Bertrand Piccard
«Wir müssen dazu gezwungen werden»

Es gibt für uns Menschen auf dem Blauen Planeten eine Zukunft. Aber wir müssen handeln. Jetzt, sofort. Für das Klima, für die Nachhaltigkeit. Das ist die Kernbotschaft Bertrand Piccards. Mit seinem Solarflugzeug will er beweisen, dass nichts unmöglich ist. Und die Regierungen zum Handeln bewegen. In diesen Tagen startet der Prototyp auf dem Flugplatz Dübendorf zu ersten Testflügen.

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Limmattaler Zeitung

Interview Michael Schoenenberger

Bertrand Piccard, mit welchen Pionierleistungen der Fluggeschichte würden Sie das Solarflugzeug vergleichen?

Bertrand Piccard: Unser Projekt ist vergleichbar mit allen Premieren der Fluggeschichte, die etwas vermeintlich Unmögliches möglich gemacht haben. So zum Beispiel mit den ersten Flugversuchen der Brüder Wright in Kitty Hawk oder mit dem ersten Flug über den Atlantik von Charles Lindbergh 1927.

Übertreiben Sie nicht?

Piccard: Nein. Wir müssen etwas völlig Neues entwickeln, ein Fluggerät, das ohne Treibstoff abheben und fliegen kann. Nie zuvor ist ein derart grosses und leichtes Flugzeug gebaut worden. Die Flügelspannweite ist mit 63,4 Metern enorm. Es ist ein total neues Fluggebiet.

Bertrand Piccard

Der Waadtländer (51) gehört zu den letzten grossen Abenteurern unserer Zeit. Inspiriert von seinem Grossvater Auguste Piccard und seinem Vater Jacques, aber auch von Jules Verne, gelang ihm 1999 die erste Ballonfahrt um die Welt mit dem Breitling Orbiter 3. Mit dem Projekt «Solar Impulse» hat sich der Arzt ein neues Ziel gesteckt: ohne Treibstoff, nur mit der Sonnenenergie, um die Welt zu fliegen. Mit seiner Stiftung «Winds of Hope» unterstützt Piccard Hilfsorganisationen, die gegen wenig bekannte Krankheiten kämpfen. Piccard ist verheiratet und Vater von drei Kindern. (msc)

Diesen Monat beginnen Sie mit den ersten Testläufen auf dem Rollfeld in Dübendorf. Was erwarten Sie?

Piccard: Wenn unsere Berechnungen stimmen, sollte wenig oder gar nichts schief gehen. Wir werden zuerst auf der Piste rollen, dann für mehrere Meter abheben. Geflogen wird noch nicht mit Sonnenenergie, sondern es geht zuerst darum, das Material und die Flugeigenschaften zu testen. Unser Solarflugzeug wird mit rund 40 Stundenkilometern bereits fliegen.

Kennen Sie Angstgefühle?

Piccard: Es gibt zwei Arten von Angst. Die unnötige Angst ist jene vor dem Unbekannten oder vor dem Scheitern. Diese Angst will ich vermeiden. Und es gibt die nützliche Angst, jene vor wirklich gefährlichen Situationen. Diese Angst ist eine Lebensversicherung. Sie zwingt dazu, sich gut vorzubereiten.

War Ihre Ballonfahrt gefährlicher als der Flug mit dem Solarflugzeug?

Piccard: Ich würde sagen Ja. Der Ballon wurde aufgeblasen - und dann sind wir gestartet. Wir konnten nichts prüfen. Das Solarprojekt geht Schritt für Schritt vorwärts.

Heisst das auch, dass die Ballonfahrt insgesamt schwieriger war?

Piccard: Im Gegenteil. Die Realisation von «Solar Impulse» ist viel schwieriger.

Ihr Vater und Ihr Grossvater waren weltbekannte Entdecker. Wie schwierig ist es für Sie, in diese Familie hineingeboren worden zu sein?

Piccard: Es ist eine grosse Stimulation. Aber natürlich nicht immer einfach. Wenn alles gut läuft, führen das die Leute auf die Familientradition zurück. Misslingt etwas, dann heisst es: Er ist halt nicht so gut wie sein Vater und Grossvater!

