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«Wir hatten Angst, sie nehmen uns die Kinder weg»

Heute findet der 10. Nationale Aktionstag für Menschen mit Alkoholproblemen statt. Der Partner einer Alkoholsüchtigen erzählt.

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Alkohol

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Keystone

Tim (Name geändert, Anm. d. Red.), Sie waren in der Vergangenheit mit dem Thema Alkoholismus konfrontiert. Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Ihre Lebenspartnerin ein Alkoholproblem hat? Wie hat sich das Alkoholproblem geäussert?

Tim: Wir hatten sehr oft Streit. Das brachte ich aber am Anfang nicht mit dem Alkohol in Verbindung. Ich sprach sie in dieser Zeit eher naiv auf das Problem an und wollte selbst nicht wahrhaben, dass ich bemerkte, dass der Alkohol zum Problem wurde. Sie trank heimlich. Den Beweis, dass meine Partnerin süchtig war, bekam ich während ihrer Schwangerschaft. Sie trank weiter, obwohl sie dem Baby im Bauch damit schadete. Auch Gewalt wurde zum Thema, wir sind beide ausfällig geworden. Wenn ich die versteckten Alkoholreserven entdeckte, habe ich die Flaschen ausgeschüttet. Ich kontrollierte meine Frau und wurde hochsensibel auf bestimmte Anzeichen, die mir über ihren Gemütszustand Auskunft gaben. Den Ernst der Lage wollte ich nicht wahrhaben und versuchte, gegen aussen den Schein des harmonischen Familienlebens zu wahren.

Wie sind Sie mit Ihrer Partnerin und mit der Krankheit umgegangen?

Tim: Ich fühlte mich extrem verzweifelt und dachte‚ so kann es nicht weitergehen. Meine Partnerin und ich hatten auch Angst, uns würden die Kinder weggenommen. Oft bügelte ich Situationen für meine Partnerin aus. Gleichzeitig gefiel ich mir in der Rolle des verantwortungsbewussten Ehemanns und Vaters. Ich dachte lange, das Problem sei erledigt, wenn sie nur weniger trinken würde. Damals sah ich die Situation sehr polarisierend: Ich bin der Gute und sie ist die Böse. In dieser Zeit lag der ganze Fokus auf meiner Partnerin und ihrem Problem mit dem Alkohol. Oft traute ich meiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr.

Wie geht es Ihnen heute?

Tim: Mir und meiner Familie geht es gut. Meine Frau ist heute trocken. Ich versuche, meine Gefühle besser zu unterscheiden zwischen meiner Partnerin und zwischen ihrem Krankheitsbild. Wir haben heute noch Auseinandersetzungen, aber konstruktiv. Die leeren Drohungen bleiben aus.

Was hat sich geändert, nachdem Sie Al-Anon kennen gelernt haben?

Tim: Für die Familienkrankheit Alkoholismus habe ich heute ein tieferes Verständnis erlangt: Es ist keine Frage des Willens, sondern des Muts. Heute weiss ich, dass ich nicht allein bin mit dieser Situation. Es fällt mir leichter, meine Probleme zu trennen von Dingen, die mich nichts angehen. Ich fühle mich nicht mehr ohnmächtig, weniger schuldig, handle konsequenter und hoffentlich respektvoller meiner Partnerin gegenüber. Dass unsere Kinder mitgelitten haben, das finde ich schlimm.

Was empfehlen Sie Menschen, die im Alltag als Angehörige mit dem Thema Alkoholismus konfrontiert sind?

Tim: Ich empfehle, sie sollen sich Hilfe holen und ehrlich sein mit sich selbst. Machtlos sein ist nicht das Gleiche wie hilflos sein. Für mich war es wichtig loslassen zu lernen.

Hotline: 0848 848 885
http://www.anonyme-alkoholiker.ch
http://www.al-anon.ch

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