Alfred Borter

Herr Vieli, gehts mit der Langstrasse respektive dem Rotlichtdistrikt wieder abwärts?

Rolf Vieli: Nein, so generell kann man das nicht sagen. Wir mussten damit rechnen, dass mit der Ausdehnung der Personenfreizügigkeit der Zustrom von Zuhältern und Prostituierten zunimmt. Wir wunderten uns bloss, dass das später kam als erwartet. Aber jetzt herrscht etwa am Sihlquai eine unglaubliche Dynamik, da sind mehrere Dutzend Frauen zusätzlich am Anschaffen.

Sie bezeichnen die Lage als besorgniserregend.

Vieli: Das ist sie bezüglich des ausufernden Sexmilieus. Was bei den Verfahren gegen Menschenhändler an

Gewalt und Abhängigkeit zum Vorschein kommt, ist erschreckend. Die Zuhälter bringen Erfahrungen aus dem Geschäft in Ungarn mit, und sie wissen, dass sie von der Schweizer Justiz und Polizei nicht gerade grob angefasst werden. Und wegen Kuppelei kann man ja nicht mehr verurteilt werden.

Trifft der Vorwurf der Kuscheljustiz gegenüber Menschenhändlern zu?

Vieli: Mir gefällt das Wort nicht. Tatsache ist aber, dass die jetzigen Urteile im Fall von Menschenhandel oft weniger streng ausfallen als in anderen Ländern.

Ist das meiste für die Katz, was die Stadt in den letzten acht Jahren, seit es das Projekt Langstrasse Plus gibt, für die Verbesserung der Lage unternommen hat?

Vieli: Nein. Früher hat die Drogenproblematik alles überschattet, das ist heute glücklicherweise nicht mehr so. Aber ich befürchte, wenn man nicht Gegensteuer gibt, dass Leute, die neu im Sexgewerbe ihr Geld verdienen, auch noch ins Drogengeschäft einsteigen werden. Das müssen wir verhindern. Ebenfalls müssen wir verhindern, dass sich der Strassenstrich ausdehnt.

Wie wollen sie das schaffen?

Vieli: Wir dürfen uns nicht einfach den Gesetzen des Marktes beugen, sondern müssen Regeln aufstellen. Das Sexgewerbe globalisiert sich, wir müssen auch neue Strategien entwickeln. Etwa indem wir ein Prostitutionsgesetz erarbeiten.

Was müsste darin stehen?

Vieli: Nachdem das Bundesgericht zum Schluss gekommen ist, das Sexgewerbe sei ein Gewerbe wie ein anderes auch, müsste man Leitplanken setzen, etwa arbeitsrechtliche Bestimmungen aufnehmen, man müsste die Gesundheit der Prostituierten und möglicherweise der Freier schützen, bauliche Vorschriften machen.

Die Hausbesitzer, welche an jene Roma vermieten, welche ihrerseits dann Prostituierte darin unterbringen, verdienen recht mit.

Vieli: Da verdient sich mancher eine goldene Nase und muss erst noch nichts in sein Haus investieren. Und es sind nicht nur Hausbesitzer, sondern auch Mieter oder Untermieter, die verdienen wollen.

Sie sagen, die Freier sollten wissen, dass sie zur Erhaltung dieses Systems beitragen. Wie sollen sie es zu wissen bekommen?

Vieli: Wir denken unter anderem an entsprechende Kampagnen. Ein Schnellschuss soll es aber nicht werden. Und auch die Frauen wollen wir ansprechen, zum Beispiel mit Broschüren in verschiedenen Sprachen. Die Bevölkerung kann darauf zählen, dass die Stadt die Probleme noch aktiver angehen wird.