Zahnimplantate

Zahnimplantate sind eine tickende Zeitbombe

Zahnimplantate: Träger bemerken Entzündungen und Knochenschwund erst spät

Zahnimplantate

Zahnimplantate: Träger bemerken Entzündungen und Knochenschwund erst spät

Entzündungen, Knochenschwund und im Extremfall Implantatverlust sind bislang unterschätzte Spätfolgen von Zahnimplantaten. Sie können teure Nachbehandlungen nach sich ziehen.

Felix Straumann und Peter Burkhardt

Zahnimplantate sind eine Erfolgsgeschichte: Jedes Jahr pflanzen Zahnärzte mehr davon in die Münder ihrer Patienten. 5 Millionen waren es im Jahr 2008 weltweit, 100000 in Schweiz.

Doch je grösser die Zahl der Patienten, die seit mehreren Jahren ein Zahnimplantat tragen, desto deutlicher wird: Der Zahnersatz ist problematischer als gedacht. Implantatträger müssen damit rechnen, dass nach Jahren teure Behandlungen notwendig werden. Schuld trägt die so genannte Periimplantitis, eine Folge von bakteriellen Zahnfleischentzündungen rund um das Implantat, die zu Knochenabbau und unter Umständen gar zum Verlust des Implantats führt.

«Ich fürchte, da kommt ein GAU auf uns zu», sagt Thomas Imfeld, Professor an der Klinik für Präventivzahnmedizin der Universität Zürich. «Am Anfang hat man die Periimplantitis nicht so ernst genommen, doch inzwischen ist dies ein grosses Thema.» Sogar von einem «Tsunami» spricht Georg Bach,
Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Implantologie. «Die Hersteller reden nicht gerne darüber. Früher wurde ich sogar von Kongressen ausgeladen, wenn ich zu diesem Thema ein Referat halten wollte», sagt Bach.

Es kursieren verschiedene Zahlen, wie häufig das Phänomen sein könnte. Da es in der Schweiz noch keine Untersuchungen zum Thema gibt, hat Thomas Imfeld kürzlich Daten aus der internationalen Literatur zusammengetragen - und die versprechen nicht viel Gutes. Demnach tritt ein problematischer Knochenschwund von mindestens zwei Millimetern nach fünf Jahren bei zirka 6 Prozent der Implantate auf.

Nach acht bis neun Jahren bei zirka 15 Prozent. Einzelne Studien schätzen sogar, dass über 50 Prozent aller Implantatträger früher oder später unter Periimplantitis leiden werden. Zwar gelten diese Zahlenangaben als unsicher, da erst wenige, schlecht vergleichbare Studien existieren. Doch wegen der stetig steigenden Anzahl an gesetzten Implantaten werden künftig selbst bei deutlich niedrigeren Komplikationsraten viele Menschen von teuren Zusatzbehandlungen betroffen sein.

Ein hohes Risiko für einePeriimplantitis haben insbesondere starke Raucher, Diabetiker und Personen mit schlechter Mundhygiene. Ihnen sollten Zahnärzte nach gängiger Auffassung nur zurückhaltend Implantate
setzen. Ohne diese Risikofaktoren stehen die Chancen gut, dass ein Implantat über zehn Jahre ohne Komplikationen im Mund bleibt.

Allerdings kann es dennoch zu Periimplantitis kommen. «Wir sind am Sammeln von möglichen Faktoren, die eine Periimplantitis begünstigen», sagt Claude Andreoni, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Implantologie. Beispielsweise könnte die bisher wenig beachtete Qualität der Schleimhaut um Implantate eine wichtige Rolle spielen. «Wenn ums Implantat kein fester Zahnfleischkranz sitzt, haben es die Bakterien einfacher», so der Implantologe.

Besonders schwerwiegend ist der Verdacht, dass gerade die modernsten Implantate mit einer rauen Oberfläche die Entzündungen begünstigen könnten. Sie verwachsen zwar schneller und fester mit dem Knochen als die Vorgängermodelle mit glatter Oberfläche, doch möglicherweise hat man sich damit auf lange Sicht einen Nachteil eingehandelt. «Die raue Oberfläche bietet den Bakterien bessere Schlupfwinkel», sagt Andreoni. Dies bestätigt auch Georg Bach von der deutschen Implantologen-Gesellschaft: «Die Bakterien dringen in diese Täler und Berge ein.»

