«Wir mussten den Tunern die Handbremse anziehen»

Tempoexzesse und «Burnouts» mit aufgemotzten Boliden: Die Raststätte Würenlos wurde zu einem Treffpunkt der Autotuning-Szene. Stephan Reinhardt, Kommandant der Kantonspolizei, zog am letzten Wochenende die Handbremse.

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Stephan Reinhardt

Stephan Reinhardt

Aargauer Zeitung

Michael Spillmann

Herr Reinhardt, ein grosser Anhänger der Autotuning-Szene scheinen Sie nicht zu sein.
Stephan Reinhardt: Das kann man so nicht sagen! Ein Gegner der Autotuning-Szene bin ich sicher nicht. Ich habe am Samstag ein paar schöne Autos gesehen, bei denen auch ich gut nachvollziehen konnte, warum jemand so viel Herzblut reinsteckt.

Jetzt kommt das Aber.
Reinhardt: Es geht uns nicht um die Ästethik oder um die einzelnen Autos, sondern um die Ansammlung, um das Ausmass und den Zeitpunkt. Konkret sind zwei Punkte zu beanstanden: Erstens die Besetzung des Areals mitten in der Nacht, welche - neben dem Lärm - anderen Besuchern die Nutzung der Raststätte beinahe verunmöglicht, und zweitens das Verhalten einzelner Lenker - die Geschwindigkeitsexzesse, die «Burnouts» sowie das unnötige und gefährliche Beschleunigen auf den Parkflächen. Wir mussten den Tunern die Handbremse anziehen.

War die Grosskontrolle in diesem Ausmass gerechtfertigt?
Reinhardt: Auf jeden Fall! Rund 230 getunte Autos mit je bis zu vier Fahrzeuginsassen wurden kontrolliert. Damit ist sie gerechtfertigt. Zuerst haben wir nicht genau gewusst, was auf uns zukommt. Es wäre durchaus möglich gewesen, dass die Szene gut vernetzt ist und die ersten zehn Kontrollierten die anderen benachrichtigen. Das war aber nicht der Fall. Wir schliessen daraus, dass die Autofahrer aus den verschiedenen Landesteilen zwar untereinander vernetzt sind, eine nationale Szene, die sich kennt, gibt es aber offenbar nicht.

In Würenlos trifft sich also keine homogene Szene?
Reinhardt: In der zeitlichen Abfolge konnten wir am Samstag zwei Hauptgruppen ausmachen: Am Anfang trafen viele Personen aus der Tuning-Szene ein, mit grossen, schweren, aufgemotzten Boliden. In den frühen Morgenstunden kamen immer mehr Partyrückkehrer. Auch diese hatten zwar teilweise schöne und schnelle Autos, aber nicht mehr in derselben Ausprägung.

Zur Person

Der 43-jährige Stephan Reinhardt wohnt in Aarau und ist seit rund einem Jahr Kommandant der Kantonspolizei Aargau. In Basel geboren, verbrachte er seine Kindheit als Sohn eines Geologen weitgehend im Ausland. Nach seiner Rückkehr studierte er Rechtswissenschaften und machte das Advokaturexamen. Nach einer Tätigkeit als Rechtskonsulent und Engagements beim VBS wechselte Reinhardt 2004 ins Bundesamt für Polizei, wo er zunächst als Stabschef der Bundeskriminalpolizei amtete, dann als Projektleiter für die Umsetzung der internationalen Polizeiabkommen. (spi)

In der Szene gilt die Kantonspolizei jetzt als Spielverderber.
Reinhardt: Die Polizei kann es nie allen recht machen und das ist auch nicht unsere Aufgabe. Wir wollen diese Ansammlung in Würenlos eindämmen. Die Forderung, das dortige Phänomen in den Griff zu bekommen, ist in den vergangenen Wochen zu Recht aufgekommen. Auslöser für die Grosskontrolle waren die jüngsten Exzesse, zu denen auch der Unfall auf dem Parkplatz gehört. Uns wurde klar: Wir haben die Situation lange genug im Auge behalten, jetzt ist eine erste Schwerpunktaktion nötig. Dass sich nicht alle darüber freuen werden, war uns bewusst.

Hätten Sie nicht schon früher eingreifen sollen?
Reinhardt: Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt stellt sich immer. Am Anfang wurden dort die getunten Autos nur vorgeführt, wogegen grundsätzlich auch nichts einzuwenden ist. Wenn sich 30 Autobegeisterte treffen, ist das noch kein sicherheitsrelevantes Problem. Aber bei Hunderten von Schaulustigen, welche die Autofahrer bei ihren «Burnouts» anfeuern, und wenn sogar Rennen auf der Autobahn veranstaltet werden, haben wir sehr wohl ein Problem.