Kennen Sie den Zwang, Pionierleistungen erbringen zu müssen?

Piccard: Mein Vater hat mich nicht in diese Richtung gestossen oder gezwungen. Aber mein Vater und Grossvater haben mir eine sehr interessante Seite des Lebens gezeigt. Es ging immer um Forschung, um Entdeckung, um das Öffnen von neuen Türen. Ich habe gelernt, weiter zu gehen, als man es gemeinhin für möglich hält.

Ist es ein Ziel von Ihnen, Vater und Grossvater zu überbieten?

Piccard: Nein, denn es geht in unserer Familie nicht um Rekorde. Es geht nur darum, Dinge zu realisieren, die noch niemand gewagt hat. Mein Grossvater war der Erste in der Stratosphäre, mein Vater der Erste auf dem absoluten Meerestiefpunkt. Es wäre sinnlos, noch tiefer gehen zu wollen. Sie hätten das Projekt «Solar Impulse» sehr gemocht, weil es um Technologie und Umweltschutz geht. Ich will sie also nicht überbieten, sondern ihre Arbeit auf andere Art und Weise fortsetzen.

Glauben Sie an Gott?

Piccard: Ich glaube an einen Gott, der die Welt und die Menschen erschaffen hat. Ich glaube aber nicht an jenen Gott, den die Menschen sich erdacht haben.

Die Welt ist also nicht zufällig so, wie sie heute ist?

Piccard: Natürlich nicht. Ich glaube wirklich, dass es eine Instanz gibt, die über uns steht. Mit den von den Menschen erdachten Religionen kann ich aber nichts anfangen. Zu häufig sind sie dazu da, um den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen, statt dem Leben eine spirituelle Dimension zu geben.

Ich stelle diese Frage, weil es Ihnen mit «Solar Impulse» offenkundig um mehr als die Pionierleistung geht. Mit Ihrem Einsatz für erneuerbare Energien sind Sie auf einer Mission.

Piccard: «Solar Impulse» ist viel mehr als ein Flugzeug. Es ist für mein ganzes Team eine Botschaft, eine Geisteshaltung. Es gibt zu viele Menschen, die zu viel Pessimismus in die Welt bringen. Wir wollen optimistische Lösungen bringen. Wir möchten die Leute für die erneuerbaren Energien begeistern. In diesem Sinn ist «Solar Impulse» ein humanistisches Projekt. Das hat nichts mit Mission oder Religion zu tun. Wenn wir ganz ohne Treibstoff um die Welt fliegen können, dann ist das wirklich eine Demonstration, dass in Häusern, in Autos und in der Industrie das Gleiche getan werden kann. Unter diesem bestimmten Blickwinkel ist es auch ein politisches Projekt. Wir wollen die Regierungen ermutigen, sich dafür einzusetzen.

Ermutigen wozu? Sie wissen genau, dass die erneuerbaren Energien den gesamten Energiebedarf nicht werden abdecken können.

Piccard: Die erneuerbaren Energien können nicht den ganzen Bedarf abdecken, wenn wir weiterhin soviel Energie wie heute verschwenden. Als Erstes müssen wir jene neuen Technologien anwenden, die es uns erlauben, den enormen Anteil an fossiler Energie zu reduzieren. Dann könnten bald auch die erneuerbaren Energien ausreichen. Wenn wir jetzt nicht auf erneuerbare Energien setzen, sondern so weitermachen wie bisher, dann werden wir eine dramatische Krise haben, die nicht nur die Natur betrifft.

Sie haben Fahrer von Offroad-Autos einmal als Dummköpfe bezeichnet.

Piccard: Nicht alle! Ich habe gesagt, es sei dumm, einen Wagen zu fahren, der mehr als 10 Liter auf 100 Kilometer verbraucht. Wissen Sie warum? Weil wir die alternative, neue, bessere Technologie kennen. Ein Porsche Cayenne verkörpert für mich eine alte Technologie. Leute, die ein solches Auto fahren, haben noch nicht verstanden, dass es Technologien gibt, die uns erlauben, den gleichen Spass zu haben, aber mit der Hälfte des Treibstoffverbrauchs, zum Beispiel mit Hybridmotoren. Leute, die alte Technologien brauchen, schaden nicht nur der Natur. Sie beschädigen auch das Potenzial des menschlichen Geistes, weil sie die neuesten Erfindungen nicht benützen. Es sind Leute der Vergangenheit, nicht Leute der Zukunft.