Bei den beiden führenden Implantatehersteller Nobel Biocare und Straumann wiegelt man ab. «Wir stellen kein zunehmendes Phänomen der Periimplantitis fest», schreibt Nicolas Weidmann, Sprecher von Nobel Biocare.

Die Häufigkeit und Definition von Periimplantitis werde selbst bei Experten kontrovers diskutiert. Und Thomas Konrad, Sprecher bei Straumann, sagt: «Periimplantitis ist Teil des Risikos einer Implantatebehandlung.» Das Unternehmen sieht darin gar ein künftiges Geschäftsfeld: Es hat bereits Produkte zur Behandlung von Periimplantitis in der Pipeline.

Wegen der wachsenden Zahl von Fällen haben die Universitäten Bern und Zürich eine Periimplantitis-Sprechstunde eingerichtet, wo Zahnärzte ihre Problempatienten behandeln lassen können. Weil das Phänomen für die Zahnmediziner neu ist, existiert noch keine Standardbehandlung. In der Regel verfahren die Spezialisten jedoch gleich wie bei Parodontitis, der bakteriell bedingten Entzündung bei natürlichen Zähnen. Dabei wird mechanisch gereinigt und desinfiziert. Anders als bei der Parodontitis ist bei Periimplantitis in der Regel zusätzlich eine Behandlung des Knochenverlusts angezeigt, da dieser dazu führt, dass das Gewinde sichtbar wird.

Das kann teuer werden. Laut Giovanni Salvi, der an der Universität Bern die Periimplantitis-Sprechstunde leitet, können chirurgische Eingriffe und Knochenersatz schnell mal 1000 Franken kosten, wenn die Krone neu gemacht werden müsse, sogar über 3000 Franken. Allerdings: Wenn Zahnfleischentzündungen frühzeitig erkannt werden, ist die Behandlung einfach. «Das kann die Dentalhygienikerin während der Routinesitzung behandeln», sagt Salvi. Dazu sind jedoch regelmässige Kontrollen beim Zahnarzt und der Dentalhygienikerin notwendig. Denn der Patient
selber merkt nichts von seiner Periimplantitis. Sie verläuft meistens ohne Schmerzen. Wenn Eiter austritt oder das Gewinde sichtbar wird, ist bereits ein grösserer Schaden um das Implantat vorhanden.

