Spreitenbach
«Wir brauchen nur unsere Wohnwagen»

Obwohl die Familie Gerzner in Spreitenbach Wurzeln geschlagen hat, will sie nicht sesshaft werden.

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Fahrende

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Limmattaler Zeitung

Maja Sommerhalder

Viel los ist nicht auf dem Spreitenbacher Standplatz für Fahrende an diesem Morgen. Ein Hund bellt, Autos stehen herum, die fünf Holzbaracken sind mit Weihnachtsschmuck dekoriert. 17 Fahrende leben auf dem Platz, der an eine Schrebergartenanlage erinnert. Die meisten wohnen nur in den Wintermonaten in den Häuschen, im Sommer ziehen sie mit ihren Wohnwagen durch das ganze Land. Trotzdem ist der Standplatz Spreitenbach, der im Kanton einzigartig ist, ihre ganzjährige Basis.

Eine Tür geht auf, eine Frau mit dunklen Augen und brauner Haarpracht betritt den Platz. «Tut mir leid, es sind nicht viele da. Die meisten von uns arbeiten», sagt Marie-Madeleine Blazevic. Ob es denn nicht möglich wäre mit jemandem zu reden, fragt die Journalistin und erklärt ihr, dass sie die Lebensweise der Fahrenden kennen lernen will. Einen Moment zögert die Frau, doch dann zückt sie ihr Handy. «Ich muss meine Schwägerin anrufen. Sie ist für die Presse zuständig. Zehn Minuten später fährt ein Auto vor, eine schlanke blonde Frau steigt aus.

Im Winter schlagen sie Wurzeln

«Unser Leben ist nicht aussergewöhnlich. Ich kann nur sagen, dass es uns in Spreitenbach sehr gut gefällt», sagt Margrit Gerzner: «Wir haben jahrelang um diesen Platz gekämpft. Jetzt möchten wir hier nicht mehr weg. Ich habe in Spreitenbach Wurzeln geschlagen.» Eine Fahrende, die Wurzeln schlägt? «Das gilt nur für den Winter. Sonst sind wir natürlich unterwegs. Ich freue mich schon jetzt», sagt die 41-Jährige und lacht.

Seit 22 Jahren lebt Margrit Gerzner in Spreitenbach - eine bewegte Zeit: «Das ist jetzt unser vierter Platz im Dorf.» Jahrelang rang die Familie um eine Bleibe; der Fall beschäftigte sogar das Obergericht. «Bauvorhaben haben uns immer wieder vertrieben.» Die Behörden hätten sich stets bemüht, eine andere Lösung zu finden. Seit drei Jahren leben sie nun in der Nähe der Zweifel-Fabrik, der Standplatz ist aber bis März 2010 befristet. Dies soll sich ändern; der Kanton will ihn im Richtplan verankern. «Das ist eine gute Nachricht. Ich wünsche mir so sehr, dass wir nicht wegziehen müssen», sagt sie.

«Wir sind typische Schweizer»

Wasser, Strom, Internet und eine Kanalisation: Das alles steht den Fahrenden in Spreitenbach zur Verfügung. «Wir leben aber nicht gratis. Wir zahlen Miete, Steuern und Krankenkassenprämie», sagt Margrit Gerzner und betritt ihr Reich. Tipptopp aufgeräumt ist das geräumige Wohnzimmer mit der eingebauten Küche - im Cheminée flackert ein Feuer, auf dem Tisch steht ein Adventskranz. «Wir feiern Weihnachten wie andere auch. Schliesslich sind wir typische Schweizer.»
Schon ihre Vorfahren zogen mit Pferd und Holzwagen durch die Gegend. Als Kind verbrachte Gerzner den Sommer in einem Wohnwagen, im Winter ging sie in die Schule. «Ich konnte mir nie etwas anderes vorstellen.» Dieses Leben bedeutet für sie Freiheit und Naturverbundenheit. «Wenn wir im Frühling wieder mit unseren Wohnwagen losziehen, fühle ich mich wie ein Vogel, der aus dem Käfig gelassen wird.»

Doch diese Freiheit bedeutet auch Hürde und Bürde: «Es gibt viel zu wenig Durchgangsplätze, wo wir unsere Wohnwagen hinstellen können.» So kam es schon vor, dass sie ihre Wohnwagen auf einem Parkplatz stehen lassen mussten. Hilfe verspricht wieder der Kanton Aargau, der fünf Halteplätze im Richtplan verankern will. Zusätzlich sollen vier weitere dazugewonnen werden. Für Margrit Gerzner eine grosse Erleichterung, die von den Gemeinden nicht selten zu hören bekommt, dass man eben keinen Platz habe: «Ich bin aber überzeugt, dass man uns eine Ecke zur Verfügung stellen könnte, wenn man wollte.» Vorurteile hätten noch immer viele. «Sie glauben, dass wir klauen. Dabei kommen die kriminellen Fahrenden aus dem Ausland.»

Auch die sechs Kinder von Marie-Madeleine Blazevic mussten sich in der Schule einiges anhören. Die 46-Jährige hat sich mittlerweile zu ihrer Schwägerin gesellt: «Sie kamen oft weinend nach Hause.» Die Familie wehrte sich auf ihre Weise: «Wir luden die Klassenkameraden einfach zu uns ein. Als sie erfahren haben, wie wir lebten, hörten die Hänseleien auf.»

Kriminelle Fahrende aus dem Ausland

Bei den Fahrenden sind die Rollen klar verteilt, erklärt Margrit Gerzner: «Die Männer verdienen das Geld und die Frauen kümmern sich um die Kinder und den Haushalt.» Typische Tätigkeiten seien Messer und Scheren zu schleifen, die Männer der Schwägerinnen handeln mit Alteisen. Dafür ziehen sie durch die ganze Schweiz; Gerzners Mann arbeite heute in Bern: «Momentan spüren wir die Rezession. Wir leben wirklich von der Hand in den Mund.» Sie denkt kurz nach: «Eigentlich sind wir mit wenig zufrieden. Wir brauchen nur unsere Wohnwagen. Zudem ist der Familienzusammenhalt sehr stark.»

Perfektes Alter, um Kind grosszuziehen

Und diese Familie bekam vor drei Monaten Nachwuchs. Stolz hält Gerzner ihren Enkel Calvin in den Armen. Schwiegertochter Patricia Birchler sitzt neben ihr: «Kinder sind für mich das Schönste. Eigentlich wollte ich schon viel früher ein Baby. Aber jetzt mit 18 Jahren habe ich das perfekte Alter, um ein Kind grosszuziehen.» Wollte sie keine Ausbildung absolvieren? «Das ist nicht unser Ziel. Für unser Leben braucht man keinen Lehrabschluss», sagt sie überzeugt. Auch sie ist in einer Fahrenden-Familie gross geworden und könnte sich nichts anderes vorstellen. Ihr gefalle alles: das Aufbrechen, das Unterwegssein und das Heimkommen ins Winterquartier Spreitenbach.