Ueli Steck

Wieso es von Ueli Stecks Soloaufstieg auf die Annapurna keine Bilder gibt

Der Höhenbergsteiger Ueli Steck schreibt mit seiner Solo-Bezwingung der Annapurna-Südwand Alpinismus-Geschichte. Ein Gipfelfoto aber fehlt. Braucht es das überhaupt? Die Spurensuche in der Todeszone.

Was ist mit Ueli Steck los? Keine Freude, zittrige Stimme, unsichere Antworten, dünnhäutig, überfordert. Er versucht, seine Eindrücke zu schildern. Es bleibt beim Versuch. Er hält inne. Es ist nicht das Bild eines modernen Helden, der sich mit seiner Leistung an der Annapurna unsterblich gemacht hat. Steck wirkt zerbrechlich. «Ich brauche jetzt Distanz», sagt er. «Raum, um abzuschalten.» Deshalb will er sich zurückziehen, zurückziehen, um sein alpines Lebenswerk zu verarbeiten, um sich die Sinnfrage zu stellen. Wie es weitergehen soll. Die denkwürdigen Tage im Oktober 2013 nochmals reflektieren – vielleicht zu hinterfragen.

«Mission erfolgreich», schreibt Ueli Stecks Team am 11. Oktober aus dem Basislager auf 4100 Metern Höhe per SMS auf dessen Website. Die Nachricht der Durchsteigung der Annapurna-Südwand verbreitet sich in Windeseile. Die Einträge in den Foren sind bewundernd bis überschwänglich, die Medien sofort zur Stelle, um die Leistung des 37-jährigen Berners zu würdigen. Steck hat sich seinen Traum erfüllt. «Neuer Rekord: Ueli Steck bezwingt alleine die Annapurna-Südwand», titelt der «Blick». «Swiss climber’s greatest Himalayan ascent», druckt «The Guardian», «Es ist die wohl spektakulärste alpinistische Leistung des Jahres», schreibt der «Spiegel».

Der verlorene Fotoapparat

Am 9. Oktober gelingt Steck die Erstbesteigung der 2500 Meter hohen Südwand der Annapurna, die wegen ihrer Lawinen als extrem gefährlich und wegen ihrer Exponiertheit als äusserst schwierig gilt. Ihm gelingt das hochalpine Kunststück. Um ein Uhr nachts steht er auf dem 8091 Meter hohen Himalaja-Riesen, dem zehnthöchsten Berg der Erde.

28 Stunden nach dem Aufbruch kehrt Steck ins Basislager zurück, wo ihn sein Expeditionskollege Don Bowie in Empfang nimmt. Der Kanadier, der mit Steck aufgebrochen war und vor dem Einstieg in die Wand umdrehte, hält Stecks Rückkehr auf seiner Website filmisch fest. Das und die gezoomten Aufnahmen Stecks während seines Aufstiegs sind die einzigen Bilder – und neben den Aufzeichnungen des Höhenmessers die einzigen Beweise, die als Anerkennung dieser Solotour dienen müssen. Reicht das? Die Kamera, die Steck bei sich trug, verlor er, als er in der Wand ein Bild knipsen wollte. Eine kleine Lawine entriss sie ihm just in diesem Moment.

Der Medienstar, der keiner sein will

Nicht eine Lawine, sondern eine Flut von Fragen erfasst Steck nach seiner Heimkehr in die Schweiz. Neben dem Beifall muss er sich auch kritischen Fragen stellen. Ein Gipfelsieg ohne optisches Beweismaterial, ohne eindeutige Augenzeugen: Genügt das in einer hoch technologisierten Welt, in der Kurzmitteilungen vom Mount Everest versandt werden, in der über Satellit jeder Punkt der Erde angepeilt werden kann, um Gipfelstürme anzuerkennen? Ueli Steck reagiert gereizt. «Wenn man mir nicht glaubt, kann ich das nicht ändern. Ich habe es für mich persönlich getan. Punkt. Ich suche die Öffentlichkeit nicht.» Tatsächlich? Steck gibt der «Schweizer Illustrierten» noch in Nepal via Satelliten-Telefon ein Interview, er spricht im Nachrichtenmagazin «10vor10» ausführlich von seinen Erlebnissen, er tritt in der «Sportlounge» im Schweizer Fernsehen auf, im «Talk Täglich» bei Tele Züri. Der zurückhaltende, bescheidene Ringgenberger zieht die Medien an und lässt sie gewähren. Die Gesetzmässigkeiten sind ihm bewusst.

Messner wittert eine Verschwörung

Abenteurer-Legende Reinhold Messner, der mit Hans Kammerlander 1985 die Annapurna-Nordwestwand bezwang, glaubt, Stecks Gefühlswelt deuten zu können. Er zweifelt nicht an dessen Glaubwürdigkeit. «Weil er zu den herausragenden Alpinisten unserer Zeit gehört und sein Können richtig einschätzt», sagt der 69-Jährige gegenüber der «Nordwestschweiz». Messner wittert in den kritischen Stimmen eher eine Verschwörung. «Ich habe das selber zur Genüge erlebt.» Seine Version der Nanga-Parbat-Expedition von 1970, als sein Bruder Günther ums Leben kam, wird bis heute von verschiedenen Kreisen angezweifelt. «Wenn sie dich an den Pranger stellen wollen, dann hast du keine Chance, das zu widerlegen», so Messner.

