«Zeit schenken» als Geschenk

Im Gespräch: Besuchsdienstleiterin Rosmarie Bolliger unterhält sich mit Edi Bolliger, der regelmässig besucht wird.

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Im Gespräch: Besuchsdienstleiterin Rosmarie Bolliger unterhält sich mit Edi Bolliger, der regelmässig besucht wird.

Was, wenn im Alter der Freundeskreis immer kleiner wird, wenn Verwandte und Bekannte nicht in der Nähe wohnen? Was, wenn sich ältere Menschen einsam fühlen? Hier versucht der Lenzburger Besuchsdienst «Zeit schenken» anzuknüpfen.

Das Bild auf dem neuen Flyer des Besuchsdienstes «Zeit schenken», Lenzburg, hätte nicht treffender gewählt werden können. Zwei Päckli in goldenes Papier gewickelt und ebenso goldig verschnürt liegen neben einer Uhr. Das Bild bringt Sinn und Zweck des Besuchsdienstes auf den Punkt: Geschenke nicht nur an Weihnachten, sondern Geschenke unter dem Jahr, in Form von Zeit schenken. 18 Frauen und zwei Männer besuchen im Namen des Besuchsdienstes Lenzburg ältere Menschen in ihrem Zuhause, im Alterszentrum Obere Mühle oder in den Alterswohnungen. Sie hören zu, lesen vor, hören gemeinsam Musik, spielen mit ihnen oder unternehmen einen Spaziergang. Ein Geschenk sein für den Nächsten und ihm von der eigenen Zeit schenken. Da liegt die Weihnachtslegende von Konrad, dem Schuster in Russland, so nahe. Konrad erwartete Gott in seiner Werkstatt, sein Wunsch erfüllte sich aber nicht. Doch am späten Abend hörte er eine Stimme. «Danke Konrad, dass ich mich bei dir aufwärmen konnte, dass du mir den Weg nach Hause gezeigt hast und dass du mich getröstet hast». Der Besuchsdienst verwebt in schönster Weise die Weihnachtsbotschaft mit dem Leben: «Konrad, ich danke dir, dass du mir von deiner Zeit schenkst».

Der Einsamkeit begegnen

Obwohl Einsamkeit nicht altersgebunden ist, leiden vielfach ältere Menschen darunter. Menschen, die alleine in ihren Wohnungen leben, keine Familien haben oder deren Verwandte weit weg wohnen, verlieren zunehmend den Kontakt zur Aussenwelt. Kommt hinzu, dass ältere Leute oft aus gesundheitlichen Gründen eingeschränkt sind. Da können selbst kurze Spaziergänge nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie sind wichtig, damit die Leute wieder einmal die eigenen vier Wände verlassen können. Die Besuche sind für viele Menschen Lichtblicke und eine herbeigesehnte Stunde. Weltweit vernetzt, in der Stube der Fernseher und trotzdem einsam? Die Nähe der Wohnungen und die Welt als Dorf garantieren noch nicht die Nähe der Herzen. «Der Mensch verkrüppelt in der Einsamkeit, der richtige, volle und gesunde Mensch ist nur Mensch in der Gesellschaft», schrieb einst ein Schriftsteller. Der Mensch sucht das Du, den anderen Menschen, Liebe, Geborgenheit und Anerkennung. Dem Nächsten Zeit schenken, ist Zeit des Herzens und sichtbar werdende Menschlichkeit.

Eine Institution, die seit 16 Jahren besteht

Der Besuchsdienst «Zeit schenken», Lenzburg, ist ein Angebot der Reformierten und der Katholischen Kirchgemeinden Lenzburg. Das Bedürfnis für die wichtige soziale Aufgabe wurde bereits vor 16 Jahren erkannt. Initiantin war Ursula Maria Schneider-Tanner, Lenzburg. Am 31. März dieses Jahres konnte das überkonfessionelle Angebot auf eine neue Rechtsgrundlage gestellt werden, und zwar in Form einer Vereinbarung zwischen den beiden Kirchgemeinden. Die Leitung des Besuchsdienstes hält Rosmarie Bolliger-Fehlmann, Lenzburg, inne. Wer besucht werden möchte, kann sich bei ihr ohne Scheu melden. Sie betreut die Besuchenden und in Gruppentreffs sowie Kursen üben die Besucherinnen Kommunikationsfähigkeit, Anteil- nehmen und Anteilgeben. Immer wieder sucht die Leiterin auch Personen, die es wagen möchten, Leute zu besuchen. «Auf die Besuchenden kommt viel Freude, Befriedigung und Herzenswärme zurück», weiss Rosmarie Bolliger aus Erfahrung. Worte, die sehr wohl nachvollzogen werden können.

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