstellung vieler amerikanischer Kinder in der gleichnamigen Ortschaft residieren muss. Auch in Übersee hat diese Theorie eine grosse Zahl von Anhängern: Auch heute noch sind im kleinen Ortsmuseum von Santa Claus (Sankt Nikolaus), einem Dorf mit 2000 Einwohnern im Süden des Bundesstaates Indiana, Postkarten und Briefe aus Deutschland, Japan, Brasilien oder anderen exotischen Ländern zu besichtigen. In kritzligen Buchstaben wird darin häufig höflich nach dem Wohlergehen von St. Nikolaus gefragt («Wie geht es denn so?» - «Richten Sie Grüsse an Mrs. Claus aus»), bevor die Kinder zum zentralen Punkt ihres Schreibens kommen: Ihre Geschenkliste für Weihnachten.

Heute ist das Interesse an einer persönlichen Fürsprache beim Weihnachtsmann deutlich zurückgegangen, wie Museumskuratorin Sue Hurst im Gespräch sagt. Allerdings stelle auch die Beantwortung von rund 36.000 Briefen - so viele trafen im vorigen Jahr im Postfach des Samichlauses in 47579 Santa Claus ein - keine Kleinigkeit dar, fügt sie lächelnd an. Auch dieses Jahr stehe deshalb eine Gruppe von Freiwilligen zur Verfügung, die sich passenderweise Elfen nennen. «Wir finden, dass jeder Brief beantwortet werden muss», sagt Hurst. Dafür stünden zwar vier Vorlagen zur Verfügung, aber immerhin werde die Adresse von Hand auf den Umschlag geschrieben. «Das ist eine Menge Arbeit», sagt sie, aber angesichts der reichen Geschichte von Santa Claus sei diese Mühe es wert.

Tatsächlich bietet die Geschichte von Santa Claus einen schönen Anschauungsunterricht über den Unternehmensgeist der Bewohner im Mittleren Westen Amerikas - deren Vorfahren übrigens häufig aus Deutschland oder der Schweiz stammen. (Deshalb auch findet in Tell City, südöstlich von Santa Claus, seit 150 Jahren das «Schweizer Fest» statt.)

Da ist zum Beispiel die Legende, wie das Kaff zu seinem Namen kam: 1856, als sich die Handvoll Bewohner um die offizielle Anerkennung ihrer Poststelle bewarben, fanden sie heraus, dass ihre erste Wahl - Santa Fe - im Staat Indiana bereits vergeben war. Also versammelten sich die Dorfbewohner in der Vorweihnachtszeit in der kleinen Holzkirche, um über Alternativen zu grübeln. «Plötzlich», erzählt Hurst, «schlug der kalte Wind die Türe auf und im leichten Schneefall war Glockengeläut zu hören.» Und wie auf Befehl hätten die anwesenden Kinder geschrien: «Der Weihnachtsmann ist da.» Das gefiel den Bewohnern derart, dass sie sich für den Dorfnamen Santa Claus entschieden.

James Martin war der erste, der aus diesem Namen Profit zu schlagen versuchte. Vor 90 Jahren entschied sich der damalige Pöstler, die zahlreichen Kinderbriefe an den Weihnachtsmann zu beantworten, die in Santa Claus eintrafen - im Ortsmuseum ist die Rede davon, dass dies erstmals 1914 geschah, sechzig Jahre nach der Eröffnung der Poststelle. Dies stiess zwar bei seinen Vorgesetzten in Washington auf Missbilligung, weil ihnen der vorweihnächtliche Ansturm auf die Poststelle ein Dorn im Auge war. Schliesslich liessen sie den überzeugten Anhänger des Weihnachtsmannes aber gewähren; in den Zwanzigerjahren entschied die Regierung gar, dass das Dorf fortan die Exklusivrechte am Namen Santa Claus besitze und keine andere Poststelle in den USA sich so nennen dürfe. Martin packte die einmalige Chance, die sich ihm bot: Fortan zog er kreuz und quer durchs Land, um seine Heimat zu bewerben (und sich eine Lohnerhöhung zu sichern - damals wurden Pöstler nach der Anzahl Briefe bezahlt, die sie beförderten). Dies hielten auch seine Nachfolger so. 1941 eröffnete Oscar Philipps gar ein Finalspiel der amerikanischen Baseball-Meisterschaft mit dem zeremoniellen ersten Wurf - natürlich als Weihnachtsmann verkleidet.