Überzeugt von der Echtheit sind auch die Profibergsteiger Roger Schäli und Robert Bösch. Der Bergführer und Fotograf Bösch kennt Steck seit vielen Jahren. Er war mit ihm 2007 an der Annapurna, als Steck von einem Stein am Kopf getroffen wurde und die Expedition abbrechen musste. «Uelis Wort gilt. Ich vertraue ihm zu 100 Prozent», sagt Bösch. Auch Schäli wischt alle Bedenken an Stecks Alleingang weg: «Sein Wort ist für mich zentral. Es geht dabei um die Nachvollziehbarkeit. Um so etwas leisten zu können, muss man seine Hausaufgaben gemacht haben. Ueli hat sie gemacht.»

Top-Alpinisten wie Bösch, Messner oder Schäli stellen sich demonstrativ vor ihren Berufskollegen. Ans Undenkbare darf offensichtlich nicht gedacht werden. Trotzdem sei die Frage erlaubt: Nur schon aus Selbstschutz – weshalb hat sich Steck nicht besser abgesichert?

Todeszone ist auch eine Grauzone

Dass die Todeszone eine Grauzone ist, lässt sich nicht bestreiten. Die alpinen Betrugsversuche sind so dreist wie legendär: 1997 etwa löste die vermeintliche Besteigung des Lhotse durch die Italiener Sergio Martini und Fausto de Stefani Zweifel aus. Der ihm folgende Bergsteiger, Park Young-seok, konnte klären, dass die Fussspuren der beiden mindestens 150 Höhenmeter unterhalb des Gipfels endeten. Die Besteigung wurde nicht anerkannt.

Für Aufsehen sorgte 2010 der Österreicher Christian Stangl am K2. Statt sich den Misserfolg einzugestehen, machte er irgendwo zwischen Basislager und Gipfel ein Bild von sich und verbreitet die Nachricht, er sei oben gestanden. Heute lässt sich Stangl zitieren, er habe den inneren Erfolgsdruck nicht ausgehalten. Bewegt sich Ueli Steck mit seiner Darstellung etwa in ähnlich unwegsamem Gelände? Gründet seine Zerrissenheit gar auf Selbstzweifeln? Eine Umfrage unter Bergführern stärkt Steck den Rücken. Als Person ist er integer und als Sportler unantastbar, zu gut ist sein Ruf und damit verbunden – seine Glaubwürdigkeit. Dennoch: Auch wenn für Bergprofis wie Messner oder Schäli die Devise zählt «ein Mann ein Wort», hätte es Möglichkeiten für die Beweiserbringung gegeben. «Der Fotoapparat ist auf meinen Expeditionen bei Minus 30 Grad Celsius auch schon ausgestiegen», sagt Reinhold Messner. «Ich habe dann versucht, am letzten Felsen im Gipfelbereich einen Aluminiumstreifen oder Ähnliches zu befestigen.» Solche Überlegungen hatten bei Ueli Steck auf der Annapurna keinen Platz. «Wenn man sich über einen so langen Zeitraum in exponiertem Gelände bewegt, stellen sich solche Fragen nicht, sondern es zählt einzig, wie man überlebt.» Ein nachvollziehbarer Gedanke. Auf ihn warteten 2500 Meter Abstieg, über Eis und senkrechten Fels.

Nicht alles beweisbar

Stecks Schilderungen lösen Bewunderung aus. Er bewegt sich mit seinem Tun in einer Sphäre, die Reinhold Messner als «nutzlos, aber nicht sinnlos» bezeichnet. Es sind Illusionen, Träume, Sehnsüchte, welche bei den Menschen geweckt werden, Vortragssäle füllen und die Outdoor-Industrie boomen lassen. Doch wer denkt, die Sponsoren verlangten nach Transparenz, sei enttäuscht. Stecks Ausrüster verweisen auf das freundschaftliche Verhältnis und sogar der Hauptsponsor Audi lässt «Die Nordwestschweiz» wissen: «Wir sind der Meinung, dass Ueli Steck seine Leistungen nicht beweisen muss.» Begründung: Seine Klasse sei unbestritten und in der Fachwelt zweifle niemand an seinen Erfolgen.

Was bleibt, sind Restzweifel, die schwer auszuräumen sind. Dessen ist sich Steck bewusst und deshalb ist er auch gekränkt. Roger Schäli aber ist überzeugt: «Ueli würde zu einem Misserfolg stehen, er ist ja auch schon am Everest umgekehrt, ohne auf dem Gipfel zu stehen.» Robert Bösch bringt die Frage nach der Glaubwürdigkeit auf den Punkt: «Es gehört zum Wesen des Alpinismus, dass man nicht alles beweisen kann.»

Die Aussage lässt die Bewunderer der alpinen Heroen ratlos am Bergfuss zurück. Ueli Steck nicht auf der Annapurna? Undenkbar.

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