Barbara Spycher

Ein Jahr lang haben die Bernerinnen und Berner autofreie Luft geschnuppert auf ihrem Bahnhofplatz: Während des Umbaus war die Verkehrsachse über den Berner Bahnhofplatz für Autos und Busse gesperrt. An den Wochenenden, wenn auch die Bagger stillstanden, gehörte der Platz ganz den Fussgängern. Ein neues Lebensgefühl an einem Ort, wo vorher täglich rund 26 000 Autos durchgebraust waren. Als der renovierte Platz im Mai 2008 wieder eröffnet wurde, war zwar die Freude über den neuen, luftigen Glasbaldachin gross, der ein offenes, modernes Flair verströmt. Doch viele fragten sich: wieso bleibt der Platz für die Autos nicht gesperrt.?

Quartiere schützen

Jetzt haben es die Berner selber in der Hand, die Autos wieder von ihrem Bahnhofplatz zu verbannen. An diesem Wochenende stimmt die Stadt über die Initiative «Für einen autofreien Bahnhofplatz» ab. Diese verlangt, dass der Bahnhofplatz vom motorisierten Individualverkehr befreit wird. Für Busse, Taxis und Notfallfahrzeuge bleibt er offen, in «begründeten Fällen» auch für Anlieferer.

Vorerst wir ein Grundsatzentscheid gefällt und über einen ersten Planungskredit von 900 000 Franken abgestimmt. Bei einem Ja käme ein zweiter Kredit für das konkrete Projekt nochmals vors Volk. Insbesondere müssten die Planer genau abklären, wo der Verkehr umgeleitet und mit welchen Massnahmen die Quartiere vor Mehrverkehr geschützt werden können. Die Erfahrungen während der einjährigen Verkehrssperre stimmen zuversichtlich: Der befürchtete Verkehrskollaps war ausgeblieben, weitgehend auch Staus und Mehrverkehr in den Quartieren. Die Umleitung über die sogenannte Kleine Westtangente vermochte den Grossteil des Verkehrs zu schlucken. Das erstaunte viele und linke Parteien und Umweltverbände sahen durch die Baustelle ihre Chance gekommen, einer langjährigen Vision endlich zum Durchbruch zu verhelfen. Innert zwei Monaten sammelten sie 7000 Unterschriften für einen autofreien Bahnhofplatz. Befürwortet wird die Initiative nicht nur von SP, Grünen und der rot-grünen Stadtregierung, auch EVP und CVP haben die Ja-Parole herausgegeben.

Nicht ganz autofrei

Die Gegner, FDP, SVP, BDP und Wirtschaftsverbände, warnen vor dem Mehrverkehr in den Quartieren. Zudem könne man doch nicht den neuen Bahnhofplatz eröffnen, «eine gereifte, pragmatische Kompromisslösung», und ein jahr später schon wieder über den Haufen werfen. Die Innenstadt-Geschäfte seien auf eine gute Verkehrsinfrastruktur über den Bahnhofplatz angewiesen. Die Initiative sei eine «Mogelpackung»: autofrei würde der Platz auch bei einem Ja nicht. In der Tat dürften weiterhin täglich 1500 bis 3000 Autos und Busse über den Platz fahren, je nachdem, wie viele Anlieferer zugelassen werden.

Das sind allerdings rund zehnmal weniger als heute. «Das wäre eine massive und spürbare Reduktion», findet Initiant und SP-Stadtrat Michael Aebersold. Er träumt davon, dass die Menschen den Platz langsam zurück erobern, als Treffpunkt, für kulturelle Events und in Strassencafés «als Piazza».