«Wir wollen wachrütteln»

In Utzenstorf und Bätterkinden wird auf einem Flugblatt mit der Verschrottung von Autos gedroht – im Namen des Kantons Bern und auf Kosten der BKW. Für die Urheber geht es um mehr als einen Scherz.

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Solothurner Zeitung

Johannes Reichen

Das Berner Wappen steht im Kopf des Flugblatts, und gemäss der Gestaltung und Schrift könnte es ein offizielles Papier des Kantons Bern sein. Der Text allerdings macht deutlich, dass der Kanton nicht Urheber der «Ankündigung» sein kann, die am vergangenen Wochenende in Utzenstorf und Bätterkinden verteilt wurde.

Allzu absurd ist, was da geschrieben steht: «Der Kanton Bern verfügt (voraussichtlich bis 2012): 50 % aller im Kanton Bern immatrikulierten Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor werden eingezogen. (In einem ersten Schritt nach Zufallsprinzip/Los).» Wer genau hinschaut, bemerkt überdies, dass der Berner Bär verkehrt rum läuft.

Den tatsächlichen Absender sucht man auf dem Blatt vergebenes, er ist aber rasch gefunden. Das Flugblatt wurde von Teilnehmern des Klimaworkshop-Festivals von vergangener Woche in Bätterkinden entworfen, allerdings «nicht offiziell», wie Reto Gasser auf Anfrage sagt. Der Teilnehmer des Festivals hat es zusammen mit anderen in einer Gruppe hergestellt und verteilt. Titel: «Verfügung der Kommission zur Emissionskontrolle des Kantons Bern (Ankündigung)». Diese Kommission gibt es nicht.

Die Aktion galt dem geplanten Gaskombikraftwerk in Utzenstorf, das die BKW FMB Energie AG und die Papierfabrik Utzenstorf bauen wollen. Um den dort zu erwartenden CO2-Ausstoss zu kompensieren, steht auf dem Flugblatt, «sind Zwangsmassnahmen nötig». Darum werde jedes zweite Auto eingezogen. «Trifft Sie das Los, werden Sie verpflichtet sein, innert vier Wochen nach Baubeginn des Kraftwerks (voraussichtlich im Herbst 2012) beim kantonalen Strassenverkehrsamt vorstellig zu werden.» So könne die Verschrottung eingeleitet werden.

«Wir wollen zeigen: Wenn wir jetzt nicht handeln, werden die Auswirkungen schlimmer sein, als dass man nur sein Auto verliert», sagt Gasser. «Dann verlieren wir die Lebensbedingungen.» Es gehe ihm allerdings nicht darum, das Autofahren schlecht zu machen - sondern darauf aufmerksam, dass das Kraftwerk soviel CO2 ausstosse wie alle Autos im Kanton zusammen. «Das sind Ausmasse, die jenseits sind von Klimaschutzbemühungen.»

800 Flugblätter wurden am Freitag und in der Nacht auf Samstag in Bätterkinden und Utzenstorf an Autos befestigt und in Briefkästen geworfen. «Wir wollen die Leute wachrütteln. Im ersten Moment soll es die Leute schockieren», sagt Gasser, «und später wird ja klar, dass es nicht echt ist.»

Zum Beispiel mit diesem Satz: «Die CO2-Bilanz des Kantons wird dadurch derart verschlechtert, dass die Behörden im Gespräch mit sechs weiteren Kantonen und der Regierung von Bangladesh sind, um gegnügend Fahrzeuge einzuziehen.»

Der Kanton Bern tut aber nichts. «Es ist natürlich ein klarer Missbrauch unseres Logos», sagt Mediensprecher François Burdet. «Der Kanton Bern kann sich nur klar distanzieren von Form und Inhalt.» Das Wirtschaftsamt Beco mit dem Immissionsschutz und die Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion seien informiert.

Der Kanton wolle allerdings nicht gegen den Missbrauch vorgehen, denn, so Burdet, «das Flugblatt ist klar satirisch». Kein Scherz auf dem Flugblatt ist der Hinweis auf die Demonstration (die am Samstag stattgefunden hat).

Auch Markus Schütte hatte daran teilgenommen. Er ist Präsident des Vereins Megagas, der sich ebenfalls gegen das geplante Kraftwerk einsetzt. «Wir würden so etwas nicht tun», sagt Schütte, dem missfällt, dass es den Anschein eines offiziellen Papiers macht. «Aber es ist als Gag zu verstehen und will die Leute zum denken anregen.»

Für «Beanstandungen» ist auf dem Flugblatt auch eine Telefonnummer angegeben; es ist jene der BKW, die zusammen mit der Papierfabrik Utzenstorf das Gaskraftwerk bauen will. Etwa fünf Personen hätten sich bis gestern Abend denn auch gemeldet, sagt BKW-Sprecher Sebastian Vogler. «Wir haben zu erklären versucht, dass da wohl Unfug getrieben wurde.»

Die BKW halte am Projekt fest - auch wenn die Einreichung des Baugesuchs wegen unklarer CO2-Rahmenbedinungen kürzlich verschoben wurde. «Und abgesehen davon, dass es ein paar Schreibfehler hat, können wir dieses Flugblatt nicht kommentieren.»

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