Solche Werbegags weckten auch die Aufmerksamkeit einiger gewitzter Geschäftsleute. So eröffnete der lokale Unternehmer Milton Harris einige Tage vor Weihnachten 1935 «Santa's Candy Castle»: Ein trutziges Schloss aus Backsteinen, in dem Süssigkeiten erhältlich waren. Dabei handelte es sich um die erste Touristenattraktion Amerikas, die vollständig dem Samichlaus gewidmet war - ein sehr früher Vorgänger von Freizeitparks wie Disneyland, sagt der heutige Besitzer Kevin Klosowski unbescheiden. Gesponsert wurde das Candy Castle übrigens von der Curtiss Candy Company aus Chicago, die sich nun im Besitz von Nestlé befindet. Und so stellte sich Milton Harris auch den Rest seines Parks vor: Ein kleines Dorf, in dem jedes Gebäude von einer Firma aus der Spielzeug- oder Süsswarenindustrie gesponsert würde. Doch seine Pläne zerschlugen sich - Harris verwickelte sich in juristische Auseinandersetzungen mit seinem Nachbarn, der auf seinem Grundstück ebenfalls einen Vergnügungspark plante, wie Museumskuratorin Hurst erzählt. Dessen Hauptattraktion: Eine sieben Meter hohe Statue des Weihnachtsmanns, die 1935 enthüllt wurde und die zu einer Pilgerstätte für die Kinder Amerikas hätte werden sollen.

Die Folge dieses Rechtsstreits: Als der Zweite Weltkrieg begann, mussten beide Attraktionen geschlossen werden. Die Statue von Nikolaus zerfiel. Und Santa Claus war nur noch ein kleines Dorf in den lieblichen Hügeln von Indiana, mit einem zugegebenermassen aussergewöhnlichen Namen. Dann warf Louis Koch sein Auge auf den Weihnachtsmann. Koch, ein Geschäftsmann aus der nahegelegenen Industriestadt Evansville, habe sich bereits im Ruhestand befunden, als er mit seinen Kindern nach Santa Claus reiste, erzählt Hurst. Koch, ein klassischer Patron, sei der Meinung gewesen, dass sich aus diesem Ort mehr machen liesse. Deshalb entschloss er sich, hier einen Vergnügungspark zu erstellen. 1946 wurde Santa Claus Land eröffnet - die erste solche Anlage in den USA mit Attraktionen wie einem Karussell, einer Miniatureisenbahn und, natürlich, einem Samichlaus. Jim Yellig verkörperte für Millionen von Kindern den Nikolaus und geniesst deshalb auch Jahrzehnte nach seinem Tod noch einen legendären Ruf. «Er spielte keine Rolle», zeigt sich Hurst überzeugt, «er war der richtige Weihnachtsmann.»

Sechzig Jahre später hat sich das Gesicht von Santa Claus stark verändert. Der Vergnügungspark an der Hauptstrasse heisst seit 1984 Holiday World, weil die Fixierung auf Weihnachten die Entwicklung behindert habe. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite eröffnete die Familie Koch, die in der dritten Generation über das Vergnügungsimperium wacht, zwischenzeitlich auch einen Wasserpark. Und das Geschäft brummt, trotz Wirtschaftskrise. In der Saison 2009 wurden gemäss Firmenchef Will Koch über eine Million Eintritte gezählt - was die Anlagen zu einer der grössten Touristenattraktionen im Mittleren Westen macht.

Etwas vergessen ging dabei das besondere Merkmal von Santa Claus, die enge Verbundenheit mit dem Weihnachtsmann. Dieses Jahr versuchte die Familie Koch deshalb Gegensteuer zu geben. Mitten im Sommer wurde im lokalen Einkaufszentrum - benannt nach dem Samichlaus - ein neuer, riesiger Weihnachtsladen eröffnet. Richtig gelesen: Ein Geschäft, in dem vom Schmuck für den Tannenbaum über die richtige Teemischung bis hin zum dekoriertem Geschirr das ganze Jahr über alle möglichen Weihnachtsartikel erhältlich sind. Zudem veranstalten Kochs in der Adventszeit zahlreiche Rahmenveranstaltungen, um die Konsumenten anzulocken. So findet auf dem Parkplatz vor dem Weihnachtsladen ein Karaoke-Singen von Weihnachtsliedern statt. «Das ist ein bisschen früh, nicht?» sagt eine ältere Frau an diesem strahlend schönen Morgen. Aber dann summt sie trotzdem fröhlich das Lied mit, das gerade gespielt wird. Genauso hat sich das Philip Koch, der Bruder von Will, vorgestellt: «Wir feiern hier das Fest, das wir uns immer gewünscht haben.»

Anmerkung: Briefe an den Weihnachtsmann müssen bis am 21. Dezember bei den Elfen in Santa Claus eintreffen. Die Adresse lautet: Santa Claus, PO Box 1, Santa Claus, IN 47579, U.S.A.