Haben Sie sich die «Burnout»-Filme im Internet angeschaut?
Reinhardt: Natürlich habe ich ein paar der Filme angeschaut.

Und was ging Ihnen dabei durch den Kopf?
Reinhardt: Für mich sind das Verhaltensweisen, die zeigen, dass die Beteiligten offenbar ihre Grenzen ausloten wollen. Ich bin zwar kein Soziologe, auffällig ist jedoch, dass es sich beinahe ausschliesslich um junge Männer handelt, die sich behaupten wollen.

Haben Sie sich vor der Kontrolle einmal ein Bild gemacht in Würenlos?
Reinhardt: Ja, ich war mit einer zivilen Polizeipatrouille vor Ort. Das ist jedoch schon ein paar Monate her, wo das Treffen noch nicht das Ausmass der letzten Wochen angenommen hatte.

Wie haben die Autotuner am Samstag reagiert?
Reinhardt: Die Lenker, die wir angetroffen haben, waren in den meisten Fällen anständig. Über die Kontrolle gefreut hat sich sicher niemand, es gab ab und zu dumme Sprüche oder die Frage, wie es nun weitergehe. Trotzdem: Bei vielen war ein gewisses Verständnis da, eine Einsicht, dass das Ganze etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Der Polizei geht es nicht um die Stigmatisierung der ganzen Szene. Wir wollen die grosse Ansammlung sowie die gemeingefährlichen Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz verhindern.

Einige Tuner meinen jetzt, es habe die Falschen getroffen.
Reinhardt: Wenn wir alle kontrollierten Fahrer noch einmal fragen würden, wäre das Resultat klar: Jeder von ihnen war am letzten Wochenende zum ersten Mal auf der Raststätte. Für mich ist das eine etablierte Szene, die sich dort jeden Samstag trifft. Es hat mit Sicherheit nicht die Falschen getroffen.

Gab es von aussen Reaktionen?
Reinhardt: Ja, es gingen viele E-Mails bei uns ein. Die Zustimmung, dass wir reagiert und uns des Problems angenommen haben, ist gross. Der Einsatz wurde fast überall positiv aufgenommen.

Was macht die Polizei, wenn es wieder zu Exzessen kommt?
Reinhardt: Uns ist bewusst: Das Problem ist nicht mit einer einzigen Aktion aus der Welt zu schaffen. Wir werden mittels regelmässiger Kontrollen sowie mit abwechselnder Einsatztaktik punktuell und gezielt auf die Szene einwirken. Auch mit der normalen Patrouillenabdeckung legen wir einen Schwerpunkt auf das Gebiet um die Raststätte Würenlos.

Schön und gut: Die Szene sucht sich dann einfach einen anderen Treffpunkt.
Reinhardt: Wenn bei einigen die Einsicht reift, ein legales Tuning-Treffen zu besuchen, wäre das ein Fortschritt. Es gibt unzählige Alternativen - Vereine, Veranstaltungen und geschlossene Rennstrecken. Eine Verteilung der Szene wäre ein Erfolg. Die Raststätte Würenlos ist hierfür schlicht der falsche Treffpunkt. Eine Versammlung, wie sie dort entstanden ist, tolerieren wir insbesondere nach den jüngsten Exzessen nirgendwo im ganzen Kanton.

Sie sind also nicht generell gegen Autotuner-Treffs?
Reinhardt: Nein! Es brauchte eine Alternative, bei welcher es zu einer Linderung für die Raststätte Würenlos kommt. Nochmals: Wir wollen nicht Autoliebhaber kriminalisieren. Es geht darum, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen und die Sicherheit zu gewährleisten.

Gerade das Verbotene macht doch den «Kick» aus?
Reinhardt: Das kann ich nicht genau sagen. Aber sicher, den einen oder anderen stimuliert das wahrscheinlich. Doch man kann seine Wünsche nun mal nicht grenzenlos auf Kosten anderer ausleben.

Sie könnten hoffen, dass sich der Treff in einen anderen Kanton verschiebt?
Reinhart: Wir sind zwar für die Sicherheit in unserem Kanton zuständig. In diesem Bereich gibt es aber kein Konkurrenzdenken unter den Polizeikorps.

Schafft es die Polizei, in Würenlos für Ruhe zu sorgen?
Reinhardt: Wenn wir die Autotuner sensibilisieren können, das Treffen auf ein erträgliches Minimum zu reduzieren, und es uns gelingt, die Verkehrsrowdys aus dem Verkehr zu ziehen, dann ja.