Zahlreiche Orte zum Verweilen

Es gibt wochentags kaum Verkehr auf den Velowegen – ständiger Begleiter ist nur der eigene Schatten. (Bild: Sabine Kuster)

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Es gibt wochentags kaum Verkehr auf den Velowegen – ständiger Begleiter ist nur der eigene Schatten. (Bild: Sabine Kuster)

Im Freiamt kommt man mit dem Velo mit wenigen Höhenmetern und fast ohne die Hilfe der Karte ans Ziel. Ohnehin ist hier der Weg das Ziel.

Sabine Kuster

28 Grad zeigt eine digitale Themperatur-Tafel in Wohlen. Es ist 14 Uhr. Bei meinem Grossvater, mit dem ich im Nachbarort zu Mittag gegessen habe, prahlte ich: «Diese Velotour nehme ich mir zum Dessert.»

Ich habe die Rechnung ohne die Sonne gemacht. Doch vorerst ist der Veloweg nach Niederwil tatsächlich ein Dessert: Kaum 50 Höhenmeter gehts auf einem separaten Weg neben der Strasse aufwärts, dann verläuft der Weg auf einer eigenen Route und ich flitze 100 Höhenmeter talwärts vorbei an Sonneblumen-, Salat- und Kartoffelfeldern. Unter meinem Pneu knistern Flecken aufgeweichten Asphalts. Ich biege in die Radroute 77 ein. Niederwil hält Siesta. Nur Bauarbeiter sind am Werk. Ich holpere über die aufgerissene Quartierstrasse. Doch bald kommt mein Velo in den Genuss einer Panzerstrasse; der Waffenplatz von Bremgarten liegt in der Nähe. Ein Kampf-Insekt prallt an meine Sonnenbrille.

Abkühlung in der Kirche

Bis jetzt habe ich die Velokarte nicht benötigt: Der Weg ist sehr gut ausgeschildert und das wird bis auf zwei Ausnahmen auf der ganzen Tour so bleiben.

In Bremgarten besuche ich die reich dekorierte katholische Kirche. Hier ist es herrlich kühl und still. Ab und zu hört man mit einem hellen Klang einen Tropfen Weihwasser aus einem lecken Kanister in einen Teller fallen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich bloss wegen der Abkühlung hier bin und fahre bald weiter durch die Altstadt. Schön gemächlich, denn erstens gehts steil bergauf und zweitens lohnt es, sich umzuschauen: Die Häuser sind Kunstwerke.

Ich quere das Geleise der Bremgarten-Dietikon-Bahn und fahre auf einem Weg oberhalb der Reuss dem Flusslauf entlang. Von der Badi am anderen Ufer ist das Kreischen der Kinder zu hören. Während ich überlege, ob ich mir ebenfalls ein Bad genehmigen soll, verpasse ich auf der Höhe von Zufikon beinahe die Abzweigung nach links. Der Weg ist zwar gut ausgeschildert, nach den kleinen roten Pfeilen muss man an Weggabelungen dennoch wachsam Ausschau halten.

Durchs Maisfeld-Labyrinth

Auf dem Weg bis Unterlunkofen steht mir der Mais Spalier: Mein Kopf ragt nur knapp über die Stauden hinaus. Die Luft flimmert in der Sonne. Ein Mäusebussard landet neben dem Weg. Rechts im idyllischen Flachsee sehe ich die unterschiedlichsten Vögel. Normalerweise können die Vögel dort von 9 Uhr bis 16 Uhr von einem Häuschen aus beobachtet werden. Doch heute hat der «Hide» geschlossen. (Anfragen für Gruppen: 056 636 21 41)

In Unterlunkofen kann ich nicht länger widerstehen und verlasse die Route um in der Reuss zu baden. Ich jogge zwei-, dreihundert Meter flussaufwärts, um mich dann zurück zur Brücke oberhalb des Flachsees treiben zu lassen.

Abgekühlt gehts weiter, der Wind föhnt die Haare. Die Fahrt nach Jonen ist ein Umweg. Aber schliesslich ist der Weg das Ziel und in Jonen stehen einige schöne alte Häuser. Doch hinter den Mauern ist längst nicht mehr, was angeschrieben steht. Aus dem «Löwen» ist ein «Gesundheitshaus» geworden und in der «Dorfmetzg» gibts statt Koteletts und Würsten nun Traumfänger und Skulpturen zu kaufen.

Dessert auf halber Strecke

Ich radle zurück an die Reuss, den Weg finde ich nur Dank der Karte. Denn, wie dort vermerkt, dieses Stück ist noch in Bearbeitung. Auf einer Weide steht apathisch ein schwarzer Stier im Halbschatten eines Apfelbaumes. Ennet der Reuss kehre ich im «Ewig Liechtli» ein. Eigentlich heisst das Restaurant «Reussbrücke», aber keiner nennt es so. Sein Name stammt aus der Zeit, als es die Polizeistunde noch gab. Weil die Beiz abgelegen ist, und sich kaum ein Polizist hierhin verirrte, blieben die Gäste oft länger sitzen als erlaubt gewesen wäre.

Ich beschliesse, die zweite Hälfte der Tour zügiger zu fahren und keuche die 100 Höhenmeter nach Besenbüren hoch. Doch schon bringt mich eine weitere Sehenswürdigkeit vom Weg ab. «Grotte» verspricht ein Schild. Ich stelle mein Velo ab und steige neugierig den Waldweg hoch. Eine Muttergottes steht in einer Nische in einem Felsen, der jedoch eher künstlich gemacht aussieht. Zehn Kerzen brennen. «Viel», denke ich, «für einen abgelegenen Ort.»

Gekühlte Kühe und roter Kopf

In Boswil muss ich zum zweiten Mal die Karte konsultieren, damit ich die Fortsetzung der Route hinauf nach Uezwil finde. Inzwischen ist es 32 Grad heiss, ich schmore auf diesen 120 Höhenmetern. Den Freiämterstein bei Hinterbüel, der mein Grossvater erwähnt hatte, lasse ich links liegen. Kurz nachdem mein Hintern zu schmerzen beginnt, bin ich oben und sause über Büttikon runter nach Wohlen. In Büttikon fällt mir im Vorbeifahren die Sage um die Angelsachsenkapelle ein. Grossvater erzählte, dort seien die ersten Christen, Angelsachsen eben, geköpft worden und danach kopflos an jene Stelle in Büttikon gewandert, an der heute die Wendelinskapelle stehe.

Mein Kopf ist rot. Der Fahrtwind vermag ihn bis Wohlen nicht zu kühlen. Nach 2 1/2 Stunden reiner Fahrzeit brauche ich dringend: eine kalte Dusche.

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