«Wir wollen den Menschen so viel Autonomie wie möglich lassen»

Immer mehr Patienten, immer kürzere Aufenthaltsdauern in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich: Wie geht das? Wulf Rössler, Vorsteher der medizinischen Direktion, forscht darüber.

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Matthias Scharrer

Herr Rössler, in der «NZZ am Sonntag» war zu lesen, dass die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (PUK) mehr in Richtung Forschung geht - zulasten des Therapieangebots. Stimmt das?
Wulf Rössler: Nein. Die PUK ist in der Schweiz die führende psychiatrische Forschungsinstitution. Das ist nichts Neues. Und die Forschung findet nicht zulasten von therapeutischen Ansprüchen statt. Stationär behandeln wir jährlich weit über 4000 Patienten und haben Zehntausende von ambulanten Konsultationen. Dafür haben wir einen Leistungsauftrag, und den erfüllen wir. Ein guter Teil unserer Forschung beschäftigt sich mit der Optimierung der Versorgung. Forschung und Praxis ist für uns kein Widerspruch.

Wulf Rössler Studierte Medizin und Psychologie und habilitierte 1991 an der Universität Heidelberg. Rössler ist Vorsteher des Medizinischen Direktoriums der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und dort seit 1996 Professor für klinische Psychiatrie.

Wulf Rössler Studierte Medizin und Psychologie und habilitierte 1991 an der Universität Heidelberg. Rössler ist Vorsteher des Medizinischen Direktoriums der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und dort seit 1996 Professor für klinische Psychiatrie.

Limmattaler Zeitung

Wie wollen Sie die Versorgung optimieren?
Rössler: Da gibt es verschiedene Ansätze. Viele der Menschen, die wir betreuen, sind schwer erkrankt. Uns geht es im Kern auch darum, dass wir diese Menschen wieder in die Gesellschaft eingliedern können. Der Umstand, dass jemand psychisch krank ist, bringt ein hohes Risiko mit sich, dass er seine Arbeitsstelle verliert. Eines unserer grössten Projekte beschäftigt sich mit der Frage: Wie bringen wir Menschen, die wir betreuen, wieder zurück auf den ersten Arbeitsmarkt? Ein anderes Projekt: Wie können wir verhindern, dass Menschen, die bei uns stationär aufgenommen werden, immer wieder stationär aufgenommen werden - und damit aus ihren sozialen Bezügen herausgerissen werden. Wie können wir verhindern, dass Leute zwangsweise zugewiesen werden, was ja ein erhebliches Problem der Psychiatrie ist. Im Kanton Zürich werden circa 28 Prozent der psychisch Kranken zwangsweise zur stationären Behandlung zugewiesen. Wir wollen auch verstehen, wie die Leute sich im Vorfeld der Psychiatrie behandeln lassen. Wir wollen Betroffene möglichst früh behandeln, bevor ihre Krankheit chronifiziert ist. All das versuchen wir gegenwärtig mit dem Zürcher Impulsprogramm zur nachhaltigen Entwicklung der Psychiatrie abzubilden.

Es geht also schwergewichtig darum, die Aufenthaltszeit in der Klinik zu verkürzen?
Rössler: Das ist auch ein Punkt. Jetzt kommt sicher gleich die Anschlussfrage, ob es dabei ums Sparen geht. Eines ist richtig: Der stationäre Aufenthalt ist die teuerste Versorgungsform, die wir haben. Aber das steht gar nicht so sehr im Mittelpunkt. Es gibt im Gesundheitswesen den Grundsatz: ambulant vor stationär. Medizinethisch steht dahinter die Überlegung, dass die Menschen, die medizinische Hilfe brauchen, möglichst wenig eingeschränkt werden sollen. Und eine stationäre Aufnahme ist ein massiver Eingriff in die Autonomie eines Menschen. Wir wollen den Menschen so viel Autonomie wie möglich lassen.

Gibt es vom Kanton Vorgaben bezüglich der Aufenthaltsdauer von Patienten in der PUK?
Rössler: Nein. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bei 30 Tagen, teilweise deutlich darunter. Aber es gibt keine Vorschrift vom Kanton, wie lange oder kurz Leute zu behandeln sind. Das wird sich vermutlich ändern, und zwar dann, wenn auch in der Psychiatrie die so genannten Fallpauschalen eingeführt werden. Dann wird nicht mehr jeder Tag einer stationären Behandlung abgegolten, sondern es heisst beispielsweise: Für die Behandlung einer Depression braucht man im Durchschnitt 30 Tage. Dementsprechend wird die Abgeltung pauschal festgelegt. Im Moment ist das aber nicht der Fall. Das Einzige, was uns unter Druck setzt, ist, dass wir in den letzten Jahren immer mehr Patienten stationär behandeln mussten. Deshalb sind die Aufenthaltsdauern kürzer geworden. Nicht, weil die Gesundheitsdirektion das festlegt, sondern weil wir einen Versorgungsauftrag haben, den wir erfüllen müssen.