Die Dummen sind im Grunde jene, die diese technologiefeindlichen Autos überhaupt erst bauen, nicht?

Piccard: Die schlimmsten Leute sind jene, die keine Gesetze erlassen, die die alten Technologien verbieten würden. Deshalb brauchen wir eine Reaktion der Regierungen! Wie müssen zur Verwendung neuer Technologien gezwungen werden.

Keine freiheitliche Ordnung mehr im Energiebereich und bei der Mobilität?

Piccard: Der freie Markt existiert nur, bis die Krise kommt. Wenn wir in diesem Bereich allen die Freiheit lassen, wird die Krise sehr dramatisch sein. Sie wird unsere Industrie und unsere Gesellschaft zerstören. Was passiert, wenn 200 Millionen Menschen aus Asien nach Europa kommen, weil ihr Land unter Wasser steht? Was passiert, wenn ein Fass Rohöl 300 Dollar kosten wird? Die Massnahmen sind also nicht einfach nur Naturschutz. Nein, es geht um unseren Lebensstandard, um unsere Sicherheit, um unsere Jobs.

Glauben Sie nicht, Sie malen da viel zu schwarz?

Piccard: Überhaupt nicht. Wenn wir nicht unabhängig vom Öl werden, bevor der Ölpreis steigt, werden wir während einer längeren Zeitspanne schlicht keine billige Energie haben. Das wird unsere Wirtschaft zerstören, eine katastrophale Arbeitslosigkeit zur Folge haben. Meiner Ansicht nach könnte sich die Energiesituation bereits in einigen Jahren zuspitzen.

Die Vorschriften sollen wir in Kauf nehmen, obwohl das mit dem Klimawandel so eindeutig nicht erwiesen ist?

Piccard: Ich bitte Sie: hätten wir es mit einer normalen Veränderung des Klimas zu tun, wie sie in der Weltgeschichte auch schon vorgekommen ist, ginge alles viel langsamer. Es wird so dramatisch schnell wärmer, dass wir keine Zeit haben, uns über eine längere Zeit zu adaptieren. Wir müssen handeln, jetzt.

Sie wissen, dass Regulierungen keine politische Mehrheit finden werden.

Piccard: Es braucht Regulierungen - sie werden allen Parteien etwas bringen. Es geht nicht um links oder rechts. Die Grünen hätten etwas für die Umwelt getan, die Bürgerlichen könnten Arbeitsplätze schaffen. Wenn der Ölpreis massiv steigt, wird die Kaufkraft sinken. Für Konsumgüter, für Reisen und für manch anderes wird kein Geld mehr im Portemonnaie bleiben. Können Sie sich vorstellen, wie viele Aufträge für die Wirtschaft geschaffen werden, wenn alle Häuser in der Schweiz neu isoliert werden müssen, wenn alle neue Heizungssysteme brauchen, wenn Kraftwerke für erneuerbare Energien gebaut werden müssen? Das wäre ein «New Deal» für die Wirtschaft.

Wobei ja staatliche Vorschriften, die Investitionen auslösen, kaum eine nachhaltige Beschäftigung generieren.

Piccard: Das ist gar nicht wahr! Es gibt Gesetze, die sind nötig und wichtig, damit eine Gesellschaft gut zusammenleben und überleben kann. Warum ist es nicht erlaubt, den Abfallsack in den Wald zu werfen? Warum aber ist es noch erlaubt, Treibstoff zu verbrennen, und nichts zu zahlen für die Konsequenzen, die das CO2 in der Umwelt verursacht? Das ist nicht normal. Deshalb sage ich: Die Umweltkosten müssen beim Kaufpreis eines jeden Produkts mitberechnet werden. Das wird die Gesellschaft zwingen, weniger Energie zu verschwenden, und gleichzeitig unsere Wirtschaft und unseren Planeten retten.