Wunder hoch oben an der Niklausstiege

Illustration Amy Bollag "Erlöster Niklaussteig"

Wunder hoch oben an der Niklausstiege

Illustration Amy Bollag "Erlöster Niklaussteig"

Eine vorweihnächtliche Geschichte aus der Badener Vergangenheit von Amy Bollag.

Geboren wurde ich gegenüber dem Badener Stadtturm, am Anfang der Bruggerstrasse, die aber heute Stadtturmstrasse heisst. Auf der andern Seite des Turms, eng zwischen den Häusern gelegen, führt eine schmale Treppe, eben der Niklaussteig, steil zur Burgruine Stein empor. Der Aufgang durchquert im oberen Teil den Vorraum der ehemaligen Schlosskapelle, ein auch bei Tageslicht diisteres Gewölbe.

Dieser steinerne, unheimliche Raum, den ich als kaum fünfjähriges Kind bei einem Spaziergang mit den Eltern erlebte, erschreckte mich so, dass ich mich panikartig auf die offene Treppe flüchtete. Die Eltern holten mich ein, konnten aber mein Verhalten nicht verstehen. Nach kurzer Zeit wurde dieser Vorfall vergessen und auch ich dachte nicht mehr daran.

Ein Versprechen der Eltern

Nach einiger Zeit spazierten wir wieder im Oesterliwald. Ohne dass ich es gewahr wurde, nahmen wir nicht den gewohnten Heimweg. Bevor ich Dreikäsehoch dies bemerkt hatte, befanden wir uns in dem von mir so gefürchtetem Steinraum. Ich muss so entsetzt und verängstigt reagiert haben, dass Vater mich bis nach Hause tragen musste. Die Eltern versprachen mir hoch und heilig, diesen Ort nicht mehr zu betreten.

Soweit wäre es noch gut abgelaufen und alles würde den normalen Weg des Vergessens gegangen sein, aber der unheimliche Ort fand in einem Traum Platz und zwar so tiefgründig und eindrücklich, dass ich mich noch heute, nach über einem dreiviertel Jahrhundert, selten klar daran erinnere, wie wenn es gestern geschehen wäre.

Nichtsahnend war ich im Traum unterwegs. Ganz überraschend befand ich mich im gefürchteten Steinkeller, ohne durch die, mir eigentlich bekannte, Treppe gewarnt zu werden. Im beklemmenden Raum, wo sonst eine steinerne gruslige Mauer ragte, erblickte ich in Boden und Decke eingelassene grobe Eisenstangen. Dahinter tobten und rasten eine Menge wütender, grausiger, zottiger und grobschlächtige Teufel, die nur durch die Eisenstangen gehindert wurden, mich mit Gabeln und Krallen zu ergreifen, um mich in ihre Hölle zu zerren. Entsetzt konnte ich diesem Grauen entfliehen und wachte auf.

Den Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit konnte ich leider noch nicht realisieren. Zitternd und schluchzend flüchtete ich zu den Eltern, konnte aber für das furchterregende Geschehen keine Worte finden. Das Einschlafen bereitete mir Mühe, da ich noch furchterfüllt vom erlebten Schrecken war. Lange verfolgte mich dieser wiederkehrende Teufelsalptraum. Ich erinnere mich genau, dass ich sogar in meinen Träumen sorgfältig auf meine Wege achtete, um ja nicht in die gefürchtete Teufelsfalle zu geraten. Den Eltern erzählte ich weiter nichts von meinen Ängsten. Doch endlich hörte der Traum auf, mich zu plagen.

Es war unmöglich, nicht mitzugehen

Die Zeit lief, ich wurde Erstklässler und brachte es fertig, nie mehr den Niklaussteig betreten zu müssen, so tiefgründig steckte meine Hemmung in mir. Vor Weihnachten geschah es aber, dass die ganze Klasse auf eben dieser Treppe zur Schlossruine hinaufsteigen sollte, es war einfach unmöglich nicht mitzugehen. Niemand hätte mich verstanden. Mit schwerem, bedrücktem Herzen machte ich mich widerwillig mit den Mitschülern auf den Weg.

Bald erblickte ich das unheimliche Gemäuer und zwang mich mit aller Kraft weiterzugehen. Aber oh Wunder, keine Beklommenheit, keine rasenden Teufel empfingen mich, ein prächtiger Weihnachtsbaum, geschmückt mit Lametta, brennenden Kerzen und vielfarbigen Kugeln hatte die gefürchtete Mauer in einen lieblichen und heimeligen Ort verwandelt. Ein Wunder! Erst jetzt wurde mir klar, dass das, was ich so schrecklich träumte, gar nie stattgefunden hatte. Obwohl wir zu Hause mit einem achtarmigen Chanukkaleuchter das Chanukka-Einweihungsfest feiern, der noch einige Jahre älter als der Weihnachtsbaum ist, die tiefe Zuneigung zum geschmücktem, strahlendem Kerzenbaum ist lebenslang geblieben.

Meistgesehen

Artboard 1