Zecken

Zecken lähmten halbes Gesicht

Bis 24 Zeckenbisse hatte der pensionierte Förster Walter Wüst aus Hausen an einem Tag. Die Blutsauger haben ihn offenbar zum Fressen gern. Wegen dieser einseitigen Liebe gehörte Wüst vor 28 Jahren zu den ersten Borreliose-Opfern der Schweiz.

Maja Sommerhalder

«Ich habe wahrscheinlich gutes Blut», sagt Walter Wüst aus Hausen. Der 63-Jährige geht in den Wald, der direkt neben seinem Haus liegt. «Leider fehlt mir momentan die Zeit, um Rundgänge zu machen. Ich hoffe, das wird sich bald ändern.» Er stapft durch das Unterholz und betrachtet mit fachmännischem Blick die Pflanzen und Bäume: «Es hat sich einiges getan.»

Die Wälder rund um sein Wohngebiet kennt er wie seine Westentasche. Wüst arbeitete über 40 Jahre lang als Förster. Vor sechs Monaten wurde er pensioniert. Fast ein bisschen wehmütig scheint er darüber zu sein: «Das ist der schönste Beruf, den es gibt. Man sieht am Abend das Resultat seiner Arbeit.» Doch am Ende eines Arbeitstages war der Wald auch um einige Zecken ärmer. Diese steckten in Walter Wüsts Rücken, Beinen oder Brust: «In den Sommermonaten hatte ich täglich etwa sechs bis neun Zeckenbisse.»

Wüst sitzt inzwischen mit seiner Ehegattin Anita (52) an seinem Küchentisch. Liebevoll schaut er sie an: «Sie hat mir jeden Abend die Zecken entfernt. Das war ein normales Ritual wie Zähneputzen.» Bis 24 Zeckenbisse hatte Walter Wüst aufs Mal: «Das war wahrscheinlich ein Nest.» Anita Wüst wirft ihrem Mann einen kritischen Blick zu und sagt zur Journalistin: «Das glaubt uns kein Mensch, wenn das in der Zeitung steht.»

«Das war ein Schock»

Zeckenbisse gehören zum Berufsrisiko des Försters. Doch längst nicht alle werden von den kleinen Blutsaugern so geliebt wie Walter Wüst: «Es gibt Kollegen, die kaum gebissen werden.»

Vor 28 Jahren wurde ihm diese einseitige Liebe zum Verhängnis. Wüst hatte während dreier Tage starke Kopfschmerzen: «Das habe ich sonst nie. Der Arzt tippte auf eine Nervenentzündung.» Ein paar Tage später war eine Gesichtshälfte gelähmt: «Das war ein Schock. Ich erkannte mich selbst nicht mehr, als ich mit meinem herunterhängenden Mundwinkel in den Spiegel blickte. Ich musste mit einem offenen Auge schlafen, weil ich es nicht mehr schliessen konnte.»

Wüst liess sich von einem Neurologen gründlich untersuchen. Der Befund: «Borreliose». In der Schweiz ist sie die häufigste von Zecken übertragene Erkrankung (siehe Kasten). Als Wüst 1981 diese Diagnose gestellt wurde, war die Krankheit jedoch kaum bekannt: «Ich war einer der ersten Fälle in der Schweiz», sagt Wüst. Antibiotika konnten ihn rasch heilen. Nach einer Woche arbeitete er schon wieder in seinem geliebten Wald. Ehefrau Anita schmunzelt und sagt: «Länger hätte er sowieso nicht zu Hause sitzen können. Die Bäume konnten nicht ohne ihn wachsen.» Wüst hatte Glück. Nicht immer verläuft Borreliose so glimpflich: «Es gibt Menschen, die bleibende Schäden haben.»

Bäume sind gefährlicher

Ist er seither vorsichtiger geworden? Wüst schüttelt entschieden den Kopf. «Ich habe ganz normal weitergearbeitet.» Verhindern konnte er Zeckenbisse sowieso nicht: «Selbst lange Kleidung bringt nicht viel. Zecken sind so klein, die finden ihren Weg.» Ehefrau Anita sagt lachend: «Ich habe schon überlegt, ob ich meinen Mann mit einem Flohhalsband ausstatten soll.» Ein bisschen geholfen hätten Anti-Zecken-Spray und Teebaumöl. Wüst aber kam schnell wieder davon ab: «Das hat so gestunken.»

Er begrüsst es zwar, wenn man sich über die Gefahr von Zecken informiert, vor übertriebener Hysterie warnt er aber: «Ein gewisses Risiko muss man in Kauf nehmen.» Schliesslich lauerten im Wald noch ganz andere Gefahren. So wäre Wüst im letzten Dienstjahr beinahe erschlagen worden. «Während wir einen Baum fällten, löste sich ein schwerer Ast. Dieser ist einen halben Meter neben mir gelandet.» Dieses Erlebnis trug dazu bei, dass er sich frühzeitig pensionieren liess: «Zecken wären für mich aber kein Grund gewesen, den Försterberuf an den Nagel zu hängen.»

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