«Wir müssen vernünftig bleiben»

Der Kanton Bern wappnet sich für die Schweinegrippe. Aber niemand weiss, wie sich die Pandemie hier entwickelt. Darum wollen sich die Verantwortlichen mit Wachsamkeit und Vernunft vorbereiten.

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Solothurner Zeitung

Johannes Reichen

Bisher sind im Kanton Bern 45 Personen mit dem Schweinegrippe-Virus infiziert worden. «Wir haben also nur wenig Fälle», sagt der stellvertretende Kantonsarzt Thomas Schochat. Bei diesen registrierten Fällen handelt es sich ausschliesslich um leichte Fälle - wie es beim Virus A(H1N1) normalerweise der Fall ist.

«Der klinische Verlauf ist nicht besonders schwerwiegend und unterscheidet sich kaum von einer saisonalen Grippe», sagt Schochat. Nach zwei, drei Tagen mit Grippesymptomen geht es meistens vorbei. In der gesamten Schweiz wurden bisher 423 Fälle gezählt. Der wesentliche Unterschied zur saisonalen Grippe besteht für Schochat darin, das vor allem Kinder und Jugendliche zur Risikogruppe gehören.

Auch der Kantonsarzt-Stellvertreter spricht von «Panikmache», wenn er die öffentliche Diskussion zur Schweinegrippe beschreibt. Nur geht es nicht nur darum, was ist, sondern darum, was noch kommen kann. Und deshalb sei Wachsamkeit angebracht, weil sich die Zahl der Infizierten «um ein Vielfaches vergrössern könnte». Möglicherweise gibt es im Herbst hunderttausende Infizierte in der Schweiz. Möglicherweise nicht.

Pandemieplan wird angepasst

Massgebend bei der Pandemiebewältigung in der Schweiz ist das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die oberste Verantwortung im Kanton liegt beim Kantonalen Führungsorgan, angesiedelt im Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär. Von dieser Seite gab es gestern keine Auskunft - bald werde die Öffentlichkeit informiert, hiess es.

Gemäss den Vorgaben des BAG wurde im Kanton ein Pandemieplan entwickelt. Der aktuelle Stand datiert vom April 2008 und wurde «vor dem Hintergrund der Vogelgrippe entwickelt», so Schochat. Dieses Virus sei aggressiver als das Schweinegrippe-Virus. «Der Pandemieplan berücksichtigt jedoch nicht, wie schwerwiegend eine Krankheit ist.»

Darum müsse dieser Plan angepasst werden. «Wir müssen vernünftig bleiben», sagt Schochat. Schulschliessungen, wie im Plan vorgesehen, seien bei der Schweinegrippe kaum nötig. Und Schutzmasken hält er ebensowenig für angebracht. «Das bringt nichts und macht nur die Leute verrückt.»

Impfzentren wären vorbereitet

Hypothesen bestimmen die Planung, zum Beispiel, wenn es um Impfzentren geht. Im Rahmen der Planung für die Verabreichung des Präpandemieimpfstoffes (H5N1) ist ein Konzept für den Kanton mit 52 Zentren vorgesehen. Im schlimmsten Fall könnte dieses Konzept für die Verabreichung des Impfstoffes gegen das Schweinegrippe-Virus aktiviert werden.

Es ist aber auch möglich, dass die Impfungen wie bei einer saisonalen Grippe von Haus- und Spitalärzten verabreicht werden können. «Wir haben noch ein paar technische und logistische Probleme zu lösen», sagt Kantonsapotheker Samuel Steiner. «Aber wir sind vorbereitet.» Auf die zentrale Frage, ab wann und ob rechtzeitig ein Impfstoff verfügbar ist, gibt es derzeit aber keine verbindlichen Antworten. Ab frühestens September könne mit einer Lieferung des Impfstoffes durch einen der beiden Hersteller gerechnet werden, so Steiner.

Bei Bedarf geht es schnell

Gemäss derzeitigem Impfkonzept könnten innert zwei Wochen alle 950 000 Einwohner des Kantons geimpft werden. Soweit wird es allerdings kaum kommen. Sicher ist, dass bei einer Aktion zuerst Personen, die im Gesundheitswesen arbeiten, geimpft würden. Gemäss Steiner wären dies 30 000 bis 50 000 Personen. Danach wären Risikopatienten an der Reihe, schliesslich die breite Bevölkerung.

Soweit ist es angesichts der bekannten 45 Fälle nicht. Diese Meldungen werden beim Kantonsarztamt erfasst und ausgewertet. Da wird ersichtlich, ob es Häufungen gibt - wie etwa vor zwei Wochen in einem Ferienlager in Saanen. Die sechs erkrankten Kinder wurden isoliert. «So konnten wir erreichen», so Thomas Schochat, «dass das Virus nicht weitergegangen ist.»

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