Wirtschaftsmittelschule - zwischen Lehre und Gymi

Bisher ging man mitunter in die Wirtschaftsmittelschule (WMS), weil es fürs Gymi nicht ganz reichte. Das soll sich ändern: Die WMS positioniert sich als eigenständiger Weg zwischen Gymnasium und Berufslehre.

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Ein Mittelweg zwischen Lehre und Gymi

Ein Mittelweg zwischen Lehre und Gymi

Hans Fahrländer

Die Bildungslandschaft auf der Sekundarstufe II – mit Alternativen zum Gymnasium – ist bunter geworden. Aus der ehemaligen Diplommittelschule ist die Fachmittelschule (FMS) geworden, mit der Möglichkeit, eine Fachmaturität zu erwerben.

Eine neue Informatik-Mittelschule (IMS) ist entstanden. Aufs neue Schuljahr hin wird jetzt das Profil der Wirtschaftsmittelschule (WMS), laut Gesetz eigentlich Handelsmittelschule, geschärft. Eine WMS gibt es an der Alten Kantonsschule Aarau und an der Kantonsschule Baden, im Schnitt je drei bis vier Abteilungen pro Jahrgang.

Bisher war es oft so: Wer in der Bezirksschulabschlussprüfung den Schnitt fürs Gymnasium nicht erreichte, der ging halt in die WMS. Nicht wenige versuchten, nach der WMS den Sprung ins Gymi doch noch zu schaffen.

«Wir wollen keine Ausweichlösung mit Negativselektion, kein ‹Gymnasium light› sein, sondern eine eigenständige Mittelschule, die von jungen Menschen bewusst angesteuert wird», sagt Ulrich Salm, Prorektor der Alten Kanti und Leiter der WMS in Aarau.

Auslöser auf Bundesebene

Der Bund, genauer das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT), hat das Abschlussdiplom für den wirtschaftlich-kaufmännischen Bereich auf die Tertiärstufe, in die Fachhochschule, angehoben. In der WMS hat das nach Auskunft von Ulrich Salm zwei Entwicklungen ausgelöst.

Einerseits: Sie wird praxisbezogener, rückt näher zur Berufsbildung. In den Lehrgang integriert sind Praxismodule, zum Beispiel in Unternehmensführung.

Anderseits: Sie verstärkt den allgemeinbildenden Teil. So muss zum Beispiel in Französisch und Englisch gemäss europäischem Sprachenportfolio ein höheres Niveau als bisher erreicht werden. Als Spezialität führt die WMS in Aarau künftig auch eine integrierte Sportabteilung für Leistungssportlerinnen und -sportler.

Die WMS dauerte bisher schon vier Jahre. Doch nun wird das vierte Jahr stärker nach den Regeln der dualen Berufsbildung, unter Einbezug der Branchenverbände geführt und mit Branchenprüfungen abgeschlossen.

Bezirksschulabgänger erreichen die Wirtschaftsmittelschule MS entweder mit einem Notendurchschnitt von 4,4 oder nach einer erfolgreichen Aufnahmeprüfung für Berufsmaturitätsschulen, welche auch für Sekundarschulabgänger offen steht.

Als Abschlusszertifikat erhalten WMS-Absolventen den eidgenössischen Fachausweis für den kaufmännischen Bereich plus die Berufsmaturität. Der Übertritt nach drei Jahren ans Gymnasium ist nur noch in Ausnahmefällen vorgesehen.

Wer wählt die WMS?

Gleicher Zugang und gleicher Abschluss wie bei der KV-Lehre mit Berufsmatur – ist da «Aufwertung» nicht etwas schöngeredet? Ist die Reform nicht eher ein Schritt weg von der Mittelschulbildung?

Ulrich Salm verneint: «Natürlich, den Auslöser, die Verlegung des Diplomabschlusses auf die Tertiärstufe, haben wir nicht gesucht. Aber was wir geschaffen haben, ist in meinen Augen eine klare Profilschärfung und Aufwertung. Das BBT anerkennt uns ausdrücklich als Mittelschule.»

Den jungen Frauen und Männern öffnet die Berufsmaturität den prüfungsfreien Zugang zur Fachhochschule – und nach einem Zusatzjahr (Passerelle) an der Aargauischen Maturitätsschule für Erwachsene (AME) sogar jenen an die Universität. Zusätzlich dokumentiert ihnen ein drittes Papier, ein spezielles WMS-Zertifikat, die Ausbildung an einer Wirtschaftsmittelschule.

Salm: «Im Gegensatz zum KV mit Berufsmatur sind wir eine Vollzeitschule, wir haben einen deutlich höheren Anteil an theoretisch-intellektuellen Fächern. Wir sprechen junge Leute an, die zwar gern praxisorientiert arbeiten, die aber auch gern in die Schule gehen und die Welt verstehen wollen.

Unser Lehrgang ist abwechslungsreich und anspruchsvoll: Es wird viel Stoff in kurzer Zeit verlangt. Und: Wir sind an Schulen mit Gymnasien angesiedelt, an der WMS unterrichten dieselben Lehrkräfte.»

Unterschiede zur FMS

Eine fachspezifische Mittelschule mit Zusatzjahr, das zur Matur und direkt an die Fachhochschule führt, das bietet auch die FMS – wo liegen die Unterschiede? Ulrich Salm: «Die FMS macht man in einem Spezialgebiet, Gesundheit, soziale Arbeit, Kommunikation, Pädagogik.

An der WMS sind wir breiter aufgestellt. Natürlich stehen wirtschaftliche Laufbahnen im Vordergrund, aber es sind auch andere Berufsfelder möglich, zum Beispiel öffentliche Verwaltung, Marketing oder Journalismus.»

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