Abbruch Gemeindehaus

Wohler bestellten den Abbruchhammer

Das alte Gemeindehaus kurz vor dem Abbruch

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Das alte Gemeindehaus kurz vor dem Abbruch

Vor 30 Jahren, am 2. Juli 1979, rückten die Bauarbeiter dem alten Gemeindehaus in Wohlen auf den Leib und brachen es ab. Um das Haus hatte zuvor eine langwierige Abstimmungsschlacht getobt.

Jörg Baumann

Das alte Gemeindehaus stand nicht unter Denkmalschutz. Es gehörte aber mit der katholischen Pfarrkirche, dem Pfarrhaus und dem Gasthof Rössli zum vertrauten Ortsbild von Wohlen. 1810 bis 1854 diente es der Gemeinde als erstes Schulhaus, danach, bis 1971, als Gemeindehaus. Arnold Widmer, der im Einwohnerrat für die «Freien Stimmberechtigten» politisierte und als «Sparonkel» der Gemeinde galt, trat die Abbruchlawine los. Er forderte im Dorfparlament den Gemeinderat auf, den Abriss des alten Gemeindehaus vorzubereiten. «Sparonkel» Widmer hatte im Übrigen auch gute Seiten: Er sorgte dafür, dass die Gemeinde das Bleichi-Areal kaufte. Auf dem Grundstück fanden die Industriellen Betriebe und der Werkhof der Gemeinde Platz.

Eine alte Tradition

Alte Häuser abzubrechen, war schon vor dem Abriss des alten Gemeindehauses in Wohlen eine Tradition. Die Trösch-Villa (heute Migros-Center), die Gärtnerei Maurer an der Friedhofstrasse (heute ein Parkplatz), das Kaufhaus Stadt Paris (heute Manor), das Strohwarengeschäft Kull (heute Telefonzentrale), das Lüthi-Haus (heute Hochhaus Rex), das Bauernhaus von Karl Pfister (früher Migros-Filiale), die Villa Isler-Hüssy (heute Geschäftshaus Wohlerhof), das Wohnhaus von Peter Isler (heute UBS), das Tuchwarengeschäft Traugott Frey (heute City-Haus) und andere Häuser fielen dem aufstrebenden Geschäftssinn der Wohler zum Opfer.

Beim Abbruch des alten Gemeindehauses spielte ein besonderer Reflex: Es war unbeliebt geworden als Sitz des Freizeitvereins, hinter dem man «linke Kreise» vermutete. Und die Befürworter des Abbruchs sahen in diesem Haus nur noch ein Verkehrshindernis, das man möglichst schnell beseitigen müsse.

Widerstand formiert sich

Vom Ortbildschutz sprach in Wohlen noch fast niemand, mit Ausnahme des Freizeitvereins, des Aktionskomitees Gemeindehaus, der Genossenschaft Dorfkern und einigen Einzelpersonen, die sich der Abbruchwut widersetzten. Sie engagierten sich leidenschaftlich für die Rettung des alten Gemeindehauses.

Der Gemeinderat mahnte anfänglich zur Besonnenheit und forderte, man müsse alle Konsequenzen eines Abbruchs oder einer Renovation des Hauses prüfen. Die Genossenschaft Dorfkern offerierte der Gemeinderat sogar, das Haus für 100 000 Franken zu kaufen. Der Freizeitverein erklärte sich bereit, bei einer Renovation Frondienst zu leisten und sich auch finanziell zu beteiligen.

«Endlösung» im Visier

Die Rettungsversuche fruchten nichts. Die Genossenschaft Dorfkern rief unter dem Motto «Zämestoh statt zämeschloh» zur Erhaltung des Hauses auf. Die Gegner führten den Verkehrsengpass und eine sinnlose Verschleuderung von Steuergeldern ins Feld. Sie sprachen von einer «käuflichen Demokratie». In einer Volksabstimmung entschieden sich die Wohler mit 1767 gegen 1471 Stimmen am 24. September 1978 für den Abbruch. Sie bestätigten diesen Entscheid in einer Referendumsabstimmung am 20. Mai 1979 mit 2324 gegen 1330 Stimmen deutlich.

In der Abstimmungsvorlage war dem Gemeinderat ein böser Bock unterlaufen. Er hatte von einer «Endlösung» geschrieben, die getroffen werden müsse. Gerügt wurde der Gemeinderat dafür nicht. Vom 2. bis 4. Juli 1979, ein Jahr nach der glorreichen 800-Jahr-Feier von Wohlen und zwei Tage nach dem Jugendfest, erfolgte der Abbruch des alten Gemeindehauses. Die Idealisten, die das Haus zu retten versucht hatten, waren wie gelähmt. Vereinzelte erklärten, dass sie sich nie mehr für die Gemeinde engagieren wollten.

«Wohler, schämt euch!»

«Der Abbruch war wohl schwieriger, als man anfänglich gedacht hatte», erinnert sich Konditor und Confiseur Bruno Widmer (66). «Die Baufirma musste schweres Geschütz auffahren, bis die dicken Mauern des alten Gebäudes endlich in sich zusammenfielen.» Widmer hatte sich im Stillen für die Erhaltung des Hauses eingesetzt. «Aber viele Leute hatten etwas gegen den Wohler Freizeitverein. Damit war das Schicksal des altehrwürdigen Gemeindehauses leider besiegelt.»

Als erster Sprayer im Freiamt hinterliess der damals 36-jährige Bruno Widmer vor dem Abbruch an der Hausfront in dunkelroter Farbe den Mahnspruch «Wohler, schämt euch! + 2. Juli». Vorher fotografierte und filmte Widmer das Haus. Der Abbruch des alten Gemeindehauses hinterliess nur eine Baulücke. Die Autofahrer erhielten, entgegen den einstigen Versprechungen, keine bessere Verkehrssituation. 30 Jahre nach dem Abbruch ist die Zeit reif geworden, diese Baulücke zu schliessen. Absichten dazu hat der Gemeinderat Wohlen im eingeleiteten Masterplanverfahren festgehalten.

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