Spital
Zoff an der Ärztefront: Gibt es bald keine Hausbesuche mehr?

Santésuisse, der Branchenverband der Schweizer Krankenversicherer, will die auf ein Jahr limitierte Hausbesuchspauschale für Hausärzte per März 2010 streichen. Die Aargauer Hausärzte wehren sich.

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Hausbesuch

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Aargauer Zeitung

Mathias Küng

Mit der Pauschale habe man bloss eine Übergangslösung getroffen, sagt Felix Schneuwly, Kommunikationschef von Santésuisse. Und zwar bis ein besserer finanzieller Ausgleich zwischen den verschiedenen Ärztefachgruppen beim Ärztetarif Tarmed gefunden wird. Mit dem Ziel, die Grundversorger besserzustellen. Das ist seit der Einführung nicht gelungen. Für die Krankenversicherer sei aber klar, dass dieser Umbau angesichts der Kostenspirale im Gesundheitswesen nur kostenneutral erfolgen könne. Schneuwly: «Wenn man den Grundversorgern etwas mehr gibt, ohne die Prämienzahlenden mehr zu belasten, muss man dies irgendwo kompensieren.»

Konkret sollen die Spezialärzte und Spitalambulatorien etwas zugunsten der Hausärzte hergeben. Manche Spezialärzte seien einkommensmässig sehr privilegiert. Die könnten wirklich etwas hergeben, findet er. Gerade vor dem Hintergrund, dass viele Versicherte nicht mehr wüssten, wie sie ihre Prämien zahlen und ihren Arbeitsplatz halten sollten. Das Problem des Ausgleichs müsse von den Ärzten selbst gelöst werden.

Sollten sich die Ärzte nicht einigen, wird die Pauschale laut Schneuwly wie geplant nach einem Jahr wegfallen und die Hausbesuche werden wie zuvor entschädigt. Schneuwly: «Der Vorwurf, dass wir eine zeitlich von Anfang an klar befristete Pauschale abmachungsgemäss wieder streichen, irritiert uns. Hätte man sie unbefristet einführen wollen, hätten wir dem nie zugestimmt, denn das gemeinsame Ziel war ein Umbau des Tarmed zulasten der Spitalambulatorien sowie Spezialärzte, zugunsten der Hausärzte.»

Dazu sagt Ernst Gähler, Vizepräsident der FMH, der Verbindung Schweizer Ärztinnen und Ärzte: «Die Pauschale war begrenzt bis zur Revision der Tarifstruktur Tarmed oder bis zum 1. März 2010. Die Pauschale hätte dann durch eine Besserstellung der Grundversorger im neuen Tarif abgelöst werden sollen.» Die Revision habe sich aus verschiedenen Gründen verzögert. Vorschläge der FMH für eine Verlängerung und Gespräche auf oberster Ebene seit August 2009 seien leider ohne Erfolg geblieben.

Czerwenka: «Ein Schlag ins Gesicht»

Die FMH, aber auch die Aargauer Hausärzte wehren sich gegen die Streichung der Pauschale. Wolfgang Czerwenka, Hausarzt und Vorsitzender der Geschäftsleitung von Argomed, der Betriebsgesellschaft der Aargauer Hausärzte, benutzt deutliche Worte: «Die Abschaffung der Hausbesuchspauschale ist wieder einmal ein Schlag ins Gesicht der Hausärzte. Da heisst es allenthalben, man wolle die Hausarzt-Medizin fördern. Und dann kommt eine Lösung, die ausschliesslich sie trifft!»

Für ihn ist klar: Diese Pauschale ist gerechtfertigt. Sie decke den Mehraufwand des Arztes ab, der über Mittag oder am Abend nach Schliessung der Praxis Besuche macht. Bei Notfällen natürlich auch in der Arbeitszeit. Der Arzt müsse sich dafür umziehen, Gerätschaften bereithalten und mitnehmen, zum Teil unter misslichen Verhältnissen arbeiten.

Dienstleistung nicht erwünscht?

Wenn diese Pauschale abgeschafft wird, «ist das für mich ein Zeichen, dass Santésuisse diese Dienstleistung gar nicht wünscht». Czerwenka: «Hat sie es denn lieber, die Patienten würden gleich mit der Ambulanz ins Spital gefahren – was allein schon 600 bis 800 Franken kostet? Die Spital-Notfallkosten zählen zu den Hauptkostentreibern im Gesundheitswesen! Ein so behandelter Notfall kommt massiv teurer, als wenn ein Hausarzt zusätzlich zu den Behandlungskosten eine Heimbesuchspauschale von Fr. 35.60 verrechnen kann.»

Reich werde mit dieser Pauschale niemand, sagt Czerwenka. Wenn er pro Woche drei, vier Hausbesuche mache, bekomme er dafür etwas über 100 Franken. Czerwenka: «Aber dies ist ein Zeichen der Wertschätzung.» Wenn die Hausärzte diesen Betrag nicht mehr bekämen, würden sie das natürlich überleben, sagt Czerwenka. Er verstehe aber Kollegen, die Hausbesuche unter diesen Bedingungen nicht mehr anbieten würden. Czerwenka: «Mir täten aber die Patienten leid. Damit ginge ein weiterer Baustein der Hausarztmedizin verloren.» Deshalb fordert er die Beibehaltung der Hausbesuchspauschale.

Flankenschutz gibt es von FMH-Vize Gähler. Er betont, seit August habe man wiederholt Gespräche mit Santésuisse geführt und konstruktive Lösungsansätze eingebracht. Gähler: «Wir werden diesen Entscheid der Versicherer nicht akzeptieren und werden mit Santésuisse in Kontakt treten, um doch noch eine einvernehmliche Lösung zur Verlängerung der Pauschale zu erreichen.»