Tiere

«Wir sehen noch Schlimmeres»

Marlies Widmer vom Aargauischen Tierschutzverein erklärt, warum man ein vernachlässigtes Tier nicht einfach mitnehmen könne.

Sabine Kuster

Die Bildnachricht am 6. 10. war als Mitteilung über die erfolgreiche Arbeit des Aargauischen Tierschutzvereins (ATS) anlässlich des Welttierschutztages gedacht. Das Bild zeigte einen Hund, der in seiner Hütte unter viel Abfall kaum noch zu sehen war. Doch viele Leser empörte nicht nur, wie der Hund gehalten wurde, sondern, dass der ATS den Hund dem Besitzer nicht sofort weggenommen hatte. «Ist das wirklich alles, was der ATS zu einem solch krassen Tierschutzfall beitragen kann?», fragte eine «masslos enttäuschte» Wettingerin in einem Leserbrief. «Wie schlecht muss es einem Tier gehen, bis es aus seinem Elend geholt wird?»

«Sind auf Kooperation angewiesen»

Marlies Widmer vom ATS, welche sich mit rund zwanzig heftigen Reaktionen konfrontiert sah, ist ihrerseits sehr enttäuscht. «Gerade jetzt, wo wir so viele Fälle wie noch nie lösen konnten, kriegen wir heftige Anschuldigungen», sagt sie und erklärt: «Wir sind eine privatrechtliche Organisation, wir können den Besitzern die Tiere nicht einfach wegnehmen.» Zuerst müssten sie jeweils ins Haus gelassen werden, sonst würden sie des Hausfriedensbruchs angeklagt - was übrigens ohnehin immer wieder vorkomme. «Wir sind auf die Kooperation der Halter angewiesen», betont Widmer.

Im Falle des oben genannten Hundes, beteuert der Besitzer noch immer, er hänge sehr an seinem Tier und wollte ihn deshalb, als der ATS Ende August vorbeikam, nicht weggeben. Inzwischen wurde der Besitzer zweimal besucht und es konnte erreicht werden, dass die Leine länger ist, die Garage geräumt und ein Teppich unterlegt wurde. «Aber wir sind noch nicht fertig und machen weiter Druck», sagt Widmer.

All dies bedeute für den Verein viel Arbeit, unterstreicht die Geschäftsführerin. Momentan sind rund 40 Fälle offen, an denen die drei halbehrenamtlichen Tierschutzbeauftragten des ATS arbeiten.

«Die Leute schauen weg»

Der Fall ist für den ATS vergleichsweise harmlos. Doch Marlies Widmer sagt: «Die Leute ertragen diese Bilder nicht. Dabei sehen wir regelmässig viel Schlimmeres, das mitten unter uns im Kanton geschieht. Nicht irgendwo im Ausland.»

Pferd stand 6 Monate im Stall

Sie erzählt von einem Pferd, das seit April und bis vor zwei Wochen nie auf der Weide war. Zuerst hatte es wegen einer Verletzung am Sprunggelenk zwei Wochen Stallruhe, doch dann besuchte die Besitzerin ihr Pferd nicht mehr und wandte sich ab. «Der Stallbesitzer wusste davon», sagt Widmer, «aber er tat nichts.» Auf eine Einladung des ATS erschien die Besitzerin nicht, wegen eines angeblichen Nervenzusammenbruchs. Nun hat der Vater versprochen, sich um das Pferd zu kümmern. Es darf wieder auf die Weide und wird langsam ans frische Gras gewöhnt. «Wir müssen uns vorerst auf das Versprechen des Vaters verlassen», sagt Widmer. «Es bringt nichts, alle Tiere sofort mitzunehmen.» Es gehe darum, die Besitzer aufzuklären, denn sonst passiere, was immer wieder vorkomme: Dass die Leute einfach neue Tiere anschaffen würden.

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