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«Wir haben ganz Whistler gerockt»

* FOTO: SVEN THOMANN, 13.2.2010, WHISTLER (CAN): OLYMPISCHE WINTERSPIELE VANCOUVER 2010, SKISPRINGEN KLEINE SCHANZE. OLYMPIASIEGER SIMON AMMANN (SUI) FEIERT SEINE GOLDMEDAILLE IM HOUSE OF SWITZERLAND.

«Wir haben ganz Whistler gerockt»

* FOTO: SVEN THOMANN, 13.2.2010, WHISTLER (CAN): OLYMPISCHE WINTERSPIELE VANCOUVER 2010, SKISPRINGEN KLEINE SCHANZE. OLYMPIASIEGER SIMON AMMANN (SUI) FEIERT SEINE GOLDMEDAILLE IM HOUSE OF SWITZERLAND.

Nadine Broch (20) aus Beinwil verbringt ein Auslandjahr in Whistler, Kanada, und hat mit Gold-Simi gefeiert

Irena Jurinak

Nadine Brochs Stimme klingt ein bisschen kratzig. An der Technik liegt es nicht – die Telefonverbindung zwischen der Schweiz und Whistler, Kanada über das Internet-Telefon Skype ist einwandfrei. Nein, die 20-jährige Beinwilerin ist vom vielen «Hopp Schwiiz»-Rufen heiser. In der Schweiz ist es 17.15 Uhr, bei Nadine in Whistler erst 8.15 Uhr.

Sie waren dabei, als unser GoldSimi seine erste Medaille holte. Was war in Whistler los?

Nadine Broch: Wir haben ganz Whistler gerockt, wir sind durchs Dorf gezogen, die Strassen waren überfüllt. Es war unvorstellbar. Wir waren 15 bis 20 Leute, ausgerüstet mit Schweizer Fahnen und Kuhglocken. Alle zwei Meter wurden wir fotografiert. Die Leute sind aus den Läden gesprungen und wir mussten überall Handschläge geben und Fragen beantworten. Am nächsten Tag war ich heiser.

Was wollten die Leute von Ihnen wissen?

Broch: Sie fragten, woher wir kommen, sehr viele haben uns gratuliert und gesagt: «Wow, ihr habt schon wieder eine Medaille.» Sie fragten uns auch über die Skigebiete in der Schweiz aus, wo man am besten Ski fahren gehen kann und wie es dort ist.

Sie sind selber in Whistler oft auf der Piste. Was ist anders?

Broch: Der Après-Ski ist in der Schweiz viel besser, in Whistler kennt man das weniger. Hier geht man nach dem Skifahren in einer Bar etwas trinken, die Stimmung ist nicht so ausgelassen wie in der Schweiz. Auch das Wetter ist nicht so gut, wie viele in der Schweiz meinen. Während der Olympiade war es oft schön. Aber normalerweise ist hier einer von zehn Tagen schön. Ansonsten ist es neblig und schneit.

Sind Sie wegen der Olympiade nach Kanada gekommen?

Broch: Ursprünglich nicht. Ich träumte immer davon, eine Zeit lang ins Ausland zu gehen, eigentlich hat mich Australien gereizt. Dann stiess ich im Internet auf die Möglichkeit von Sprachschule, kombiniert mit einem Praktikum an den Olympischen Spielen. Vorher habe ich nicht mal gewusst, dass Whistler existiert.

Wie viel haben Sie von den Spielen mitbekommen?

Broch: Wir haben sehr viel gesehen, hatten Tickets für das Eishockey-Spiel der Schweizer gegen Norwegen in Vancouver, für die Ski Kombination und viele andere Disziplinen. Wenn ein Schweizer eine Medaille gewonnen hat, gingen wir immer an die Siegerehrung, hörten uns die Bands an, die dort spielten und feierten. Danach trugen wir die Sportler auf den Schultern zum House of Switzerland, wo sie Interviews und Autogramme gaben.

Waren Sie da stolz darauf, Schweizerin zu sein?

Broch:Ja klar. Wir waren immer sehr stolz, und wenn wir wussten, dass jemand von den Schweizern am Start ist, zeigten wir das auch.

Wie kamen die Schweizer bei den anderen Nationen an?

Broch:Sehr gut, wir sassen zu zwölft in einem Restaurant, als Janka und Ammann ihre Medaillen geholt haben und ein paar Leute im Lokal haben uns sechs Pitcher Bier – das sind 1,89 Liter pro Krug – spendiert. Sie gönnen uns die Siege. Man kennt das hier nicht, dass man die eigenen Sportler so anfeuert. Wir Schweizer feuerten unsere Landsleute am lautesten an mit unseren «Hopp Schwiiz»-Rufen.

Was wussten die Leute denn über die Schweizer?

Broch: Schoggi, Käse, Berge und Jodeln waren immer ein Thema. Im House of Switzerland in Whistler gab es eben auch typisch schweizerisches Essen: Raclette und Fondue und Bratwurst.

Was ist das Exotischste, das Sie in Whistler gesehen haben?

Broch: Das Jamaican Bobsleigh House ist sicher das Aussergewöhnlichste, Jamaica hat, soweit ich weiss, nur einen Athleten. Und viele von denen, die hier ein Praktikum machen, sind nur hier, weil sie noch nie Schnee gesehen haben. Als es zum ersten Mal geschneit hat, sah ich Südafrikaner und Australier, die draussen im Schnee tanzten. Am Anfang wollten sie auch alle auf die Piste, überall waren Anfänger unterwegs.

Vermissen Sie etwas?

Broch: Das Essen. (lacht) Meine Familie und Freunde natürlich auch, aber ich weiss, dass ich sie bald wieder sehe, meine Mutter kommt mich bald besuchen. Meinen Hund Chaya und meine Katze Shiva vermisse ich auch sehr. Aber ich fühle mich sehr wohl hier. Meine Schweizer Freunde halten mich immer auf dem Laufenden und ich bin informiert, das ist fast, als wäre ich zu Hause.

Bringen Sie von der Olympiade etwas mit?

Broch:Bis jetzt habe ich keine Souvenirs gekauft. Vor den Souvenirläden mit Olympiasachen standen die Leute regelmässig Schlange. Die roten Handschuhe mit den weissen Ahornblättern waren regelmässig ausverkauft. Wenn eine neue Lieferung Handschuhe kam, standen die Touristen eine Stunde vor Ladenöffnung bereits Schlange. Es gab auch unglaublich doofe Souvenirs, das kann man sich gar nicht vorstellen.

Was wollten die Daheimgebliebenen von Ihnen wissen?

Broch: Sie fragten vor allem: «Wen hast du schon gesehen, von wem hast du ein Autogramm, was hast du alles gesehen?» Bevor die Olympiade begonnen hatte, telefonierte ich alle zwei Wochen mit meiner Familie. Aber während der Spiele war ich praktisch nie zu Hause, sondern immer unterwegs, weil ich nichts verpassen wollte. Ich erlebte das nur einmal. So nah an einer Olympiade werde ich nie mehr dabei sein. Man konnte so viel erleben.

Gingen Ihnen die vielen Menschen manchmal auch auf die Nerven?

Broch: Es war sicher nicht nur schön, dass es so viele Leute hatte. Die Läden waren überfüllt, wenn wir Lebensmittel einkaufen wollten, war das unglaublich anstrengend, überall musste man Schlange stehen. Man zahlte auch überall Eintritt während der Olympiade und das Kino war plötzlich teurer. Ich habe es trotzdem genossen.

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