Zahnimplantate sind eine Erfolgsgeschichte: Jedes Jahr pflanzen Zahnärzte mehr davon in die Münder ihrer Patienten. 5 Millionen waren es im Jahr 2008 weltweit, 100000 in Schweiz.
Doch je grösser die Zahl der Patienten, die seit mehreren Jahren ein Zahnimplantat tragen, desto deutlicher wird: Der Zahnersatz ist problematischer als gedacht. Implantatträger müssen damit rechnen, dass nach Jahren teure Behandlungen notwendig werden. Schuld trägt die so genannte Periimplantitis, eine Folge von bakteriellen Zahnfleischentzündungen rund um das Implantat, die zu Knochenabbau und unter Umständen gar zum Verlust des Implantats führt.
«Ich fürchte, da kommt ein GAU auf uns zu», sagt Thomas Imfeld, Professor an der Klinik für Präventivzahnmedizin der Universität Zürich. «Am Anfang hat man die Periimplantitis nicht so ernst genommen, doch inzwischen ist dies ein grosses Thema.» Sogar von einem «Tsunami» spricht Georg Bach,
Vorstandsmitglied der Deutschen
Gesellschaft für Zahnärztliche Implantologie. «Die Hersteller reden nicht
gerne darüber. Früher wurde ich sogar von Kongressen ausgeladen, wenn ich zu diesem Thema ein Referat halten wollte», sagt Bach.
Es kursieren verschiedene Zahlen, wie häufig das Phänomen sein könnte. Da es in der Schweiz noch keine Untersuchungen zum Thema gibt, hat Thomas Imfeld kürzlich Daten aus der internationalen Literatur zusammengetragen - und die versprechen nicht viel Gutes. Demnach tritt ein problematischer Knochenschwund von mindestens zwei Millimetern nach fünf Jahren bei zirka 6 Prozent der Implantate auf. Nach acht bis neun Jahren bei zirka 15 Prozent. Einzelne Studien schätzen sogar, dass über 50 Prozent aller Implantatträger früher oder später unter Periimplantitis leiden werden. Zwar gelten diese Zahlenangaben als unsicher, da erst wenige, schlecht vergleichbare Studien existieren. Doch wegen der stetig steigenden Anzahl an gesetzten Implantaten werden künftig selbst bei deutlich niedrigeren Komplikationsraten viele Menschen von teuren Zusatzbehandlungen betroffen sein.
Ein hohes Risiko für eine
Periimplantitis haben insbesondere starke Raucher, Diabetiker und Personen mit schlechter Mundhygiene. Ihnen sollten Zahnärzte nach gängiger Auffassung nur zurückhaltend Implantate
setzen. Ohne diese Risikofaktoren
stehen die Chancen gut, dass ein
Implantat über zehn Jahre ohne Komplikationen im Mund bleibt.
Allerdings kann es dennoch zu Periimplantitis kommen. «Wir sind am Sammeln von möglichen Faktoren, die eine Periimplantitis begünstigen», sagt Claude Andreoni, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Implantologie. Beispielsweise könnte die bisher wenig beachtete Qualität der Schleimhaut um Implantate eine wichtige Rolle spielen. «Wenn ums Implantat kein fester Zahnfleischkranz sitzt, haben es die Bakterien einfacher», so der Implantologe.
Besonders schwerwiegend ist der Verdacht, dass gerade die modernsten Implantate mit einer rauen Oberfläche die Entzündungen begünstigen könnten. Sie verwachsen zwar schneller und fester mit dem Knochen als die Vorgängermodelle mit glatter Oberfläche, doch möglicherweise hat man sich damit auf lange Sicht einen Nachteil eingehandelt. «Die raue Oberfläche bietet den Bakterien bessere Schlupfwinkel», sagt Andreoni. Dies bestätigt auch Georg Bach von der deutschen Implantologen-Gesellschaft: «Die Bakterien dringen in diese Täler und Berge ein.»
Bei den beiden führenden Implantatehersteller Nobel Biocare und Straumann wiegelt man ab. «Wir stellen kein zunehmendes Phänomen der Periimplantitis fest», schreibt Nicolas Weidmann, Sprecher von Nobel Biocare.
Die Häufigkeit und Definition von
Periimplantitis werde selbst bei Experten kontrovers diskutiert. Und Thomas Konrad, Sprecher bei Straumann, sagt: «Periimplantitis ist Teil des Risikos einer Implantatebehandlung.» Das Unternehmen sieht darin gar ein künftiges
Geschäftsfeld: Es hat bereits Produkte zur Behandlung von Periimplantitis in der Pipeline.
Wegen der wachsenden Zahl von Fällen haben die Universitäten Bern und Zürich eine Periimplantitis-Sprechstunde eingerichtet, wo Zahnärzte ihre Problempatienten behandeln lassen können. Weil das Phänomen für die Zahnmediziner neu ist, existiert noch keine Standardbehandlung. In der Regel verfahren die Spezialisten jedoch gleich wie bei Parodontitis, der bakteriell bedingten Entzündung bei natürlichen Zähnen. Dabei wird mechanisch gereinigt und desinfiziert. Anders als bei der Parodontitis ist bei Periimplantitis in der Regel zusätzlich eine Behandlung des Knochenverlusts angezeigt, da dieser dazu führt, dass das Gewinde sichtbar wird.
Das kann teuer werden. Laut Giovanni Salvi, der an der Universität Bern die Periimplantitis-Sprechstunde leitet, können chirurgische Eingriffe und Knochenersatz schnell mal 1000 Franken kosten, wenn die Krone neu gemacht werden müsse, sogar über 3000 Franken. Allerdings: Wenn Zahnfleischentzündungen frühzeitig erkannt werden, ist die Behandlung einfach. «Das kann die Dentalhygienikerin während der Routinesitzung behandeln», sagt Salvi. Dazu sind jedoch regelmässige Kontrollen beim Zahnarzt und der Dentalhygienikerin notwendig. Denn der Patient
selber merkt nichts von seiner Periimplantitis. Sie verläuft meistens ohne Schmerzen. Wenn Eiter austritt oder das Gewinde sichtbar wird, ist bereits ein grösserer Schaden um das Implantat vorhanden.

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