Wann kommen die im Krankenversicherungsgesetz geforderten Fallpauschalen?
Rössler: Das ist unklar. In anderen medizinischen Bereichen läuft die Einführung schon. Es könnte gut sein, dass wir 2012 auch in der Psychiatrie damit konfrontiert sind.

Sie haben immer mehr Patienten. Warum?
Rössler: Gute Frage. Vermutlich gibt es nicht mehr psychisch Kranke als vor zehn Jahren. Ein Grund ist zum Beispiel, dass der Anteil alter Leute in der Bevölkerung zunimmt - und damit auch die Zahl der Demenzfälle. Auch bei den Substanzstörungen, beispielsweise durch Alkohol, gibt es eine echte Zunahme. Aber für viele andere Krankheitsbilder sind die Zahlen über Jahre hinweg relativ konstant geblieben. Es gibt beispielsweise keinen Anhaltspunkt dafür, dass es mehr Depressionen gibt. Aber die Hemmschwelle, psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist deutlich gesunken. Das ist einerseits erfreulich, weil die Psychiatrie offensichtlich nicht mehr so stigmatisierend wie früher ist. Aber die Kehrseite davon ist, dass wir immer mehr Leute behandeln müssen.

In Zahlen?
Rössler: In der PUK hatten wir seit 2000 einen jährlichen Zuwachs zwischen 5 und 10 Prozent. Erst in den letzten zwei Jahren ist der Zuwachs etwas abgeflacht.

Mehr Patienten, kürzere Aufenthaltsdauern: Wie geht das?
Rössler: Alles, was wir unseren Patienten anbieten, kommt aus dem Gesamtkatalog. Und zwar ambulant wie stationär. Aufgrund der kürzeren stationären Aufenthalte werden viele Patienten von uns ambulant nachbetreut. Natürlich bekommen bei uns viele Patienten Medikamente. Aber gleichermassen werden psychotherapeutische Methoden eingesetzt, und es werden soziotherapeutische Methoden eingesetzt. Ein Patient, der heute bei uns stationär behandelt wird, ist von morgens bis abends mit Therapien beschäftigt. Die Leute werden sehr intensiv betreut und behandelt, und zwar nicht nur pharmakologisch.

Wohin geht der Trend? Ist Psychotherapie auf dem absteigenden Ast?
Rössler: Nein, im Gegenteil. Die Psychotherapie hat sich verwissenschaftlicht. Auch Psychotherapeuten müssen heute belegen, dass das, was sie tun, auch wirkt. Viele Untersuchungen zeigen, dass die beste Wirkung mit einer Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie erzielt wird.

Heisst das, dass vermehrt Medikamente zum Einsatz kommen?
Rössler: Es gibt zwar eine Zunahme an Medikamente-Verschreibungen, aber nicht im Spital. Vor allem Hausärzte verschreiben mehr Psychopharmaka. Ob das immer gut ist, sei dahingestellt. Aber in Anbetracht der Zahlen psychisch Kranker bleibt gar nichts anderes übrig, als dass auch Allgemeinpraktiker in deren Behandlung eingeschaltet sind. Jeder Zweite hat im Laufe seines Lebens eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung. Es ist gut, wenn Hausärzte erste Anlaufstelle sind. Sie können leichtere Störungen behandeln, sollten aber an Spezialisten überweisen, wenn sie nicht weiterkommen.

Letzte Frage: Wie gross ist die Bedeutung der Pharmaindustrie bei der Finanzierung Ihrer Forschung?
Rössler: Bei uns in der PUK stammen die Drittmittel überwiegend aus Wissenschaftsstiftungen. Dort, wo ich Geld von der Pharmaindustrie habe, ist dieses Geld an keine Bedingungen geknüpft. Ich mache zum Beispiel keine Pharmastudien. Wir machen überhaupt sehr wenige Pharmastudien in der PUK. Das ist nicht unsere Kernkompetenz. Die Forschungsfragen, die wir entwickeln, kommen nicht von der Pharmaindustrie, sondern von uns. Nur ein ganz kleiner Teil der Drittmittel stammt von der Pharmaindustrie.

In Prozent?
Rössler: Vermutlich kommen weniger als fünf Prozent der Forschungsgelder, die ich habe, von der Pharmaindustrie.

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