Pflegi Muri
Wo in der Pflegi rauchen und Alkohol erlaubt sind

In der Pflegi Muri wird auch nachts gearbeitet. Die AZ war eine Nacht auf der Männerabteilung und erhielt Einblicke in bewegende Schicksale und den Alltag des Pflegepersonals.

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Aargauer Zeitung

Sebastian Hagenbuch

Es ist neun Uhr abends, als Marlise Müller die Männerabteilung der Pflegi Muri betritt. An die spezielle Luft mit einem relativ hohen Rauch-Anteil hat sie sich längst gewöhnt. Die Amtsübergabe erfolgt reibungslos, die Erlebnisse des Tages werden mitgeteilt. «Hans (alle Namen der Bewohner abgeändert) ist heute weggelaufen.

100 Jahre PflegiMuri

In diesem Jahr kann die Pflegi Muri auf ihr 100-jähriges Bestehen zurückblicken. Die Pflegi Muri ist ein wichtiges regionales Zentrum für Pflege und Betreuung. Knapp 200 Personen werden im historischen Gebäude gepflegt und rund um die Uhr betreut. Sogar noch etwas mehr Arbeitnehmende haben hier eine Anstellung gefunden, unter ihnen auch rund 40 Lehrlinge, Schüler oder Praktikanten. Die schöne Umgebung der Pflegi Muri mit dem Pflegipark lädt auch Besucher zum Verweilen ein. Im eigenen Restaurant Benedikt können sich auch auswärtige Personen verpflegen oder beispielsweise das eigene Lonzi-Bier der Pflegi geniessen. (sha)

Alkohol und rauchen erlaubt

Generell legt man in der Pflegi Muri Wert darauf, dass die Leute tun können, was sie wollen. In der Männerabteilung ähneln sich die Schicksale der Bewohner. Alkohol, Scheidung, noch mehr Alkohol, Pflegi. Auch ehemalige Mitarbeiter vom Murimoos verbringen hier ihren Lebensabend. Man lässt die pflegebedürftigen Männer gewähren. So dürfen sie weiterhin Alkohol konsumieren und sogar in der Abteilung drinnen rauchen. Es bringe nichts, jemanden auf seine letzten Tage hin noch ändern zu wollen.

Die Sterbebegleitung ist wichtig

Viele der Bewohnerinnen und Bewohner der Pflegi Muri werden diese nie mehr verlassen können. Gründe dafür können unter anderem in einer Behinderung, einem Unfall oder aber im Alkohol liegen. Deshalb liegt der diplomierten Pflegefachfrau Beate Ingold insbesondere die Betreuung der Sterbenden am Herzen. «Personen, welche im Sterben liegen, besuche ich sehr oft. Es ist wichtig, dass wir ihre Hand halten, mit ihnen beten oder eine Geschichte vorlesen», so Ingold. Obwohl die Pflegi-Muri-Bewohner oftmals nicht dort sind, um geheilt zu werden, sondern um zu sterben, mangelt es Ingold nicht an Motivation. «Ich denke, ich kann einen kleinen Teil dazu beitragen, dass es jemandem leichterfällt, von dieser Welt zu gehen», so die Pflegefachfrau. Sie hat jeweils Pikettdienst und unterstützt die acht anderen Nachtwachen bei Bedarf. (sha)

Das Ziel sei es, diesen Leuten einen möglichst schönen Lebensabend zu ermöglichen, erklärt Müller. Aus diesem Grund hat die Pflegi Muri anlässlich ihres 100-Jahr-Jubiläums von allen Bewohnern einen Wunsch aufgenommen. Auf der Männerabteilung sind diese Wünsche unterschiedlich. Von «Eine Frau zum Liebsein» über «Ein Karton Zigaretten» bis zu «Ein Fussballspiel im Wankdorf schauen» ist alles vertreten.

Obwohl sich viele der Männer ganz offensichtlich über die weiblichen Pflegerinnen freuen, wurde Marlise Müller nie mit einer Belästigung konfrontiert. «Wir haben schon Männer, die ein grosses Zuneigungsbedürfnis haben. Einige schauen abends friedlich noch ein Sexheftli an. Wir Pflegerinnen müssen einfach abgrenzen können, dann passiert nichts», erklärt Müller

Mittlerweile ist es Zeit für die erste von zwei Runden für Müller. Sie geht in jedes Zimmer, wechselt wenn nötig die Windeln, bringt neue Urinflaschen, deckt die Bewohner frisch zu oder streicht einem schlaflosen Mann kurz zärtlich über die Wange. «Oft sind hier Leute, die in ihrem ganzen Leben kaum Zärtlichkeiten erfahren durften.»

Energydrink gegen die Müdigkeit

Die Nacht verläuft insgesamt eher ruhig, nur selten läutet ein Bewohner. Nach der Pause - gegen drei Uhr nachts - kommt für Marlise Müller eine Zeit des Ankämpfens gegen die Müdigkeit. Aber sie ist ausgerüstet: Energydrink und Schokolade halten sie wach. Und dann geht es plötzlich schnell - Dämmerung, Vogelgezwitscher, zweite Runde, und das Leben kommt zurück in die Männerabteilung. Die Bewohner kommen aus ihren Zimmern und beginnen den Tag mit einer Zigarette und einem Schluck Bier. Die Ablösung für Marlise erscheint wie immer pünktlich und gut gelaunt. Müller freut sich auf ihren Kaffee, die Zeitung und das Bett.